Großbritannien Windige Subventionen

Kernkraftwerk Hinkley Point B im Südwesten Englands: Im Jahr 2025 soll dort ein Nachfolge-Atommeiler ans Netz gehen, Hinkley Point C.

(Foto: Chris Ratcliffe/Bloomberg)

Das Land unterstützt den Bau eines Kernkraftwerks mit 108 Milliarden Euro. Dabei wäre grüne Energie billiger, wie eine Studie ermittelt hat. Bei der EU sind auch schon mehrere Klagen anhängig.

Von Björn Finke

Es wird eines der teuersten Kraftwerke der Welt. Zugleich ist es ein Symbol der neuen britischen Energiepolitik: In der idyllischen Grafschaft Somerset, im Südwesten Englands, sollen der französische Stromkonzern EDF und ein chinesischer Partner einen Atommeiler bauen. Der heißt Hinkley Point C, soll 2025 ans Netz gehen und 25 Milliarden Euro kosten. Es wird erwartet, dass der Vorstand von EDF die Riesen-Investition bei einer Sitzung am kommenden Mittwoch bewilligt. Als Belohnung können Franzosen und Chinesen üppige Subventionen einstreichen - die britische Regierung garantiert 35 Jahre lang einen sehr hohen Abnahmepreis des Stroms. Dieses Geschenk ist umstritten; beim Gericht der Europäischen Union wurden Klagen dagegen eingereicht.

Einer der Kläger ist der deutsche Ökostromanbieter Greenpeace Energy, einst gegründet von den Umweltschützern, nun unabhängig. An diesem Donnerstag veröffentlichen das Hamburger Unternehmen und eine Beratungsgesellschaft eine Studie, welche die Kritik an Hinkley Point C untermauert. Demzufolge ist die zugesagte Einspeisevergütung für den Atommeiler, also der garantierte Preis, derartig hoch, dass das Königreich damit die gleiche Menge Energie zuverlässig und ohne Schwankungen durch Öko-Strom gewinnen könnte. Die Regierung würde sogar noch Geld sparen. "Großbritannien würde zu geringeren Kosten ein sauberes, leistungsfähiges und flexibles Gesamtsystem bekommen", sagt Studienautor Thorsten Lenck von der Berliner Beratungsfirma Energy Brainpool.

Doch London geht einen anderen Weg. Seit dem Wahlsieg der Konservativen im Mai wurden reihenweise Subventionen für grünen Strom gekappt. Dabei braucht das Land dringend neue Stromquellen, denn Energieministerin Amber Rudd verkündete im November den Ausstieg aus der Kohle: Bis 2025 soll das letzte Kohlekraftwerk abgeschaltet werden. Kohlemeiler stoßen viel Kohlendioxid aus und heizen so die Atmosphäre auf - das Good-bye der Briten ist ihr Beitrag zum Klimaschutz.

Das Stromnetz ist überlastet. Firmen erhalten Geld dafür, ihren Verbrauch zu drosseln

Die Dreckschleudern erzeugten im vergangenen Jahr jede vierte Kilowattstunde Strom im Königreich. Das will die konservative Politikerin allerdings nicht durch grüne Energie ersetzen, sondern durch neue Gaskraftwerke und eine ganze "Flotte" neuer Atommeiler, wie sie sagt. Hinkley Point C soll nur den Anfang machen.

Den Nachschub für die Gaskraftwerke soll Fracking sichern. Im Gestein unter der Insel lagert viel Gas, das mit dieser umstrittenen Technik gefördert werden kann. Bisher wird das nirgendwo in Großbritannien angewandt - die Anwohner sind dagegen. Aber die Regierung räumt mit Gesetzesänderungen Hürden aus dem Weg.

Kein Zweifel: Die Briten planen die etwas andere Energiewende.

Und die Zeit drängt. In den vergangenen Jahren legten Betreiber schon viele alte unrentable Kohlemeiler still, zugleich wurde kaum in neue Kraftwerke investiert - Geld floss vor allem in Windkraft- und Solaranlagen, die von Subventionen für grüne Energie profitierten. Das Ergebnis: Es gibt bereits in diesem Winter beunruhigend wenige Kraftwerke, die bei starker Nachfrage oder beim Ausfall eines anderen Meilers Kapazitäten frei haben und schnell ihre Produktion erhöhen können. Wind- und Sonnenstrom fehlt diese Flexibilität.

Als im November mehrere Kraftwerke ausfielen, musste der Netzbetreiber Firmen Geld dafür zahlen, dass diese ihren Energieverbrauch drosseln. Sonst hätte es Stromausfälle gegeben. Werden bis 2025 die verbleibenden Kohlekraftwerke abgeschaltet, verschärft sich dieser Engpass. Zumal die meisten Atommeiler des Königreichs im kommenden Jahrzehnt ebenfalls das Ende ihrer Laufzeit erreichen. Sie stehen für ein Fünftel der Stromproduktion.

Die Beihilfen könnten auch genügend Windräder finanzieren

Anders als in Deutschland unterstützt in Großbritannien die Mehrheit der Bürger weiterhin die Kernkraft; die Katastrophe im japanischen Fukushima vor fünf Jahren hat daran nichts geändert. Doch neue Atommeiler als Ersatz für alte Kern- und Kohlekraftwerke zu errichten, ist teuer, langwierig und riskant. Außerdem senkte der Ausbau der grünen Energie in den vergangenen Jahren den Börsenpreis für Strom im Königreich - genau wie in Deutschland. Deswegen musste die britische Regierung dem französischen Versorger EDF und seinem chinesischen Partner einen hohen Abnahmepreis für den Strom aus Hinkley Point C garantieren.

Die EU-Kommission billigte diese Beihilfe im Jahr 2014, aber im vorigen Sommer reichte Österreich Klage gegen diese Entscheidung ein. Eine Reihe deutscher und österreichischer Stadtwerke und Stromversorger - darunter Greenpeace Energy - schickte eine zweite Klage ans Gericht der Europäischen Union. Die Kläger befürchten, dass der hoch subventionierte Atomstrom aus Hinkley Point C die Preise in anderen europäischen Ländern verdirbt.

Dagegen sagten Frankreich, Polen, die Slowakei, Tschechien und Ungarn den Briten und der EU-Kommission Unterstützung in dem Prozess zu - alles Länder, die viele Atommeiler betreiben oder deren Bau planen. Ein Urteil gegen die Subventionen für Hinkley Point C könnte die Finanzierung neuer Reaktoren in diesen Staaten erschweren.

Die Kläger schätzen, dass die hohen Garantiepreise über 35 Jahre einer Beihilfe von atemberaubenden 108 Milliarden Euro entsprechen. Dazu bürgt die Regierung für 16,5 Milliarden Euro an Krediten der Bauherren, was deren Zinslast senkt. In einer Studie für den Kläger Greenpeace Energy kommen die Berater von Energy Brainpool zu dem Schluss, dass Großbritannien für 108 Milliarden Euro Zuschüsse auch statt eines Atommeilers neue Windkraftanlagen plus Speichertechnik bauen könnte. Windturbinen alleine sind keine Alternative zu Kernkraftwerken, da sie Strom nicht zuverlässig, berechenbar und flexibel liefern. Bei einer Flaute fließt kein Strom.

Doch den Fachleuten zufolge sind die Subventionen für Hinkley Point C so üppig, dass sie problemlos die nötige Speichertechnik mitfinanzieren könnten. Diese Anlagen würden überschüssigen Windstrom nutzen, um aus Wasser Wasserstoff zu gewinnen. Der lässt sich speichern und später - bei schwachem Wind - wieder in Strom umwandeln. So könnten die Windparks genauso zuverlässig und flexibel Strom einspeisen wie ein Atommeiler.

Die britische Regierung wird diese Studie nicht von ihrem Plan abbringen. London hofft auf eine Renaissance der Kernkraft. Es würde eine teure Renaissance.