Großbritannien Qualifiziert und nicht erwünscht

Arzt und Schwester in einem britischen Krankenhaus: In den vergangenen Monaten wurden Hunderten Ärzten, Ingenieuren und Programmierern Fachkräfte-Visa verweigert, obwohl sie Stellenangebote hatten.

(Foto: Alamy/mauritius images)

Die britische Einwanderungsbe­hörde ver­weigert dringend gesuchten Fachkräften die nötigen Visa. Die Unter­neh­men sind alarmiert.

Von Björn Finke, London

Sie haben ein lukratives Jobangebot, sind gut qualifiziert und würden mit ihren Steuern einen Beitrag zur Finanzierung des Königreichs leisten. Aber sie dürfen nicht einreisen. Die britische Einwanderungsbehörde verweigert jeden Monat Hunderten Programmierern, Ingenieuren und Ärzten aus aller Welt ein Arbeitsvisum. Solange Großbritannien in der EU ist, dürfen Europäer ohne Genehmigung auf der Insel leben und Geld verdienen. Wollen Unternehmen aber Fachkräfte von anderen Kontinenten einstellen, ist ein Visum nötig. Und seit kurzem ist diese Erlaubnis nur noch schwer zu bekommen.

Premierministerin Theresa May führte schon 2011, in ihrem früheren Job als Innenministerin, eine Höchstgrenze von 20 700 solcher Visa pro Jahr ein. Die Zahl verteilt das Home Office, das Innenministerium, auf die einzelnen Monate. Bis Ende vorigen Jahres wurde dieses monatliche Limit nur einmal erreicht, in allen anderen Monaten blieb die Zahl der Anträge unter dem Deckel. Doch seit Dezember 2017 werden die Kontingente stets erschöpft. Die Behörden mussten daher von Dezember bis März jeden zweiten Antrag ablehnen, wie Daten des Home Office zeigen. Das betraf unter anderem fast 1900 Menschen aus Gesundheitsberufen sowie 1600 Computerfachleute und Ingenieure. Sie alle hatten ein Jobangebot; sie alle haben Qualifikationen, die Firmen nicht leicht finden.

Die Unternehmer sind alarmiert. "Es ist selbstzerstörerisch, bewusst den Zugang zu Fachkräften aus aller Welt einzuschränken", sagt Matthew Percival vom größten Wirtschaftsverband CBI. Zumal der Ärger mit den Visa ein Vorbote für Schlimmeres sein könnte: Die britische Regierung will nach dem Brexit - und der vereinbarten Übergangsphase bis Ende 2020 - neue Einwanderungsregeln für Europäer erlassen. Innenminister Sajid Javid wird bis zu den Sommerferien Vorschläge präsentieren. Klar ist, dass die komplette Freizügigkeit für Beschäftigte aus EU-Staaten enden wird. Unklar ist, was stattdessen kommt.

Die Lobbygruppe CBI warnt jedenfalls vorsorglich, dass es ein "Desaster" wäre, wenn das System der Fachkräfte-Visa in Zukunft auch für EU-Einwanderer gelten würde. Die Regeln für Europäer müssten weniger strikt sein. Die Unternehmer Ihrer Majestät sind so beunruhigt, weil viele Firmen ohnehin Probleme haben, anspruchsvolle Stellen zu besetzen. Die Arbeitslosenquote ist mit 4,2 Prozent so niedrig wie zuletzt in den Siebzigerjahren, und die Wirtschaft wächst, wenn auch langsamer als vor dem EU-Referendum. Daher sind die Konzerne auf Einwanderer angewiesen.

Doch Premierministerin May hat sich festgelegt, die Zahl der Migranten nach dem Brexit deutlich zu senken. Sie argumentiert durchaus plausibel, dass viele Wähler für den Austritt gestimmt haben, weil ihnen zu viele Ausländer auf ihrer lieblichen grünen Insel leben. Daher möchte die Politikerin den Brexit nutzen, um endlich ein Versprechen ihrer Konservativen Partei einzulösen: Die Netto-Migration, die Zahl der Einwanderer abzüglich der Zahl der Auswanderer, soll auf unter 100 000 pro Jahr fallen. Dieses Ziel gaben die Tories bereits 2010 aus, allerdings verfehlte die Regierung es jedes Jahr aufs neue - und das deutlich.

In den zwölf Monaten bis September 2017 - die jüngsten ermittelten Daten - betrug der Wert 244 000. Das Königreich ist also aus Sicht der Einwanderungsgegner im Land und in der Regierung noch viel zu einladend. Für die Klagen von Managern, sie könnten ohne neue Migranten Stellen nicht besetzen, hat dieses Lager wenig Verständnis. Die Firmen müssten einfach mehr junge Briten aus- und fortbilden, heißt es dann.

Das Land verlässt erst 2019 die EU, doch schon jetzt kommen weniger Osteuropäer auf die Insel

Die Unternehmer argumentieren, dass sie das bereits machen, aber trotzdem ein steter - und nicht zu kleiner - Zustrom an Ausländern nötig sei. Deswegen schmerzt es auch, dass die Firmen bereits die Folgen des Brexit spüren. Zwar tritt das Land erst im März 2019 aus der EU aus, doch vor allem für Osteuropäer hat es bereits an Reiz eingebüßt. Die Zahl der Beschäftigten im Königreich, die aus diesen Staaten stammen, sank im vergangenen Jahr.

Das Pfund hat seit dem Referendum kräftig an Wert verloren: schlecht für Osteuropäer, die Teile ihres Lohns in die Heimat überweisen wollen. Diese Entwicklung macht Stellen im boomenden Deutschland und anderen Euro-Staaten attraktiver im Vergleich zu Jobs im Königreich. Die Unsicherheit über den künftigen Status von EU-Bürgern und ihren Familien schreckt ebenfalls manche Europäer ab, die ansonsten gerne in Großbritannien eine Stelle angetreten hätten.

Weil es schwieriger ist, EU-Bürger für den Umzug zu begeistern, suchen die Unternehmen stärker auf anderen Kontinenten nach Arbeitern. Dies erklärt, wieso plötzlich immer die monatliche Obergrenze für Fachkräfte-Visa ausgeschöpft wird. Ob es der Regierung passt oder nicht: Die Firmen wollen Ausländer, egal woher.