Griechische Bonität heraufgestuft So stark, weil es so schwach ist

Lange Zeit schien es, als stünde der Austritt Griechenlands aus der Währungsunion unmittelbar bevor. Doch nicht erst die Heraufstufung des Landes durch die Ratingagentur Standard & Poor's macht deutlich: Davon kann keine Rede mehr sein.

Von Hans von der Hagen

Manchmal ist das schwächste Glied einer Kette eben ihr stärkstes - Griechenland liefert den Beleg dafür. Die Angst, dass an den Hellenen die Kette des Euro reißen könnte, hat in Europa nicht nur zu mühsamen Diskussionen und hektischen Reaktionen geführt, sondern auch zu einer bemerkenswerten informellen Zusammenarbeit: die zwischen Europäischer Zentralbank und Politik.

Natürlich würde die EZB das nie so nennen, doch als Zentralbank-Chef Mario Draghi im Juli die Unumkehrbarkeit des Euro beschwor, schuf er die Basis für das, was die Politik nicht zu leisten vermochte: den Glauben daran, dass die Währungsunion eine Zukunft hat. Denn die EZB hat eben auch genügend Geld, um die Unumkehrbarkeit des Euro zu finanzieren. Draghi drückte das so aus: Die EZB werde "im Rahmen ihres Mandats alles Notwendige" tun, um den Euro zu erhalten ... und glauben Sie mir - es wird ausreichen."

"Pleite light"

Der Lohn dieser seltsamen Zusammenarbeit ist Zuversicht. Sie spiegelt sich seit jenen Sommertagen, in denen Draghi mit seinen Worten die Märkte überraschte, in dem Kurs des Euro wider, der seinerzeit zu einem eindrucksvollen Höhenflug ansetzte.

Doch nicht nur das: Gleichzeitig fielen stetig die Zinsen, die die Griechen für ihre Darlehen zahlen mussten. Zum Vergleich: Im März zahlte Athen noch Zinsen von bis zu 40 Prozent für seine Schulden, an diesem Mittwoch sind es nur noch zwölf Prozent. Das ist der tiefste Stand seit März 2011.

Angesichts dieser Entwicklung überrascht es kaum, dass nun auch die Ratingagentur Standard & Poor's den Griechen wieder ihr Vertrauen schenkt: Sie bewertet das Land neu mit einem "B-", also als ein spekulatives Investment. Bisher steckte Griechenland für die Agentur in einer "Pleite light" - oder, wie es die Agentur ausdrückt, einem "selective default".

Der Grund für die düstere Einschätzung war, dass das Land zuletzt die eigenen billig gehandelten Schulden am Finanzmarkt zurückgekauft hatte. Das widersprach der Vereinbarung, mit der alle Anleihen an Anleger verkauft werden. Sie besagt, dass der Gläubiger gewöhnlich erst am Laufzeitende den Kredit in voller Höhe zurückzahlt.

Doch die Aussicht, durch den günstigen Rückkauf auf einen Schlag viele Milliarden Euro an Schulden loszuwerden, war für Griechenland zu verlockend. Griechenland profitierte dieses Mal von der eigenen schwachen Kreditwürdigkeit.

Die Heraufstufung der Kreditwürdigkeit begründet S&P mit der jetzt unverkennbaren Absicht der Euro-Partner, das Land in der Währungsunion zu halten. Lange sah es ja auch so aus, als wären Politiker und Ökonomen gleichermaßen glücklicher, wenn das Land die Eurozone verlasse. Je früher, desto besser. Nicht nur wegen immer neuen Finanzlöchern in Griechenlands Haushalt. Sondern auch, weil wirtschaftliche Gesundung im starren Euro-Regime kaum möglich erschien.

Troika sieht noch "sehr große" Risiken

Die meisten Ökonomen dürften von dieser Position bis heute kaum abgerückt sein, doch die Politik lässt zumindest in offiziellen Aussagen derzeit keinen Zweifel daran, dass Griechenland in der Währungsunion bleibt. Offenkundig ist die Sorge, mit einem Austritt am Ende vor einem gewaltigen politischen Scherbenhaufen zu stehen, größer als die Furcht vor neuen Milliardenzahlungen.

Ins Bild passt auch, dass die EZB schon in Kürze wieder griechische Anleihen als Sicherheit für Kredite an die Banken des Landes akzeptieren wird. Grund sei die positive Bewertung der Reformen in Griechenland durch die Troika aus EZB, EU-Kommission und Internationalem Währungsfonds IWF, hieß es. Seit Juli hatte die EZB keine griechischen Bonds mehr als Sicherheiten angenommen. Die Banken des Landes konnten darum praktisch nur noch über eine Sonderkreditlinie ihrer nationalen Notenbank an Geld kommen.

Ein Stück weit kehrt also die Normalität für die Griechen zurück. Freilich ausschließlich an den Finanzmärkten. Denn zur griechischen Wirklichkeit gehört an diesem Mittwoch genauso, dass aus Protest gegen die Entlassungswelle im öffentlichen Dienst an zahlreichen Orten gestreikt wird. Und in dem Troika-Bericht, der die EZB so zuversichtlich macht, ist eben auch von "sehr großen" Risiken die Rede, die weiterhin bestünden.

Trotz allem aber gibt es nun einen wesentlichen Unterschied zur Lage im Sommer: Ein Verbleib Griechenlands im Euro steht derzeit nicht mehr in Frage. Die Schwäche Griechenlands hat die Nation in der Euro-Gruppe wieder stark gemacht.