Griechenlands Schuldenkrise Gift und Galle in Brüssel

Schlechte Stimmung in Brüssel: Griechenlands Finanzminister Varoufakis und Finanzminister Schäuble auf einer Aufnahme von Anfang Februar

(Foto: Bloomberg)

Die Stimmung ist am Boden, eine Einigung in weiter Ferne. Griechenland und die Euro-Gruppe ringen um den Kurs aus der Schuldenkrise. Gerade Finanzminister Schäuble findet sich in einer ungewohnten Rolle.

Report von Cerstin Gammelin

Gefühle sind nicht Sache von Finanzministern, schon gar nicht bei der Arbeit. Aber auch diese Regel ist im Streit der Euro-Partner mit Griechenland außer Kraft gesetzt. Beim gemeinsamen Frühstück der europäischen Ressortchefs am Dienstagmorgen in Brüssel, etwas mehr als zwölf Stunden nach dem Eklat vom Montagabend, da habe über dem Raum "ein Dampf aus Gift und Galle" gelegen, erzählt ein EU-Diplomat eines großen Euro-Landes.

Gift und Galle sind ungewöhnliche Worte, um eine Sitzung von Finanzministern zu beschreiben. Tatsächlich aber führte am Montagabend der erneute Zusammenstoß des griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis mit den Kollegen der Euro-Gruppe dazu, dass man nach einer Stunde entnervt und unter gegenseitigen Schuldzuweisungen auseinanderging. Varoufakis hatte darum gebeten, vier Monate Aufschub zu erhalten, um Reformen vorbereiten zu können. In dieser Zeit sollte die Euro-Gruppe die griechischen Banken über die Europäische Zentralbank am Leben erhalten. Unverschämt, befanden die Euro-Partner. Statt einer Antwort drückten sie Varoufakis eine vorbereitete Erklärung in die Hand. Er solle eine Verlängerung des bestehenden Kreditprogramms beantragen, mit allen dazugehörigen Verpflichtungen. Absurd, befand Varoufakis.

Sollte Europa an dem Hilfsprogramm für Griechenland festhalten?

Das verhasste Wort "Troika" wird seit Freitag nicht mehr verwendet. Aber zu einer Übereinkunft über den Finanzierungsplan sind Griechenland und die EU trotzdem noch nicht gekommen: Soll das alte Hilfsprogramm fortgeführt werden oder braucht es einen Plan B? Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Danach hatten sich beide Seiten nichts mehr zu sagen. Die Euro-Gruppe sah sich genötigt, ein Ultimatum zu stellen. Wenn man zusammenarbeiten wolle, müsse die neue Regierung das schriftlich beantragen. Anschließend ließen Minister und Unterhändler ihrem Ärger freien Lauf. Sie sind wütend auf Griechenland, das "50 Shades of Grey" bei den Verhandlungen spiele, also ihnen Fesseln anlegen wolle und Schläge androhe - zumindest verbal, und sauer sind sie auch auf die Europäische Kommission, die versucht hatte, im Konflikt zu vermitteln.

Kommissionschef Jean-Claude Juncker, der sich vor Jahren einen Ruf als Vermittler zwischen Frankreich und Deutschland erwarb, hatte mehrmals zum Telefon gegriffen, um mit Athen und Berlin zu reden. Am Sonntagabend bereitete die Behörde ein Kompromisspapier vor, aus dem später der Text wurde, den die Euro-Gruppe dem griechischen Finanzminister vorlegte - und damit bei ihm abblitzte.

"Ob sie einen Plan haben? Ich weiß es nicht"

Will Griechenland nun eine Verlängerung des Hilfsprogramms oder nicht? Finanzminister Schäuble fordert glaubwürdige Zusagen von der griechischen Regierung. Premier Tsipras meldet sich mit scharfer Kritik zu Wort. mehr ...

Einen Plan B gibt es ganz offensichtlich nicht

Der Grieche habe den Text auch deshalb abgelehnt, weil die Kommission ihm zuvor die frühere, deutlich moderatere Version gezeigt habe, kritisierten einige. Ein fataler Verhandlungsfehler. Zudem habe EU-Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici an beide Seiten appelliert, "logisch und nicht ideologisch" zu handeln.

Zu allem Übel ließ es sich der britische Schatzmeister George Osborne am nächsten Morgen nicht nehmen, bei den angeschlagen am Tisch sitzenden Kollegen aus der Euro-Zone nachzufragen, ob es jetzt auch einen Plan B gebe, also, für den Fall, dass sich die Länder mit dem Euro weiter nicht einigen könnten. Was der Niederländer Jeroen Dijsselbloem, der Vorsitzende der Runde der Euro-Finanzminister, schmallippig verneinte. Der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone sei keine Option. Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble fand an dem Einmischungsversuch des Briten nicht so viel Gefallen. Ironisch merkte er an: Osborne könne ja neuer Chef der Euro-Gruppe werden.