Griechenland Warum Sparen so unterschiedlich wirkt

Viele Beispiele für eine aufheiternde Austerität haben Ökonomen in der Geschichte nicht finden können, sagt der schottische Wirtschaftswissenschaftler Mark Blyth. Meist brechen Geschäfts- und Konsumklima erst einmal ein.

(Foto: AFP)
  • Warum richtet Sparen in machen Ländern Schaden an - in anderen nicht?
  • Positive Folgen gab es dann, wenn sich Verluste über Exporte wettmachten, die durch Herumkürzen im Land entstehen.
  • Doch der Export macht in Griechenland gerade mal ein Drittel des BIPs aus.
Von Thomas Fricke

Noch ist offen, wie das dritte Rettungspaket genau aussehen wird. Nur eins gilt jetzt schon: die Griechen erleben in diesen Tagen die siebte große Welle von Kürzungen und Steuererhöhungen seit Beginn der Krise. Und die Frage ist: Droht jetzt die nächste Rezession? Oder könnte derlei Austerität diesmal Wunder wirken, wie jene prophezeien, die stets auf die Balten verweisen? Esten, Letten und Litauer hätten auch hart gekürzt - und kurz darauf zu wachsen begonnen. Also doch Grund zur Hoffnung?

Kaum zu bestreiten ist, dass jeder Wirtschaft erst einmal Verluste drohen, wenn wie jetzt die Mehrwertsteuer steigt. Oder wenn Rentner weniger Geld haben. Und der Staat weniger Aufträge vergibt. Entscheidend ist, ob diese Verluste durch positive Austeritätseffekte wettgemacht werden - etwa dadurch, dass Firmen mit einem Krisenende rechnen und investieren. Oder die Wirtschaft so wettbewerbsfähig wird, dass sie im Ausland mehr extra verkauft, als sie im Inland einbüßt.

Viele Beispiele für eine aufheiternde Austerität haben Ökonomen in der Geschichte nicht finden können, sagt der schottische Wirtschaftswissenschaftler Mark Blyth. Meist brechen Geschäfts- und Konsumklima erst einmal ein. Schon eher könnte die Wette auf das Ausland aufgehen. Bei den sagenumwobenen Balten fielen Löhne und Preise so stark, dass sie in der Tat Marktanteile gewannen und die Litauer ihren Export nach Deutschland seit 2008 um fast 90 Prozent steigerten. Ob das zur Übertragung auf die Griechen taugt, ist damit nicht gesagt - zumal keines der drei Länder bis 2014 den Einbruch der Wirtschaft wettmachen konnte.

Griechenland fehlen die konjunkturfreudigen Nachbarn

Besonders geholfen hat den Balten, dass ihr Export schon vor der Krise 40 bis 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmachte - und es um sie herum Länder wie Deutschland gab, wo die Konjunktur lief. Klar: Wenn der Export ohnehin viel zur Wirtschaftsleistung beiträgt, haben kleine prozentuale Ausfuhrzuwächse große Wirkung. Arithmetik. Umso schneller lassen sich Verluste über den Export wettmachen, die durch Herumkürzen im Inland entstehen.

SZ-Grafik

Hier liegt der große Unterschied. Die Griechen haben vielfach nicht weniger oder langsamer gekürzt. Verglichen zu den Handelspartnern sind die Preise seit 2009 um zwölf Prozent gefallen, bei den Letten um zehn Prozent. Nur fehlten die konjunkturfreudigen Nachbarn. Und: Der Export von Waren macht in Griechenland nur 16 Prozent des BIP aus - schon wegen der Lage und den vielen Inseln. Zählt man Tourismus und andere Dienstleister dazu, kommt gerade ein Drittel aus dem Geschäft mit dem Ausland. Für die Austeritätswette der Griechen heißt das, dass sie den Export um 20 Prozent erhöhen müssen, um zehn Prozent Rückgang der Produktion fürs Inland auszugleichen. Ein Herkules-Akt. Den Esten reichten zum Ausgleich zwei bis drei Prozent Exportzuwachs. Eine andere Welt.

Der Hafen von Thessaloniki: Der Export von Waren macht in Griechenland nur 16 Prozent des BIP aus.

(Foto: Bloomberg)

Das könnte erklären, warum Austerität funktionieren kann, sobald kleine Länder mit ohnehin starker Exportorientierung von günstiger Konjunktur im Ausland profitieren. Eher selten. Es kann aber auch erklären, warum dieselbe Politik bei den Griechen so verheerend gewirkt hat. Und dann ist es fahrlässig, jetzt das siebte ähnliche Paket draufzulegen, ohne etwa die Investitionen im Land stark anzuschieben. Nach Schätzung der Pariser Ökonomin Véronique Riches-Flores droht die Wirtschaftsleistung um weitere 13 Prozent einzubrechen, wenn die Vorgaben so umgesetzt werden, wie es in der dramatischen Brüsseler Nacht Anfang Juli festgelegt wurde. Lieber nicht.

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