Griechenland Schuldenschnitt nach Austritt

Eine Frau steht in Athen vor einer geschlossenen Bank.

(Foto: REUTERS)

Griechenland soll Hilfe bekommen. Aber aus freien Stücken und vor allem zur Bekämpfung der humanitären Katastrophe - und nur außerhalb des Euro. Eine Antwort auf Jeffrey Sachs.

Ein Gastbeitrag von Hans-Werner Sinn

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Ich habe größten Respekt vor dem fähigen, nachdenklichen Ökonomen Jeffrey Sachs. Trotzdem glaube ich, dass er die historische Realität nicht richtig sieht. Sein Vergleich mit Deutschland in der Weimarer Republik ist schief. Erstens litt Deutschland unter der Last von Reparationsforderungen, während Griechenland bislang in riesigem Umfang Kredithilfen von anderen Ländern bekam und weiterhin bekommen soll. Zweitens lief Deutschland damals in die Katastrophe, weil es nicht abwerten durfte. Ein Schuldenschnitt würde nur die Symptome der griechischen Krise beseitigen, doch die Arbeitslosen nicht von der Straße bringen. Das kann nur durch einen Austritt aus der Währungsunion gelingen.

Druck auf Deutschland wie vor fünf Jahren

Den Druck, der durch Artikel wie jenen von Jeffrey Sachs und vielen anderen derzeit gegenüber Deutschland aufgebaut wird, hat man in ähnlicher Form schon vor fünf Jahren erlebt. Damals sträubte sich Deutschland, einer europäischen Rettungsarchitektur zuzustimmen, weil es Angst hatte, dass ihm dadurch die Schulden der Südländer ans Bein gebunden werden würden. Das war das Schreckensszenario, das Deutschland mit dem Beistandsverbot des Maastrichter Vertrages (Artikel 125 AEUV) hatte ausschließen wollen und weshalb es dieses Verbot zur Bedingung für die Aufgabe der D-Mark machte. Als aber der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy im Mai 2010 zum Äußersten ging und mit dem Austritt Frankreichs aus der Währungsunion drohte, knickte Angela Merkel ein. Druck gab es auch im Frühsommer 2012, als es darum ging, die Rettungsarchitektur durch den dauerhaften Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM und eine Bankenunion zu verfestigen. Damals gab es in der internationalen Presse eine regelrechte Treibjagd auf die Kanzlerin, bis sie nachgab.

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Nun kommt es, wie es kommen musste. Nachdem die privaten Anleger, die in Griechenland unterwegs waren, sich allesamt aus dem Staub gemacht und ihre griechischen Schuldpapiere der Staatengemeinschaft übertragen haben, kommt der Ruf nach einem Schuldenerlass. Der internationale Druck wird anschwellen, bis Deutschland wieder nachgibt.

Der Autor

Hans-Werner Sinn ist Präsident des Ifo-Instituts in München.

Wer waren eigentlich die privaten Anleger, die gerettet wurden? Vor allem die deutschen Banken, wie Sachs meint? Weit gefehlt. Vorn lagen die französischen Banken, die bis zum Frühjahr 2010, als die Rettungsschirme beschlossen wurden, 53 Milliarden Euro an die privaten und öffentlichen Sektoren Griechenlands verliehen hatten. Erst an zweiter Stelle folgten die deutschen Banken mit 33 Milliarden Euro, danach die US-amerikanischen mit zehn Milliarden Euro und die britischen mit neun Milliarden Euro.

Es stimmt nicht, wie Sachs behauptet, dass das Rettungsgeld nur, oder auch nur vornehmlich, der Rettung der Banken diente. Bis zum Juni 2015 hat Griechenland 344 Milliarden Euro an Krediten von der EZB, dem IWF und der Staatengemeinschaft erhalten. Das waren 192 Prozent des BIP von 2014 oder rund 83 000 Euro pro griechischem Haushalt. Von dem Geld wurde ein Drittel verwendet, um die Auslandsschulden der griechischen Volkswirtschaft zu bezahlen, die aus einem überhöhten Konsum der Vorkrisenjahre resultierten. Ein Drittel diente der Finanzierung des laufenden Lebensstandards der griechischen Bevölkerung während der Krise ab 2008, konkret des Leistungsbilanzdefizits, und ein Drittel der Finanzierung der Kapitalflucht der Griechen selbst. Aber das Argument, die Deutschen hätten im Wesentlichen sich selbst gerettet, ist zu süffig, als dass man es sich durch die Fakten kaputt machen lassen will. Es geht jetzt ums Weichklopfen für den Schuldenschnitt.

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