Griechenland So riskant ist Europas Grexit-Spiel

Die Schuldenkrise in Griechenland nimmt kein Ende. Straßenkünstler Gion hat den Euro auf einem Wandbild in Athen bereits zu Grabe getragen.

(Foto: Bloomberg)
  • Stunde um Stunde verhandelten Unterhändler von IWF, EU-Institutionen und Griechenland in dieser Woche - doch ohne Erfolg. Noch immer ist man sich etwa über Wachstumsziele Griechenlands uneinig.
  • Am Donnerstag verließen die Verhandlungsdelegationen des IWF und das griechische Team Brüssel.
  • Die Verhandlungen sollen EU-Kommissionschef Juncker zufolge aber bald weitergehen. Die Zeit für eine Einigung drängt.
Fragen & Antworten von A. Mühlauer, M. Zydra, C. Hulverscheidt und C. Hoffmann

Die Lage ist ernst. Griechenland braucht frisches Geld, sonst muss die Regierung in Athen Bankrott anmelden. Sollte es dazu kommen, bekämen vor allem Europas Steuerzahler die Rechnung präsentiert. So weit, so klar. Doch die wirklichen Abläufe eines Grexit kennt niemand. Ein solches Ereignis gab es noch nicht. Die SZ beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie viel Zeit hat Athen noch?

Die griechische Regierung und die Gläubiger müssen sich bis spätestens 30. Juni auf eine Lösung im Schuldenstreit einigen, denn an diesem Tag läuft das aktuelle Hilfsprogramm aus. Gibt es eine Übereinkunft, kann der Gouverneursrat des Euro-Rettungsfonds ESM die Hilfen in Höhe von 7,2 Milliarden Euro an Griechenland auszahlen. Bevor das passiert, müssen die Regierung in Athen und die Geldgeber sich aber auf einen Reformkatalog einigen. Dieser muss dann von der Euro-Gruppe, die turnusgemäß am 18. Juni tagt, genehmigt werden. Der Deutsche Bundestag und alle anderen nationalen Parlamente der Eurozone müssten dem dann noch zustimmen.

Wann spricht man vom Grexit?

Der Grexit müsste in einem Ausstiegsvertrag zwischen Athen und der EU beschlossen werden, schließlich wurde die Eurozone für die Ewigkeit gegründet. In den Verträgen der Währungsunion ist deshalb nicht geregelt, wie der Ausstieg eines Mitgliedslandes zu vollziehen ist. Die Eurozone kann Griechenland nicht rauswerfen.

Was ist die größte Gefahr?

Viele Politiker und Notenbanker befürchten, dass der Grexit schmutzig abläuft. Denn was würde passieren, wenn Griechenland seine Schulden nicht mehr bedienen kann, aber dennoch in der Eurozone bleiben möchte und sich einem Ausstiegsvertrag verweigert? Wie ginge man damit um, würde Griechenland eine Parallelwährung einführen? Auch um dieses Durcheinander zu verhindern, sucht man seitens der Geldgeber nach einer Einigung.

Enttäuschte Unterhändler verlassen Brüssel

Griechenlands Premier Tsipras berät erneut mit EU-Kommissionspräsident Juncker - ergebnislos. Ein Urteil aus Athen treibt die griechische Regierung weiter in die Enge. Analyse von Alexander Mühlauer, Brüssel, und Christiane Schlötzer mehr ... Analyse

Wie viel Geld steht auf dem Spiel?

Insgesamt haben die Geldgeber Griechenland etwa 321 Milliarden Euro geliehen. Gläubiger sind der Internationale Währungsfonds (IWF), die Europäische Zentralbank (EZB) und vor allem der Euro-Rettungsschirm EFSF (siehe Grafik). Deutschland steht für 50 Milliarden Euro gerade.

Griechenland hat die drei im Juni anstehenden Tilgungszahlungen an den IWF zu einer einzigen zusammengefasst, die erst Ende des Monats fällig wird. Kann Athen weitere Zahlungen aufschieben?

Nein. Eine in den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geschaffene Regelung erlaubt es einem IWF-Mitgliedsstaat, mehrere in einem Kalendermonat anstehende Tilgungsraten zu einer zu vereinen - nicht mehr und nicht weniger. Dabei reicht es, wenn die betreffende Regierung den Fonds über ihr Vorhaben informiert, einer Zustimmung der IWF-Gremien bedarf es nicht. Der letzte Staat, der diese Möglichkeit in Anspruch nahm, war Sambia - vor drei Jahrzehnten.

SZ-Grafik; Quelle: IWF, Eurostat

Was passiert, wenn Griechenland tatsächlich eine Kreditrate an den IWF nicht zurückzahlt?

Technisch betrachtet läuft zwei Wochen nach einem Zahlungsausfall ein mehrstufiges Verfahren an, das mit einer Mahnung an die Regierung in Athen beginnen würde. Nach vier Wochen müsste IWF-Chefin Christine Lagarde den 24-köpfigen Exekutivrat informieren. Nach drei Monaten könnte den Griechen der Zugang zu ihren Kapitaleinlagen beim IWF gekappt werden, nach zwölf bis 15 Monaten würde der Fonds dann jede Unterstützung des Landes einstellen. Nach insgesamt zwei Jahren würde ein Ausschlussverfahren eingeleitet, das im Rauswurf des Landes aus dem Fonds gipfelte.