Längst hat sich das Attac-Bündnis über die ursprünglichen Ziele hinaus entwickelt - inzwischen eint es die Kritiker-Szene.
Seit Genua ist alles anders. "Früher wurden unsere Pressemitteilungen einfach ignoriert", sagt Sven Giegold. Heute gelte: "Wenn Attac etwas sagt, dann wird es aufgenommen."
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Und das nicht nur von den Medien, sondern auch von der Politik. Die Grünen machen Avancen, und "gerade erst haben wir eine Einladung vom Auswärtigen Amt bekommen", berichtet Attac-Sprecher Giegold. "Das gab es früher nicht."
Früher musste der junge Ökonom auch noch nicht ganztags ehrenamtlich für das globalisierungskritische Netzwerk schuften. Denn früher - das heißt vor den medienwirksamen Massenprotesten beim G8-Gipfeltreffen Ende Juli in Genua - ging es beschaulich zu im Bundesbüro von Attac Deutschland in Verden.
Mitgliederzahl verdoppelt
Ein bis zwei Neuzugänge zählte man pro Tag, heute sind es bis zu 60. Die Mitgliederzahl hat sich binnen Wochen auf mehr als tausend verdoppelt; und ständig werden neue Ortsgruppen gegründet.
Nach Anlaufschwierigkeiten bei der Gründung des Netzwerks Ende vergangenen Jahres scheint Attac nun auch in der Bundesrepublik zur ersten Adresse der Globalisierungs-Kritiker zu werden.
In Frankreich ist es das längst. Dort wurde Attac im Juni 1998 auf Initiative der Monatszeitung Le Monde diplomatique gestartet.
Der Name Attac steht für Association pour une Taxation des Transactions financières pour l`Aide aux Citoyens - Vereinigung zur Besteuerung der Finanztransaktionen zur Hilfe der Bürgerinnen und Bürger.
Kämpfer für die Tobin-Steuer
Die Gründer, Zeitungen, Gewerkschaften und Nichtregierungs-Organisationen (NGO), fordern als zentrale Botschaft eine Steuer auf internationale Finanztransaktionen, die so genannte Tobin-Steuer.
Sie soll es Spekulanten erschweren, auf Kosten ganzer Volkswirtschaften schnelle Gewinne mit Devisenspekulationen zu machen.
Zugleich sollen die Steuereinnahmen der Dritten Welt zugute kommen.
Die Attac-Gründer trafen einen Nerv der Zeit. Das in Frankreich weit verbreitete Unbehagen an einer Weltwirtschaft und Weltkultur amerikanischer Prägung hatte eine Protest-Plattform gefunden.
Hier sammelten sich enttäuschte Linke aller Art, Umweltschützer, Dritte-Welt-Aktivisten, christliche Gruppen und Arbeitslosen-Initiativen - kurz alle, die die Verhältnisse gründlich verändern wollten.
"Wahre Linke"
In ihren Zielen unterscheiden sie sich erheblich, aber sie eint eine Überzeugung: Der Markt allein kann es nicht sein.
So konnte sich das Netzwerk in Frankreich zur erfolgreichsten politischen Bewegung dieser Jahre entwickeln. Es sieht sich als "wahre Linke" im Unterschied zur Regierungs-Linken.
Mittlerweile hat die französische Gruppe mehr als 30000 zahlende Mitglieder, die sich in 120 Lokalkomitees organisiert haben. Etwa 130 Abgeordnete der Nationalversammlung und 60 Senatoren bekennen sich zu Attac.
Mehr als 40 000 Menschen haben die Attac-Informationsbriefe im Internet abonniert. Und die Bewegung wächst. Organisatorisch helfen ihr dabei Gewerkschaften, die bezahlte Mitarbeiter abstellen.
Denn bei aller Heterogenität ist Attac Frankreich gut organisiert. Eine Satzung regelt die Befugnisse von Mitgliederversammlung, Verwaltungsrat, Büro und Wissenschaftsbeirat. Erheblichen Einfluss haben sich die Gründer vorbehalten.
Damit soll garantiert werden, dass niemand die Beweggründe der Bewegung verfälscht.
Volkshochschule für Wirtschaftspolitik
Allerdings hat sich Attac thematisch weit über die geforderte Kontrolle der Finanzmärkte hinaus entwickelt.
Heute beackert die Vereinigung das ganze Feld der Globalisierungskritik, etwa die Themen Entschuldung, Steuerflucht oder Demokratisierung der Finanzinstitutionen.
Die Bewegung sieht sich dabei als eine Art Volkshochschule, die die Bürger über Wirtschaftspolitik aufklären will.
Darüber hinaus versteht sie sich aber auch als Aktionsgruppe, die Tausende Demonstranten in Marsch setzen kann - nach Seattle, Prag, Göteborg oder Genua.
Präsent in 30 Staaten
Außerhalb Frankreichs haben sich Attac-Gruppen in knapp 30 Staaten von Argentinien über Polen bis Kamerun gebildet. Die Mitgliederzahl liegt weltweit bei rund 55000.
Die einzelnen Landes-Netzwerke sind unterschiedlich organisiert und von Frankreich weitgehend unabhängig. "Es gibt keine zentralen Kommandos, die von Paris losgeschickt werden", sagt Oliver Moldenhauer von Attac Deutschland.
In der Bundesrepublik ist das Netzwerk bisher kein eigenständiger Verein, sondern wird rechtlich von einer NGO namens Share getragen.
Basis von Attac sind die Ortsgruppen in zahlreichen Städten Deutschlands.
Internet wichtigstes Organisationsmittel
Die politischen Leitlinien und Groß-Aktionen legt ein Koordinierungskreis per E-Mail und bei monatlichen Treffen fest, in dem Vereinigungen wie Euromärsche, Pax Christi oder Weed vertreten sind.
Das Bundesbüro in Verden übernimmt die Pressearbeit, organisiert Demonstrationen oder Kampagnen und unterstützt Aufbau und Arbeit der Ortsgruppen.
Wichtigstes Organisationsmittel ist das Internet (www.attac-netzwerk.de). Finanziert wird die Bewegung nach eigenen Angaben durch Mitgliedsbeiträge, Spenden, Zuschüsse nahe stehender Vereinigungen und Kredite.
Die Großdemo als Waffe
Obwohl sie nur einen Bruchteil der Attac-Arbeit ausmachen, bleiben Großdemos die schlagkräftigste Waffe - weil sie so werbewirksam sind .
"Genua war ein großartiger Erfolg", freut sich Bernard Cassen, Präsident von Attac Frankreich. Doch das schnelle Wachstum bringt Probleme.
Die Gruppe will einerseits dezentral, offen und unhierarchisch bleiben, andererseits möchte sie "eine Art Sekretariat der internationalen sozialen Bewegung" werden, wie die Zeitung Libération schreibt.
Dies aber setzt Geschlossenheit und straffe Strukturen voraus. Zudem hat Attac einen Doppelcharakter: Die Gruppierung agiert unter ihrem Symbol, einem Prozentzeichen, wie eine selbstständige NGO, bleibt aber zugleich Bündnis verschiedener Gruppen, zu denen in Deutschland die Gewerkschaft Verdi, der Bund für Umwelt und Naturschutz oder Pax Christi gehören.
Die Gegner von Attac spekulieren, die Bewegung werde bald an ihren inneren Widersprüchen zerbrechen. Sven Giegold hält dem entgegen: "Das prophezeit man uns schon lange. Trotzdem sind wir immer stärker geworden."
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