In Italien geht die größte Kritiker-Bewegung auf die Kirche zurück: Das Netzwerk Lilliput.
(SZ vom 13.10.2001) Im Märchenland Liliput verkehrte sich die Größe Gullivers in Ohnmacht. Jeder einzelne der kaum daumengroßen Liliputaner zurrte ein Haar des schlafenden Engländers fest, der dann, in einem dichten Netz gefesselt, bewegungslos am Boden liegen blieb.
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Die bitterböse Fantasie von Jonathan Swift inspirierte vor zwei Jahren italienische Globalisierungskritiker: Sie guckten ihre Strategie im Kampf für eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung bei den Zwergen ab und gründeten 1999 Rete Lilliput - das Netzwerk Liliput. Inzwischen ist es die am schnellsten wachsende Protestbewegung Italiens.
"Wie die kleinen Liliputaner den Riesen Gulliver aufhalten konnten, wollen wir den wirtschaftlichen Tyrannen stoppen, indem jeder seinen kleinen Kampf in Verbindung mit den anderen führt", heißt es im Gründungsmanifest des katholisch geprägten Netzes.
Der Zulauf ist groß: 585 Gruppierungen haben sich bislang der Bewegung angeschlossen. Darunter sind Missionarsorden, Kongregationen und katholische Basisgruppen, Pax Christi und kirchliche Dritte-Welt-Gruppen, aber auch Naturschützer und viele kleine, lokale Arbeitskreise. Eine umfangreiche Website dient Lilliput als Plattform für die Kommunikation, Abstimmung und Planung.
Doch das Netzwerk ist keinesfalls rein virtuell: Landesweit entstanden rasch 80 reale Knotenpunkte. Die große Anziehungskraft dieses Netzes verdankt Rete Lilliput seinem Auftreten: Es gibt keine Anführer, keine Hierarchien, keine nationalen Strukturen. Dafür ein Netzwerk, in dem Ideen von der lokalen Ebene ausgehen.
"Vor einem Jahr undenkbar"
Den Anstoß gab ein Paradox: Kaum ein Land ist so reich an Organisationen, die für die Entschuldung der Entwicklungsländer, den fairen Handel und die Tobin-Steuer, für eine Reform der Weltbank und gegen die Liberalisierungsbestrebungen der Welthandelsorganisation (WTO) eintreten wie Italien.
Doch der Vielfalt an isoliert arbeitenden Gruppen stand ein großes Manko an Bekanntheit und politischer Wirkung gegenüber. Heute fühlen sich die Lilliput-Initiatoren bestärkt: "Eine so riesige Mobilisierung der Katholiken ist noch vor einem Jahr unvorstellbar gewesen", bilanzierte Pax-Christi-Präsident Bischof Diego Natale Bona nach dem G8-Gipfel von Genua.
Im Unterschied zu anderen Kritiker-Bewegungen war das Netzwerk stets mehr daran interessiert, eigene Inhalte voranzutreiben, als sich physisch mit den Gullivern der Weltwirtschaft vom Internationalen Währungsfonds bis zur WTO zu messen. Im Vordergrund stehen die Durchsetzung einer gerechten, nachhaltigen Wirtschaftsordnung, die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für andere Lebensstile und eine neue Konsum-Ethik.
Nach Genua, wo Lilliput einen großen Teil der friedlichen Demonstranten stellte, erteilte man der Fixierung auf Gipfeltreffen eine Absage. "Wir sind es leid, nur an den Straßenprotest zu denken", sagt Netzwerk-Koordinator Fabio Lucchesi. Es sei an der Zeit, wieder auf die eigenen Themen zu schauen - nicht auf die Plexiglas-Schutzschilder der Polizei.