Gewinnwarnung Siemens Sechs schmerzvolle Zeilen

Es wird eng für Siemens Chef Peter Löscher: Die bisherigen Ziele für 2014 sind nicht haltbar.

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Klare Sache, so schlechte Erkenntnisse müssen den Finanzmärkten gemeldet werden: Siemens-Chef Löscher wird die geplante Rendite nicht erreichen. Prompt stürzt die Aktie ab - zeitweise verliert das Dax-Papier sieben Prozent an Wert. Der Druck auf Löscher und Aufsichtsratschef Cromme wächst.

Von Karl-Heinz Büschemann und Caspar Busse

Die Vorstandssitzung am Donnerstagvormittag verlief für Siemens-Chef Peter Löscher frustrierend. Die Chefs der vier großen Geschäftsbereiche berichteten von äußerst schleppend laufenden Umsätzen. Bald war klar, dass der Münchner Konzern das von Löscher vorgegebene Ziel einer Rendite von zwölf Prozent bis zum Jahr 2014 auf keinen Fall erreichen könne.

Klare Sache. So schlechte Erkenntnisse müssen den Finanzmärkten umgehend gemeldet werden. Die Meldung war dann lediglich sechs Zeilen kurz, aber umso schmerzvoller: Der Konzern, so hieß es, müsse sein Renditeziel "überwiegend aufgrund geringerer Markterwartungen" aufgeben. Ein Paukenschlag. Damit korrigiert Löscher nicht etwa ein erwartetes Quartalsergebnis, sondern eine zentrale mittelfristige Vorgabe. Der Österreicher hatte das ehrgeizige Ziel erst im Herbst des vergangenen Jahres unter der Überschrift "Siemens 2014" angekündigt.

Sofort stürzte die Aktie ab: Zeitweilig verlor das Papier des Dax-Schwergewichts mehr als sieben Prozent ihres Wertes. Solche Kursverluste kommen nur in gravierenden Fällen vor. Schon länger entwickelt sich der Aktienkurs schlechter als der Dax.

Industriegeschäfte und Energiesektor leiden unter der Konjunkturflaute

In drei der vier großen Geschäftsbereiche läuft es derzeit schlecht. Gut steht nur die Gesundheitssparte da. Die Industriegeschäfte leiden unter der weltweiten Konjunkturflaute, die großen Konzerne investieren nicht wie gewünscht. Ähnlich läuft es im Energiesektor, der Kraftwerke und Turbinen liefert. Die relativ neue Sparte Infrastruktur und Städte hat ganz eigene Probleme, zum Beispiel beim Verkauf von Hochgeschwindigkeitszügen.

Zuletzt hatte nur die Gesundheitssparte mit 13,6 Prozent die ursprünglich angepeilte Rendite von zwölf Prozent übertroffen. Die anderen Bereiche lagen deutlich darunter: Energie mit 8,8 Prozent, Industrie mit 7,6 Prozent, und Infrastruktur und Städte erreichte kümmerliche 0,7 Prozent.

Es war schon lange klar, dass Löscher seine Prognose für 2014 nicht erreichen kann. Doch er hielt unverdrossen daran fest, ließ keinen Millimeter von seinem Ziel ab. Jetzt kommt es dicke. Das Ganze ist peinlich für den Vorstandsvorsitzenden, der seit sechs Jahren bei Siemens im Chefbüro sitzt und schon für so viele schlechte Nachrichten sorgte. Das Abrücken von der Prognose ist auch kein Ruhmesblatt für den Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme. Der musste wegen Management-Fehlern erst im März als Aufsichtsratsvorsitzender von Thyssen-Krupp zurücktreten.

Der Druck auf Löscher könnte nun weiter steigen

Löscher wollte mit seinen Zielen den Druck im Konzern hochhalten. Doch nun muss er wohl feststellen, dass unrealistische Ziele nicht weiterführen. Er will mit dem Effizienzprogramm, zu dem auch ein Personalabbau gehört, die Wettbewerbsfähigkeit verbessern und rund sechs Milliarden Euro sparen. Zum Maßnahmenkatalog gehört auch die Trennung von wenig rentablen Geschäften.

Damit hat er sich sogar mit den Arbeitnehmervertretern angelegt, die ihm vorwarfen, ein Klima der Angst zu erzeugen und sich zu stark an den Bedürfnissen der Börsen zu orientieren. Siemens brauche "einen Kurswechsel, bei dem wieder der Mensch im Mittelpunkt steht", sagte jüngst der Chef des Gesamtbetriebsrats, Lothar Adler.

Der Druck auf den bedrängten Konzernchef könnte nun weiter steigen - zumal er nicht zum ersten Mal seine Ziele kassiert hat. Erst im Mai beim Ausblick für den Gewinn im laufenden Jahr hat er zurückrudern müssen. Vor gut zwei Jahren hatte Löscher, der nach der Korruptionsaffäre bei Siemens auf den Chefposten gekommen war, ein Umsatzziel von 100 Milliarden Euro angekündigt. Auch davon ist Siemens nach etlichen Verkäufen von Konzernteilen weit entfernt.

Viele gescheiterte Projekte

Löscher und sein Aufsichtsratsvorsitzender Cromme, der den Österreicher vom amerikanischen Pharmakonzern Merck zu Siemens holte, stehen nun gemeinsam unter Druck. Vieles, was die beiden anpackten, wurde zur Enttäuschung - nicht nur die Gründung des Bereichs Infrastruktur und Städte. Auch der geplante Börsengang der Tochtergesellschaft Osram, der dem Konzern Milliarden in die Kasse bringen sollte, misslang. Immerhin glückte dann die Abspaltung des Licht-Geschäfts Anfang Juli.

Der gemeinsame Bau eines Atomkraftwerks in Finnland mit der französischen Areva liegt seit Jahren hinter dem Zeitplan. Der Anschluss eines Windräder-Parks in der Nordsee an das Stromnetz gelang nicht wie versprochen - und Siemens verabschiedete sich nach hohen Verlusten aus dem Geschäft mit Sonnenstromerzeugung. Am Donnerstag wurde zudem bekannt, dass der Münchner Konzern in den USA neue Probleme hat: Windräder müssen nachgerüstet werden, weil ein Zulieferer geschludert habe. Die Kosten dafür könnten 100 Millionen Euro betragen.

In der Führung des Konzerns gibt es jede Menge Reibereien. Löscher und seine Vorstandskollegen sind zerstritten. Es ist also eine scheinbar endlose Reihe schlechter Nachrichten. Und am Donnerstag nächster Woche kommen auch noch Quartalszahlen. Viele bei Siemens warten darauf, dass Aufsichtsrat Cromme nun endlich durchgreift.