Gewinnspiele Süchtig nach Glück

Anhänger von Gewinnspielen versuchen mit skurrilen Tricks, Preise am laufenden Band zu ergattern - zum Ärger der Unternehmen, die eigentlich neue Kunden suchen.

Von Reinhold Rühl

Kürzlich bei Kaufland machte Eva-Maria Stiller wieder einmal fette Beute. Nein, gestohlen hat die 47-jährige Hausfrau natürlich nichts. Die Plastikbox am Eingang der Fotoabteilung zog sie an, mit der Werbung für das Gewinnspiel eines Foto-Großlabors. Mit schnellem Griff schnappte sich die Chemnitzerin sämtliche Teilnahmekarten, schaute kurz nach links und rechts, ließ den Stapel in ihrer Handtasche verschwinden.

Glücksfee bei der Zeitschrift Prinz in Hamburg.

(Foto: Foto: Reinhold Rühl)

Solche Karten sind begehrt bei Gewinnspiel-Fans wie Eva-Maria Stiller. In Supermärkten und Fachgeschäften grasen sie Regale ab, sammeln bunte Werbekarten, wie andere Leute Bonuspunkte. Vor allem wenn attraktive Preise locken. Beim "Cewe-Color-Gewinnspiel" gibt es einen roten Smart Coupé, drei Kurztrips ins Disneyland Paris und vier Reisen zum Udo-Jürgens-Musical nach Hamburg zu gewinnen. Die ebenfalls verlosten Digitalkameras sind "ooch nischt zu verachten", sächselt Eva-Maria Stiller, packt ihre Beute auf den Schreibtisch und stürzt sich in der Dreizimmerwohnung am Rand von Chemnitz in die Arbeit.

"Mein Hobby artet schon manchmal in eine Sucht aus".

Zuerst zieht sie bunten Wellkarton aus einem Schrank, Format A4. Dann schreibt sie den Lösungsspruch auf die Rückseite der 64 Karten, die sie im Supermarkt ergattern konnte. Auf die Vorderseite klebt sie bunte Adress-Sticker mit fünf verschiedenen Namen: Mal in Gold, das ist ihre Farbe, mal in Blau, der Farbe ihres Mannes. Sohn Falk ist Grün, Tochter Nadja kupferfarben. Seit einigen Monaten hat auch der künftige Schwiegersohn einen roten Aufkleber. Die so präparierten Originalkarten klebt Eva-Maria Stiller paarweise auf jeweils einen Wellkarton, so dass Vorder- und Rückseite zu sehen sind. Dadurch kann sie zwar nur die Hälfte der Karten an den Veranstalter schicken. Aber das, so glaubt sie, "zahlt sich aus": Größere Karten mit griffigem Karton fielen auf und hätten bessere Chancen bei der Ziehung als die dünnen Originalkarten.

Locken interessante Preise, greift Stiller zu einer Zackenschere. Das Schneiderwerkzeug, mit dem sich Säume vor dem Ausfransen schützen lassen, ist ihre Wunderwaffe im Kampf um die Gewinne. Damit verziert sie die Ränder der Karten, die sie an die Veranstalter von Preisausschreiben verschickt. "Bei der Ziehung", hofft die Hausfrau, "spürt die Glücksfee die Spitzen." Solche Geheimtipps kursieren unter Gewinnspiel-Fans. Schließlich lassen sich mit Preisausschreiben, Verlosungen oder Zahlenrätseln Sachpreise im Wert von fünfstelligen Summen gewinnen - Fortunas Hilfe vorausgesetzt. Anders als beim Zahlenlotto kostet eine Teilnahme lediglich das Porto. Und immer häufiger ist dies sogar ohne Kosten möglich: Veranstalter bieten verstärkt Gewinnspiele im Internet an. So listet das Online-Portal www.gewinnspiele.com jeden Tag zwischen 30 und 50 neue Gewinnspiele auf - im vergangenen Jahr waren es in Deutschland knapp 10.000. Viele davon laufen nur im Internet, Tendenz steigend. Bis zu 350.000 Nutzer klicken pro Monat das Portal an.

Eva-Maria Stiller bevorzugt den Postversand. Mit ihren gezackten Karten wurde sie eine der erfolgreichsten Gewinnspielerinnen Deutschlands. Die Gewinnspiel-Postille Veras Glücks-Ratgeber kürte sie gar zu "Sachsens Gewinnspiel-Königin". Seit die gelernte Sekretärin nach der Wende ihren Job verlor, findet sie fast jede Woche im Briefkasten eine Gewinnmitteilung. "Herzlichen Glückwunsch", schrieb ihr eben erst eine Firma aus Thüringen. "Sie haben ein Schokoladen-Verwöhnpaket gewonnen." Über solche Gimmicks freut sich Stiller nur noch verhalten. Sie hat schon fast alles bekommen, wovon Gewinnspiel-Fans nur träumen: 935 Sachpreise, darunter sechs Fahrräder, fünf Fernsehgeräte, einen sprechenden Globus, ein Gummiboot, Reisen nach Rom, Paris und Istanbul. Ihren bisher größten Coup landete sie vor zehn Jahren: ein roter Opel Corsa.