Gewalt gegen Helferinnen in Hongkong Aufstand der Hausmädchen

Demonstranten in Hongkong versuchen, auf das Leid der Hausangestellten aufmerksam zu machen.

Misshandlung als Berufsrisiko: In Hongkong arbeiten Hunderttausende Frauen aus Südostasien als Haushaltshilfen, viele unter schlimmen Bedingungen. Ein besonders brutaler Fall rückt ihr Leid auf die politische Agenda. Indonesien droht schon mit einem Hausmädchen-Embargo.

Von Marcel Grzanna, Shanghai

Sie sind Zehntausende und sie machen es sich auf Decken oder Kartons bequem, essen Selbstgekochtes, spielen Karten, stricken, plaudern, lachen. An Sonntagen belagern die Frauen Parks, Straßen, Unterführungen und U-Bahn-Haltestellen auf Hong Kong Island. Wo sollten sie auch sonst hin an ihrem freien Tag?

Der öffentliche Raum ist die einzige Anlaufstelle für die Haushaltshilfen, um Freunde zu treffen. An ihrem Arbeits- und Wohnort stehen kaum einer der Arbeiterinnen, die fast ausnahmslos von den Philippinen und aus Indonesien kommen, mehr als drei Quadratmeter Privatsphäre zu Verfügung. Nun sind die Frauen, in Hongkong nennt man sie Helper, zum Politikum geworden. Und die Wut ist groß.

Der Fall einer brutalen Misshandlung beschäftigt Südostasien, etwa 1000 Helper und ihre Unterstützer gingen vergangene Woche in Hongkong auf die Straße. Die indonesische Regierung hat sich nun eingeschaltet. Sie hat ein Embargo angekündigt: Haushaltshilfen aus ihrem Land will sie nicht mehr nach Hongkong lassen. Präsident Susilo Bambang Yudhoyono drückte "Ärger und Besorgnis" über die Behandlung seiner Landsfrauen aus.

Seit den siebziger Jahren gehören die Helper zu Hongkong wie die Köstlichkeiten des Dim Sum zu einem Mittagsmahl in der Finanzmetropole. Sie sind nur nicht so beliebt. Helper ist das englische Wort für Hilfskraft, es hat sich in der Stadt etabliert als Synonym für billige Haushaltshilfen aus ärmeren Ländern der Region. Sie kochen, putzen, pflegen Alte, erziehen Kinder.

Ihr Fall bewegt Südostasien: Erwiana Sulistyaningsih

Zwar sind sie in 320.000 Haushalten der Stadt unverzichtbarer Bestandteil des täglichen Lebens, doch Respekt genießen die Frauen selten. Drei von fünf geben in einer Umfrage an, sie würden mit rauem bis beleidigendem Ton behandelt. Jede Fünfte klagte über körperliche Übergriffe, sechs Prozent auch über sexuellen Missbrauch. Zudem sind sie abhängig von ihren Arbeitgebern. Amnesty International zufolge müssen die meisten von ihnen ihre Pässe abgeben, wenn sie die Arbeit antreten. Daher kommt wohl auch die Furcht, Misshandlungen anzuzeigen.

Diese Angst könnte nun weichen, auch wegen des Falles von Erwiana Sulistyaningsih. Der Mann, für dessen Haushalt sie verantwortlich war, verprügelte die junge Indonesierin monatelang immer wieder, bis sie nicht einmal mehr zur Toilette laufen konnte. Bilder der Frau, mit zugeschwollenem Gesicht in einem Krankenhaus-Rollstuhl, schockieren die Öffentlichkeit. Ihr Peiniger muss sich für seine Gewaltausbrüche vor Gericht verantworten. Es ist nicht der erste Fall dieser Art in der jüngsten Vergangenheit. Vergangenes Jahr wurde bekannt, dass ein Hausmädchen mit einem heißen Bügeleisen malträtiert wurde.

Ob die Indonesierinnen tatsächlich zu Hause bleiben, ist allerdings sehr fraglich. Viele Frauen im Land sehen als Haushaltshilfe in Boomstädten wie Hongkong oder Singapur ihre einzige Chance auf regelmäßige Einkünfte. Die Leiterin des Netzwerkes indonesischer Gastarbeiter, Eni Lestari, hält wenig von einem Haushälterinnen-Embargo: "Der Plan der Regierung ist eine Illusion. Die Regierung ist damit gescheitert, Arbeitsplätze bereitzustellen." Amnesty International fürchtet gar, ein Verbot könnte zu einer Zunahme des Menschenhandels führen. Die Frauen würden dann illegal nach Hongkong reisen.

Dann eben Helferinnen aus Myanmar

Und die Regierung der chinesischen Sonderwirtschaftszone? Sie scheint die Drohungen aus Jakarta nicht ernst zu nehmen. Sollten indonesische Helferinnen zu Hause bleiben, würde man einfach mehr aus Myanmar holen, tönen Politiker.

Es ist üblich, dass die Anstellung einer der Frauen mit ihrer Versorgung an Grundbedürfnissen verbunden ist. Sie bekommen eine winzige Kammer, die meist an die Küche grenzt und oft mit WC und Waschbecken ausgestattet ist. Viele Wohnungen in Hongkong werden bereits beim Bau entsprechend eingerichtet. Essen und Trinken für die Frauen ist in einem Arbeitsverhältnis ebenfalls inklusive. Manche verdienen aber gerade einmal das absolute Minimum von 1400 Hongkong-Dollar, umgerechnet rund 134 Euro. Von dem Geld unterhalten sie häufig einen Teil ihrer Familie in der armen Heimat.

Beliebt bei den Frauen sind Jobs bei den zahlreichen westlichen Familien, die oft nur wenige Jahre in der Stadt leben. Europäer oder Amerikaner zahlen in der Regel mehr als chinesische Arbeitgeber. Die Justiz wird das nicht ändern können, die Politik müsste den Mindestlohn um ein Vielfaches erhöhen. Das wird kaum möglich sein, weil es massive Widerstände hageln würde, die Lobby der Helper ist noch schwach. Immerhin haben die Richter nun die Chance, ein Zeichen zu setzen - mit einem strengen Urteil gegen den Ex-Arbeitgeber von Erwiana Sulistyaningsih.