Abrechnung mit den USA: Der Soziologe Sennett erklärt, warum die Amerikaner den Glauben an den Kapitalismus und die Zukunft ihres Landes verlieren.
Deutschland wird die Folgen der Finanzkrise besser verkraften als die Vereinigten Staaten - dieser Ansicht ist der amerikanische Soziologe Richard Sennett. Der 65-Jährige lehrt an der New York University und der London School of Economics. Sein Forschungsgebiet sind die Arbeitsbedingungen in der Industriegesellschaft. Kritisch setzte er sich zuletzt vor allem mit der hohen Flexibilität auseinander, die in der Globalisierung verlangt wird. Sein erstes wichtiges Buch war "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens" (1977). Über sein Fachgebiet hinaus bekannt wurde er 1998 mit "Der flexible Mensch". Sein neuestes Buch "Handwerk" erschien zu Jahresbeginn. Darin untersucht er die Entwicklung handwerklicher und industrieller Fertigkeiten in der Geschichte. Sennett wuchs in einem Armenviertel Chicagos auf und hat neben der amerikanischen die britische Staatsbürgerschaft.
Händler an der New Yorker Börse: (© Foto: dpa)
Anzeige
SZ: Herr Professor Sennett, die Vereinigten Staaten stecken in der schwersten Finanz- und Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Wie wirkt sich das auf die amerikanische Gesellschaft aus?
Sennett: Die Folgen sind gewaltig. Diese Gesellschaft hat bisher Ungleichheiten dadurch überdeckt, dass sie auf Pump lebte. Durch die Subprime Loans (zweitklassige Hypotheken), durch die unzähligen Kreditkarten, die die meisten Amerikaner haben, entstand eine Illusion von Wachstum, die jetzt zerstört wird. Die Menschen verlieren nicht nur ihren Arbeitsplatz, sondern auch ihr Haus, sie können sich das gewohnte Konsumniveau nicht mehr leisten. Das hat eine tiefe Bedeutung: Die Amerikaner glaubten, sie seien Sieger im Kapitalismus. Dies Selbstvertrauen verschwindet und wird ersetzt durch das Gefühl des Niedergangs.
SZ: Haben Sie Belege für diese fundamentale Aussage?
Sennett: Mein Forschungsgebiet ist die Arbeitswelt. Dies ist nicht nur eine Finanzkrise, sie hat mit der mangelnden Fähigkeit der amerikanischen Arbeitnehmer zu tun, im Wettbewerb mit dem Rest der Welt zu bestehen. Amerika hat es nicht geschafft, in der breiten Bevölkerung jene Fähigkeiten zu entwickeln, wie es sie in Europa oder in China gibt. Der falsche Finanz-Boom des frühen 21. Jahrhunderts hat die Illusion geweckt, dass der fundamentale Verlust an Fertigkeiten keine Rolle spielt. Und jetzt werden die Menschen gewahr, dass sie sich getäuscht haben.
SZ: Auch in anderen entwickelten Ländern verschwinden Arbeitsplätze und wandern in die frühere Dritte Welt ab. Was ist in den USA anders als in Europa?
Sennett: Es kommt darauf an, über welches europäische Land wir reden.
SZ: Nehmen wir Deutschland.
Sennett: Es mag Sie überraschen, aber Deutschland ist besser in der Lage, mit dieser Krise fertig zu werden als die USA. Die deutschen Arbeitnehmer sind besser ausgebildet, Deutschland exportiert immer noch Hightech-Maschinen in die ganze Welt, das System der Lehrlingsausbildung ist ausgezeichnet. Die USA haben eine effektive Analphabeten-Quote von 28 Prozent.
SZ: Ist das Ihr Ernst?
Sennett: Es geht um effektiven Analphabetismus, und der liegt dann vor, wenn jemand einen einfachen Vertrag oder einen längeren Text nicht lesen kann. Das Ausbildungsniveau ist sehr niedrig. Die USA importieren Ingenieure und Programmierer, weil es die entsprechenden Fertigkeiten hier nicht gibt. Ich weiß, dass das merkwürdig klingt: Amerika ist ein reiches Land und befindet sich doch im Niedergang. Und hier ist die Verbindung zur Politik: Am 4. November müssen die Wähler entscheiden zwischen Nostalgie und einem Gang ins Ungewisse.
Lesen Sie weiter, warum die US-Arbeitslosenstatistik geschönt ist.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 4 nächste Seite
- Vereinigte Staaten Lehman Bros ringt ums Überleben 12.09.2008
- Fannie Mae und Freddie Mac Mit der Wucht eines Hammers 09.09.2008
- Fannie Mae und Freddie Mac "Das ist ein Befreiungsschlag" 08.09.2008
- Krise auf dem Hypothekenmarkt US-Regierung greift durch 07.09.2008
- DIW-Präsident Zimmermann "Man darf nicht über alles gleichzeitig besorgt sein" 03.07.2008
Großprojekte in Berlin
Gratulation, das Interview und die Einschaetzung der Lage sind grossartig.
Insbesondere gleich am Anfang weist der Prof. auf die naechste hausge-machte Krise der USA hin (wenn es den leuten nicht gut geht, gehen sie einkaufen) - naemlich die Kreditkarten-Blase. Wohl auch deshalb hat die Regierung der AIG geholfen, denn die Mehrzahl der Kre4ditkarten-COMPANIES SIND BEI DER AIG VERSICHERT. wENN diese GElder eingefordert werden wuerde, waere Amerika auch praktisch Pleite!!!!!
Aber dann hat sich der Prof leider selbst widersprochen, wenn er ueber die Deutschen
lamentiert und sagt, dass er sich aufrege, wenn die Deutschen von der "Dummheit" der Amerikaner reden - die Amis seien nicht duemmer, sie wuerden nur nicht von ihren
Firmen weitergebildet. Ja sind denn diese Unternehmer keine AMis und deshalb auch dumm, weil sie sich nicht nur nicht selber sondern auch ihre Angestellte ueber CNN, Fox und Soap Opern und AMerican Idol und sex and crime and sex in the cities weiterbilden!!!!???
Es ist doch so (und in den letzten Jahren nur marginal besser geworden) dass in denFERNSEHNEWS in den USA stundelang ueber den Mord an der Ecke und den Unfall im DORF live berichtet wird, aber man fuer Weltnachrichten nur drei Minuten Zeit hat.
Das ist die Bildfung, die der Amerikaner forgesetzt bekommt und deshalb ist er - bis auf die Spitze - dumm.
Aber trotzdem grosses Dankescvhoen, vor allem deshalb, dass er die Palin als dekadent bezeichnet. Davior ziehe ich den Hut.
Mit besten Gruessen
Ulrich Blankenhorn zur Zeit in Sofia
ne
Ich wünschte mir, von diesem Interview gäbe es ein Video, mit Nahaufnahmen auf das Gesicht von Herrn Piper bei den Antworten von Sennet.
Womit hat man Herrn Piper eigentlich erpreßt? Denn freiwillig wird er das Interview wohl kaum geführt haben, oder?
Amerikas Niedergang ist darin zu suchen, daß in den letzten Jahrzehnten eine Generation von Managern auf die Menschheit losgelassen worden ist, die von der Mentalität geprägt oder noch schlimmer gesagt, erzogen wurden...
I'm the boss!
I'm the King!
Plrobleme!?
Guy, there is "No Problem"!
Es fehlt in dieser Kette eigentlich nur noch...
I'm the messias!
Es war und ist diesen Menschen gegenüber unmöglich alles in der Realität zu diskutieren (gewesen)... Die Schlimmsten Vorhersagen werden/wurden als Pessimismus dahingestempelt und um die rosarote Brille auf der Nase zu behalten wurden/werden den Menschen so viel Optimismus hineingeredet, daß man sagen muß, die Balken haben sich zum Tode gelacht, gebogen... Ein Ding noch... Die Ingenieure werden/wurden in USA und GB vor allem permanent aus den Entscheidungsgremien ausgeschlossen und als Vasallen der Finanz- und Controlling-Abteilung degradiert... Niemand hat die heilige Versprechung des Kapitalismus "Team, Teamgeist", obwohl in den Vorstellungsgesprächen so oft mißbraucht, danach in den Mülleimer geschmissen hat, wenn nicht schon am Tisch vergessen... Als das glänzende Beispiel hierfür kann die momentane Situation der Amerikanischen Automobilindustrie herangezogen werden... Über Jahre hinweg unzutreffende Prognosen aus den Marketing und Marktforschungsabteilungen, Ingenieure von der Purchase und Controlling Abteilung gegängelt und für Kundenzufriedenheit technisch Machbare aus Finanz-Gründen abgelehnt, bis die Produkte nicht nur weltweit sondern auch in USA und GB etc. in den Heimatmärkten Konkurrenzfähig waren und zum Teil vom Markt verschwunden sind. Es wurde ein quasi Traumwelt für die kollegen aus "Finance, Marketing und Controlling" aufgebaut... Nun aber... Die Nomenkletura scheint nichts wach zu werden und dazuzulernen... Es werden weiterhin Milliarden Ohne Gegenwert gedruckt und in den Markt geschmissen... Folge...??? Nach der oben beschriebenen Mentalität!? Welche!?? Alles ist doch in Ordnung! Ich meine sogar, daß mittlerweile sich ein Konglomerat gebildet hat, die Ihren eigenen "Status-quo" retten möchte, in dem es den sogar berechtigten Zweiflern selber Status-quo-Haltung unterstellt... Schlimmer noch... Die Globalisierung zum Banner gemacht, sofort jeden zermalmt, der es hinterfragen möchte... Was Du bist gegen Globalisierung??? Dabei geht's meistens um die Sklavenarbeit in den Bananenstaaten und Diktaturen (China), die für einen Bruchteil der Kosten arbeiten müssen... Weiter so!???
Ja, da geht er hin der "American way of Life" und kiener will so Recht wahr haben das dieser angeschlagene Riese gefährlicher ist denn je. Leider ist man in den USA nicht bereit Probleme "vor Ort" zu bekämpfen, sondern sucht sein Heil und die Schuld in der restlichen Welt.
Eine selbstinszenierte Krise die nur einen Zweck hat, einene Weg einzuschlagen der nicht nur das Leben der Amerikaner verändern wird, sondern auch das anderer Länder, nachhaltig. Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht - aber ein Positives hat diese ganze Sache, es war nie günstiger in den USA Urlaub zu machen als Heute!
Die Gefahr sehe ich ebenso, daß die USA durch ein Tabula Rasa der Welt sein "American Way of Life" aufzudrücken versucht. Mit Endscheidend für so ein Szenario wird die Positionierung Europas und insbesondere Englands sein. Darum empfinde ich es als so wichtig, daß sich Europa endlich emanzipiert und seinen eigenen Weg findet.
Solange sich einzelne europäische Nationen von diversen Machtblöcken gegeneinander ausspielen lassen, wird Europa auf der politischen Landkarte jedoch kaum eine Rolle spielen. Insbesondere jedoch nicht als Gegengewicht und/oder Stabilisator der USA.
Paging