Gespräch mit Richard Sennett "Amerika im Niedergang"

Abrechnung mit den USA: Der Soziologe Sennett erklärt, warum die Amerikaner den Glauben an den Kapitalismus und die Zukunft ihres Landes verlieren.

Interview: Nikolaus Piper

Deutschland wird die Folgen der Finanzkrise besser verkraften als die Vereinigten Staaten - dieser Ansicht ist der amerikanische Soziologe Richard Sennett. Der 65-Jährige lehrt an der New York University und der London School of Economics. Sein Forschungsgebiet sind die Arbeitsbedingungen in der Industriegesellschaft. Kritisch setzte er sich zuletzt vor allem mit der hohen Flexibilität auseinander, die in der Globalisierung verlangt wird. Sein erstes wichtiges Buch war "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens" (1977). Über sein Fachgebiet hinaus bekannt wurde er 1998 mit "Der flexible Mensch". Sein neuestes Buch "Handwerk" erschien zu Jahresbeginn. Darin untersucht er die Entwicklung handwerklicher und industrieller Fertigkeiten in der Geschichte. Sennett wuchs in einem Armenviertel Chicagos auf und hat neben der amerikanischen die britische Staatsbürgerschaft.

SZ: Herr Professor Sennett, die Vereinigten Staaten stecken in der schwersten Finanz- und Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Wie wirkt sich das auf die amerikanische Gesellschaft aus?

Sennett: Die Folgen sind gewaltig. Diese Gesellschaft hat bisher Ungleichheiten dadurch überdeckt, dass sie auf Pump lebte. Durch die Subprime Loans (zweitklassige Hypotheken), durch die unzähligen Kreditkarten, die die meisten Amerikaner haben, entstand eine Illusion von Wachstum, die jetzt zerstört wird. Die Menschen verlieren nicht nur ihren Arbeitsplatz, sondern auch ihr Haus, sie können sich das gewohnte Konsumniveau nicht mehr leisten. Das hat eine tiefe Bedeutung: Die Amerikaner glaubten, sie seien Sieger im Kapitalismus. Dies Selbstvertrauen verschwindet und wird ersetzt durch das Gefühl des Niedergangs.

SZ: Haben Sie Belege für diese fundamentale Aussage?

Sennett: Mein Forschungsgebiet ist die Arbeitswelt. Dies ist nicht nur eine Finanzkrise, sie hat mit der mangelnden Fähigkeit der amerikanischen Arbeitnehmer zu tun, im Wettbewerb mit dem Rest der Welt zu bestehen. Amerika hat es nicht geschafft, in der breiten Bevölkerung jene Fähigkeiten zu entwickeln, wie es sie in Europa oder in China gibt. Der falsche Finanz-Boom des frühen 21. Jahrhunderts hat die Illusion geweckt, dass der fundamentale Verlust an Fertigkeiten keine Rolle spielt. Und jetzt werden die Menschen gewahr, dass sie sich getäuscht haben.

SZ: Auch in anderen entwickelten Ländern verschwinden Arbeitsplätze und wandern in die frühere Dritte Welt ab. Was ist in den USA anders als in Europa?

Sennett: Es kommt darauf an, über welches europäische Land wir reden.

SZ: Nehmen wir Deutschland.

Sennett: Es mag Sie überraschen, aber Deutschland ist besser in der Lage, mit dieser Krise fertig zu werden als die USA. Die deutschen Arbeitnehmer sind besser ausgebildet, Deutschland exportiert immer noch Hightech-Maschinen in die ganze Welt, das System der Lehrlingsausbildung ist ausgezeichnet. Die USA haben eine effektive Analphabeten-Quote von 28 Prozent.

SZ: Ist das Ihr Ernst?

Sennett: Es geht um effektiven Analphabetismus, und der liegt dann vor, wenn jemand einen einfachen Vertrag oder einen längeren Text nicht lesen kann. Das Ausbildungsniveau ist sehr niedrig. Die USA importieren Ingenieure und Programmierer, weil es die entsprechenden Fertigkeiten hier nicht gibt. Ich weiß, dass das merkwürdig klingt: Amerika ist ein reiches Land und befindet sich doch im Niedergang. Und hier ist die Verbindung zur Politik: Am 4. November müssen die Wähler entscheiden zwischen Nostalgie und einem Gang ins Ungewisse.

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