Gesichtserkennung beim Einkaufen Schau mir in die Augen, Kunde

Sag mir, was du willst: An 450 Tankstellen der britischen EinzelhandelsketteTesco sollen Kameras die Augen der Kunden digital erfassen, um ihre Wünsche abzulesen.

Minority Report an der Tankstelle: Die Kette Tesco in Großbritannien lässt die Augen ihrer Kunden von Kameras scannen und dann mit maßgeschneiderter Werbung bombardieren. Kunden drohen mit Boykott oder Verschleierung per Burka.

Von Jannis Brühl

Der Fernseher weiß, was wir wollen oder glaubt dies zumindest. Kaffee für müde Pendler auf dem Weg zur Arbeit, Windeln, wenn sich Mütter in der Schlange vor der Kasse ballen: An 450 Tankstellen der britischen Einzelhandelskette Tesco sollen bald Kameras Kunden nicht nur filmen, sondern auch deren Augen digital erfassen. Auf dieser Grundlage entscheidet das Programm Optimeyes, welche kurzen Werbespots ihnen auf einem Bildschirm gezeigt werden. Das schreibt das Branchenblatt The Grocer.

Händler wollen Kunden mit maßgeschneiderter Werbung bombardieren. Werbemenschen wollen aus den Daten herauslesen, ob ihre Spots funktionieren. Und Datenschützer wollen der Gesichtserkennungstechnik einen Riegel vorschieben. Big Data im Handel, die Sammlung großer Datenmengen über Kunden, ist für sie der erste Schritt zu Big Brother.

Biometrische Technologien - die Erfassung von Personen anhand von Körpermerkmalen - waren für Jahrzehnte Domäne staatlicher Sicherheits- und Überwachungsbehörden, etwa bei Grenzkontrollen oder Terrorfahndung. Die Technik ist nicht nur verfeinert worden, sondern auch billiger. Deshalb wird sie vermehrt von kommerziellen Anbietern eingesetzt.

Die britische Datenschutzorganisation Big Brother Watch warnte angesichts von Tescos Plänen: "Die Menschen würden nie akzeptieren, dass die Polizei in Echtzeit erfährt, in welche Läden wir gehen, aber diese Technology kann genau das. Es ist ein Überwachungsstaat an der Ladentür." Vergangenes Jahr bemerkte eine Arbeitsgruppe der EU-Kommission zur Gesichtserkennung, die Technik könnte dazu verwendet werden, Einzelnen "den Zugang zu Geschäften, Restaurants oder anderen Orten zu verweigern". Nach Protesten von Datenschützern schaltete Facebook seine Gesichtserkennung vergangenes Jahr in der EU ab.

"Ja, es ist wie aus Minority Report"

Die Firma, die aus Gesichtern Konsumwünsche liest, heißt Amscreen. Sie beliefert Tesco mit dem System Optimeyes. Ihr CEO Simon Sugar gibt zu: "Ja, es ist wie aus Minority Report." Er meint die Science-Fiction-Kurzgeschichte, in deren Verfilmung Tom Cruise nach einem Augenscan mit individualisierter Werbung bombardiert wird.

Doch glaubt Sugar, seine Technologie werde "das Gesicht des britischen Einzelhandels verändern" und beschwichtigt: Optimeyes bestimme nur Geschlecht und teile Kunden in eine von drei Altersklassen ein. Fotos würden nicht gespeichert. Amscreen gehört Simons Vater, Lord Alan Sugar. Der wurde mit der Computerfirma Amstrad reich und besaß einmal den Fußballklub Tottenham Hotspurs.

Dank zweistelliger Wachstumsraten soll der Markt für Biometrieprodukte 2014 mehr als zehn Milliarden Dollar groß sein, schätzen Konsumforscher. Nicht nur Terror- und Hackerangst bringen der Branche gute Geschäfte, sondern mittlerweile auch die Datensammler des Einzelhandels. Deren Gesichtserkennungsprogramme sind aber bisher eher Experimente als flächendeckende Überwachung.

Adidas lässt in einigen Geschäften Geschlecht und Alter per Software erkennen, um Kunden entsprechende Sportschuhe zu präsentieren. In Japan scannen Getränkeautomaten Durstige und bieten ihnen vermeintlich passende Drinks an.

Für Tesco ist der Schritt zur automatischen Gesichtserkennung in gewisser Weise konsequent: Der Einzelhandels- und Tankstellenkonzern setzt schon seit Langem konsequent auf die Auswertung von Kundendaten, 1995 führte er eines der ersten Kundenkartensysteme in Großbritannien ein. Firmenchef Phil Clarke verkündet auf Konferenzen: "Businessregel Nummer eins: Kenne deinen Kunden."

Jetzt schaut er seinen Kunden sogar direkt in die Augen. Die drohen auf dem Nachrichtendienst Twitter mit Tesco-Boykott. Ein Nutzer kommentierte: "Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, in eine Burka zu investieren."