Geschichten aus Griechenland "Es gibt keinen Grund zur Hoffnung"

Spyros Gkelis ist Dozent an der Aristoteles-Universität in Thessaloniki.

(Foto: Privat)

Am Sonntag stimmt Griechenland über ein neues Parlament ab. Vor der Wahl berichten Griechen der SZ, wie sie ihr Land sehen. Spyros Gkelis erzählte bereits 2012 von einem Land im Aufruhr, einer Gesellschaft, die plötzlich extreme Einsparungen erlebt. Vor der Wahl 2015 haben wir wieder mit dem Biologiedozenten an der Aristoteles-Universität in Thessaloniki gesprochen.

Protokoll von Nakissa Salavati

Die Griechen heizen wieder wie in den 50er-Jahren

Was sich seit den letzten Wahlen 2012 verändert hat? Wir Griechen haben uns an den Mangel angepasst, haben gelernt, mit wenig zu leben. Mein Gehalt für die Arbeit als Universitätsdozent wurde damals um 60 Prozent gekürzt, mir bleiben 1300 Euro netto. Viele Griechen haben außerdem Schulden, weil sie ihre Steuern nicht zahlen können oder alltägliche Dinge wie das Geld fürs Heizen nicht aufbringen. Sie verfeuern wieder Holz, wie in den 50er-Jahren. Trotzdem ist es ruhiger als 2012, die Menschen hoffen auf einen politischen Wechsel. Wenn der jedoch ausbleiben sollte, könnte ich mir vorstellen, dass es wieder zu Protesten kommt. So wie es ist, kann es nicht lange bleiben, wir leiden.

Und es wird langsam, aber sicher schlimmer. Ein Beispiel ist die Bildung: In Athen wurden an der medizinischen Fakultät die Anatomievorlesungen gestrichen. Die Mitarbeiter, die sich um die Präparationsleichen kümmerten, wurden alle gefeuert, die Universität konnte sie nicht bezahlen. An den Hochschulen gehen nun auch Dinge aus, die kaum ersetzt werden, weil das Geld fehlt - Reparaturmaterialen zum Beispiel.

"Junge Menschen haben keine Lust, die Helden zu spielen"

Das prägt die jungen Menschen in unserem Land. Politik war vor der Krise unwichtig, nun enttäuscht sie. Meine Studenten sind selten aktive, aufmerksame Bürger. Sie haben keine Lust, die Helden zu spielen. Sie gehen ins Ausland und fehlen uns dann. Ich selbst würde mich als politischen Menschen beschreiben, ich twittere über Politik, versuche dabei so objektiv wie möglich zu sein. Doch was hier passiert, enttäuscht auch mich. Es gibt aus Erfahrung keinen Grund zur Hoffnung. Warum sollte eine neue Regierung ihre Versprechen halten?

Wenn die Krise etwas Positives gebracht hat, dann den sozialen Zusammenhalt. Es gibt so viel ermutigendes, ehrenamtliches Engagement: Gesundheits- oder Bildungszentren etwa. Ich habe vor einigen Jahren online eine Plattform gestartet, über die kostenlos Nachhilfe vermittelt werden konnte. Heute brauchen wir sie gar nicht mehr, weil sich daraus lokal feste Netzwerke gebildet haben. Das macht mich ungeheuer stolz.

Ich wähle am Sonntag, wen weiß ich noch nicht. Jedenfalls nicht die aktuelle Regierung. Nichtwählen kommt für mich nicht in Frage. Anscheinend habe ich doch noch ein bisschen Hoffnung übrig.