Gescheiterte Unternehmer Kluge Menschen, die Dummes anstellen

  • Bei der Fuck-up-Night in Düsseldorf erzählen gescheiterte Unternehmensgründer ihre Geschichten.
  • Sie wollen andere davor bewahren, die gleichen Fehler zu machen.
Von Varinia Bernau, Düsseldorf

Wolfgang Goergens hat 4,5 Millionen Euro in den Sand gesetzt. Deswegen ist er da. Und deswegen bekommt er den meisten Applaus. Große Summen machen nun einmal Eindruck. Ob bei einem Pitch, wo Gründer mit ihren Ideen um die Gunst von Investoren buhlen, oder an diesem Abend, der das ganze Gegenteil sein soll: In einem Düsseldorfer Hinterhof sind Unternehmer versammelt, die mit einer grandiosen Idee gescheitert sind. "Wenn du's richtig verkackst und keiner kriegt's mit, dann ist es auch nur halb so lustig", erklärt einer, warum er hier ist.

Die meisten Menschen verschweigen lieber, dass sie ein Projekt vermasselt haben - aus Angst, sich zu blamieren, aus Angst, keine zweite Chance zu bekommen. Einige wenige aber sprechen offen über ihr Versagen. Weil sie andere davor bewahren wollen, die gleichen Fehler zu machen. Weil all die Mühen nicht vergeblich gewesen sein sollen. Also sind an diesem Abend ein paar glücklose Start-up-Unternehmer in die ehemalige Waschstraße gekommen, wo heute Kreative einen Schreibtisch mieten können.

Eine Stimmung wie auf einer WG-Party

Sie nennen es die "Fuck-up-Night". Eine Stimmung wie auf einer WG-Party: Es gibt Bier mit Rhabarbergeschmack. Am Eingang liegen Zettel aus, auf die jeder schreiben soll, wer er ist - und was ihn bewegt. Dazu wird von jedem ein Polaroid-Bild gemacht. Eine Bühne für all jene, die über ihre Misserfolge statt über ihre Erfolge reden, über die harte Realität statt über vage Träume. Vorn greifen tapfere Männer zu Mikrofon und Power-Point-Präsentation; hinten hocken sie auf Stühlen und Tischen, lehnen an der Wand.

Eine Bühne also für Wolfgang Goergens, 54, der keine bunten Turnschuhe und keinen Hipsterbart trägt, sondern einen schlichten dunklen Anzug. Goergens hatte vor vielen Jahren eine verrückte Idee. Eine Idee, für die ihn der Mann bei der Stadtsparkasse zunächst zwar seltsam ansah, an die er aber trotzdem glaubte - und die auch bei vielen anderen ankam: In Hilden, einer Stadt mit 55 000 Einwohnern zwischen Düsseldorf und Wuppertal, eröffnete er 1999 das Pfötchenhotel, eine Luxuspension für Hunde. Es gab dort: zwei Körbchen und eine Minibar pro Zimmer, einen Hundefriseur, einen Tennisplatz, auf dem die Tiere gegen eine Maschine Ball spielen konnten - sogar jemanden, der den Hunden die Urlaubspostkarten von Herrchen und Frauchen vorlas.

Wolfgang Goergens (re.) führt Luxushotels für Hunde. Für das Pfötchenhotel in Berlin musste er kürzlich Insolvenz anmelden.

(Foto: Coworkingspace Garage Bilk)

Der erste Tag der offenen Tür, so erinnert sich Goergens, begann morgens um neun. "Um zehn musste die Polizei den Verkehr regeln, so groß war der Ansturm." Im ersten Sommer waren sie ausgebucht. Selbst das japanische Fernsehen kam, um zu berichten. Und weil es so gut lief, dachte sich Goergens, das läuft auch anderswo. Zwei weitere Hotels für Hunde eröffnete er. Eines an der Nordsee, das andere in der Nähe von Berlin.

Ein Hundehotel vor den Toren Berlins - mit Sternwarte und Autokino

Dort kaufte er mit einem anderen Gesellschafter der Telekom ein Gelände ab, 850 000 Quadratmeter, "fast halb so groß wie Monaco", wie Goergens sagt, um gleich nachzulegen: "Es gab da doch mal so jemanden bei Apple, der den Slogan Think Big! ausgegeben hat, oder?" Es ist eine Anspielung auf Steve Jobs, jenen Mann, der als einer der ganz großen Unternehmer unserer Zeit gilt. Einer, der zwar auch mal gescheitert, aber trotzdem als einer in Erinnerung geblieben ist, dem scheinbar alles gelang, was der von ihm gegründete Technologiekonzern Apple unter seiner Führung anpackte. Und dann zählt Goergens auf, wie groß er seine Sache dachte. Das Pfötchenhotel vor den Toren von Berlin bekam: eine Waschstraße und eine Tierklinik, einen Swimmingpool und eine Sternwarte, sogar eine riesige Leinwand unter freiem Himmel wie beim Autokino. Die Liste wird immer absurder.

Das Publikum starrt Goergens an, schüttelt die Köpfe, klatscht, grölt. "Damit hat sich wohl auch die Frage erübrigt, was wir falsch gemacht haben", sagt Goergens, als er die Aufzählung aller Attraktionen beendet hat. Er macht eine Pause, gerade lang genug, damit man die offenkundige Antwort in Gedanken ausformulieren kann: klarer Fall von Größenwahn! Und dann gibt der Unternehmer doch eine andere Antwort: "Unser Fehler war, dass wir dafür eine eigene GmbH gegründet haben. Mit unserem eigenen Geld." Schallendes Gelächter.

Zwölf Jahre lang haben sie das Hotel betrieben - und nicht in einem einzigen Jahr schwarze Zahlen geschrieben. "Wieder und wieder haben wir uns gesagt: Das wird schon", erinnert sich Goergens. Aber, sagt er nun und dehnt dabei jede einzelne Silbe: "Es wurde nicht." Noch mal: Gelächter.