Gerechtigkeit Wie ungleich ist Deutschland?

Ein Streitgespräch zwischen dem Ökonomen Clemens Fuest und der Soziologin Jutta Allmendinger.

Von Sophie Burrfeind, Berlin

Jutta Allmendinger, Soziologin.

(Foto: Stephan Rumpf)

Soziale Ungleichheit in Deutschland ist ein Thema, über das viel diskutiert wird. Regelmäßig gibt es neue Studien zu Kindern, die in Armut aufwachsen, oder zu Reichen, die noch reicher werden. Es gibt aber auch solche, die sagen, es geht uns so gut wie noch nie. Die Frage ist also: Wie ungleich geht es in diesem Land wirklich zu? Oder ist das alles nur Gefühlssache? Zwei Perspektiven.

Jutta Allmendinger ist Präsidentin des Wissenschaftzentrums Berlin für Sozialforschung und eine der führenden deutschen Soziologinnen. Sie sagt: "Die Ungleichheit in Deutschland ist sehr hoch, sie ist gestiegen."Die Armutsgefährungsquote nehme zu, genauso wie die Konzentration von Reichtum - und Reichtum entstehe durch Erbe. Was sie besorgt: Wer einmal arm oder reich sei, bleibe es auch. "Das heißt, wir reden über permanente Risse in der Gesellschaft."

Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts.

(Foto: Stephan Rumpf)

Clemens Fuest, Präsident des Münchner Ifo-Instituts widerspricht: Die gefühlte Ungleichheit sei größer als die tatsächliche. In Umfragen gäben die Deutschen an, dass sie sich die Gesellschaft vorstellten wie eine Pyramide: unten viele Arme, an der Spitze ein paar Reiche. "Sie ist aber ein Ball", sagt Fuest. "Wir haben eine kleine Unterschicht, eine große Mittelschicht und eine kleine Oberschicht." Von 1995 bis 2005 habe die Ungleichheit zugenommen, in den vergangenen zehn Jahren aber nicht mehr. Die 25 Prozent der Bevölkerung mit dem niedrigsten Einkommen hätten seither nicht weniger und die zehn Prozent mit dem höchsten Einkommen nicht mehr.

Allmendinger findet: Angesichts des Erfolges populistischer Parteien müsse auch gefühlte Ungleichheit ernstgenommen werden.

Einig sind sich beide darin, dass die Digitalisierung die Ungleichheit - die reale und gefühlte - vergrößern könnte. Um das zu verhindern, müsse mehr in Bildung investiert werden. "Das Elternhaus hat in Deutschland einen großen Einfluss auf die Karriere, stärker als anderswo", sagt Fuest. Das müsse sich ändern. Allmendinger sagt, bei Bildung gehe es nicht nur um Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt: "Höhere Bildung bedeutet höhere Resilienz und die Möglichkeit, den eigenen Kreis zu verlassen." Wenn alle reich oder arm bleiben, bleibt ja auch die Ungleichheit.