Gerechtigkeit Alle sollen erben

Erben macht reich, nur leider nicht alle.

(Foto: imago/Westend61)

Nie wurde in Deutschland so viel vererbt wie heute. Doch diese Milliarden spalten das Land. Deshalb muss jeder etwas von seinem Erbe abgeben.

Essay von Christian Endt und Pia Ratzesberger

Es gab da diesen Moment, ungefähr nach dem dritten Gin Tonic. Eine Gruppe von Freunden Ende zwanzig, wir standen draußen auf dem Balkon, unter uns die Stadt, über uns der Himmel, wir schworen uns mal wieder ewige Zuneigung, genau wie damals schweißtrunken auf dem Konzert von Tocotronic. "Pure Vernunft darf niemals siegen", an diesem Abend hatten wir das ziemlich gut hinbekommen.

David wankte, er streckte die Hand über das Geländer und wisperte: Der alte Wagen da unten auf der Straße, der silberne Mercedes, das sei jetzt seiner. Habe ihm die Großtante in ihrem Testament vermacht. Mensch, Glückwunsch, grölten die anderen, beugten sich hinab, um den Karren zu inspizieren, fragten die Daten ab: 120 PS, zwanzig Jahre alt zwar, aber die Dinger laufen ja ewig. Eine steckte sich eine Zigarette an, relativ unbeeindruckt; sie werde bald das verwinkelte Altstadthäuschen übernehmen, das die Großeltern so mühsam renoviert haben. Der Freund neben ihr schwadronierte von einer hellen Neubauwohnung direkt am Fluss, auf die er aber noch lange warten müsse. Zwei Gäste drückten wortlos ihre Kippen aus und verschwanden nach innen. Das waren wohl die, die nichts zu erwarten hatten.

Alles nur geerbt

Erben ist schön. Erben ist ungerecht. Erben verpflichtet. Erben befreit. Nichts verändert Deutschland in den kommenden Jahren so stark wie die Milliarden, die von einer Generation an die nächste gehen. Was das Erben mit uns macht - ein Themenschwerpunkt der Volontäre der Süddeutschen Zeitung.

So vieles hängt von dieser einen Frage ab: Erbst du oder erbst du nicht?

Noch sind wir alle ungefähr in der gleichen Situation. Mitte bis Ende zwanzig, Anfang dreißig. Das letzte Semester, der erste Job, die nächste Liebe. Stück für Stück bauen wir uns ein Leben zusammen. So wie wir es uns vorstellen, weil wir glauben, dass das doch möglich sein muss in Deutschland. In ein paar Jahren aber werden einige von uns enttäuscht sein. Wenn es um eine größere Wohnung geht mit einem Extrazimmer für die Kinder. Um das Startkapital für den eigenen Laden. Oder einfach nur darum, den doofen Job endlich hinzuschmeißen und neu zu beginnen. Spätestens dann werden wir merken, wie sehr unsere Zukunft davon abhängt, was Eltern und Großeltern für uns bereithalten. Wie schicksalhaft diese eine Frage ist: Erbst du oder erbst du nicht?

Noch nie haben die Deutschen so viel Vermögen an die nächste Generation vermacht wie heute. Da ist natürlich auch viel Plunder dabei, Sofas und Fotoalben, Schnurtelefone und Kristallgläser. Aber eben auch Häuser und Firmen, Sparbücher und Festgeldkonten. Niemand weiß genau, wie viel in Deutschland vererbt wird, die meisten Ökonomen gehen aber von 200 bis 300 Milliarden Euro im Jahr aus. Wir sind die erste Generation, in der diese Milliarden maßgeblich darüber entscheiden werden, wie wir einmal leben werden - und nicht mehr unser selbst verdientes Geld. Auch bestens ausgebildet und voller Ehrgeiz können viele kaum je das erreichen, wofür andere nur ein Blatt Papier unterschreiben müssen, das ihnen der Notar über den Tisch schiebt.

Die Älteren, die uns die großen Vermögen einmal hinterlassen werden, entgegnen darauf gerne: Leistet doch erst mal selbst was, baut euch etwas auf! Anstatt schon vor dem 30. Geburtstag darüber nachzudenken, was ihr einmal erben werdet! Berechtigter Punkt. Wir wollen auch gar nicht jammern, dass Aufstieg durch Arbeit für unsere Generation längst nicht so einfach ist, wie es für euch war. Das stimmt zwar, aber damit kommen wir schon irgendwie zurecht. Es ist nur so, dass wir nicht in einer Gesellschaft leben möchten, die sich teilt in Erben und Nicht-Erben. Egal, auf welcher der beiden Seiten wir selbst geboren sind.

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An jenem Abend auf dem Balkon hatten wir das Gefühl, dass so vieles längst ausgemacht ist, wenn wir gerade erst loslegen, uns ein Leben aufzubauen. In einer Gesellschaft, in der Leistung zählt, haben die einen mehr als die anderen, völlig in Ordnung. Schön wäre aber, wenn auch tatsächlich die Leistung entscheidet.

Den "Aufstieg durch Bildung", den etwa die SPD seit einem halben Jahrhundert verspricht, schaffen noch immer viel zu wenige. Daran würde auch eine deutlich höhere Erbschaftsteuer nichts ändern. Vielleicht würde die Regierung diese Einnahmen für mehr Lehrer und besser ausgestattete Schulen ausgeben. Womöglich aber auch für Kampfflugzeuge und Landesgartenschauen, wer weiß das schon?

Und deshalb finden wir: Erben sollen alle. Jeder Erbe soll von dem ihm übertragenen Vermögen einen Teil an alle anderen abgeben - nicht indirekt über den Staat. Sondern unmittelbar. Sagen wir, zehn Prozent von jeder Erbschaft gehen an die Allgemeinheit. Sie kämen in einen Topf, dessen Inhalt am Ende jedes Jahres gleichmäßig auf alle aufgeteilt wird.