Geplanter Börsengang der Samwer-Familie Es waren drei Brüder

Im Silicon Valley mögen sie die Kölner Brüder Marc, Oliver und Alexander Samwer gar nicht. Da die drei mit ihren Online-Firmen zumeist nur nachbauen, was anderswo bereits funktioniert. Doch die Samwers haben Gespür, Disziplin und Willen zum Erfolg. Nun setzen sie zum großen Sprung an.

Von Varinia Bernau und Caspar Busse

Dass sie auch aus einer nicht sonderlich spektakulären Idee ein ziemlich gutes Geschäft machen können, das haben die Samwer-Brüder bereits früh bewiesen: Vor 15 Jahren, da waren sie selbst mal gerade Mitte 20, gründeten sie das Internetauktionshaus Alando - nach dem Vorbild Ebay. Bereits ein halbes Jahr später verkauften sie die Kopie ans Original, für viele Millionen. Zu groß war die Sorge jenseits des Ozeans, dass da in Deutschland ein gefährlicher Rivale heranwachsen könnte. "Wenn wir aufmerksamer unseren Job gemacht hätten, dann hätten wir euch drei auch billiger haben können", räumte später der Gründer von Ebay ein.

Die drei Brüder Marc, 43, Oliver, 40, und Alexander, 39, hatten damit das Startkapital für ihre eigene Erfolgsgeschichte. Heute gehören die Samwers zu den bekanntesten Internetunternehmern aus Deutschland. Und zu den umstrittensten. Im Silicon Valley, dort, wo das Herz der Technologiebranche schlägt, mögen sie die drei Brüder gar nicht. Da die Samwers zumeist nur nachbauen, was anderswo bereits gut funktioniert. Aber wer sich in der Branche umhört, der spürt auch, dass viele den Dreien großen Respekt zollen: für ihr gutes Gespür, für ihr gutes Netzwerk, für ihre Disziplin und für ihren Willen zum Erfolg. Aufgewachsen im noblen Kölner Stadtteil Marienburg, sollen sich die Brüder schon im Teenageralter geschworen haben, gemeinsam Karriere zu machen.

Jetzt setzen die Samwers zum großen Sprung an. Wie es in Bankenkreisen heißt, arbeiten sie an einem Börsengang ihrer Beteiligungsholding Rocket Internet. Damit soll weiteres Kapital für Wachstum erlöst werden. Die Vorbereitungen laufen: Erst vor zwei Wochen hatten die Samwers verkündet, dass Peter Kimpel, seit 20 Jahren bei der internationalen Investmentbank Goldman Sachs tätig, zuletzt im Range eines Partners, als Finanzchef bei Rocket Internet anheuert. Von Mitte Juni an wird er zuständig sein für alles, was mit Finanzen zu tun hat.

Er sei sehr froh, ließ Oliver Samwer nach der Berufung wissen, dass Kimpel mit seiner großen Erfahrung und seinem Netzwerk die Firma unterstütze. Man kennt sich lange: Der Banker gehörte damals unter anderem zu den Investoren von Alando, der ersten Samwer-Gründung, dem ersten Samwer-Exit.

Der Wert der Holding könnte bei bis zu fünf Milliarden Euro liegen

Kimpel soll nun auch den möglichen Börsengang vorbereiten und betreuen, berichten Insider. Der potenzielle Wert von Rocket Internet wird intern auf immerhin drei bis fünf Milliarden Euro taxiert. Laut Financial Times sind bereits Morgan Stanley, JP Morgan und Berenberg als beratende Banken verpflichtet worden.

Ein Sprecher von Rocket Internet gab keinen Kommentar ab. Ein Wert von bis zu fünf Milliarden Euro ist hoch gegriffen. Aber die Samwers sind nicht gerade für ihre Bescheidenheit bekannt. Einen der ersten großen Erfolge gelang den Samwers vor zehn Jahren. Sie gründeten zusammen mit Partnern die Firma Jamba, die zum größten europäischen Anbieter von Klingeltönen aufstieg und 2004 mit Gewinn weiter verkauft wurde. Rocket Internet mit Hauptsitz in Berlin bezeichnet sich selbst als "the world's largest Internet company builder", also als weltweit größter Erschaffer von Internetfirmen. Das Unternehmen, das 2007 von den drei Brüdern ins Leben gerufen wurde, gibt Gründern Geld. Auch bei der Suche nach Mitarbeitern oder wenn es darum geht, Kontakte zu weiteren Investoren zu knüpfen, hilft Rocket Internet den Start-ups.

Die Beteiligungsgesellschaft beschäftigt weltweit 500 Mitarbeiter und unterhält 25 Büros auf allen Kontinenten. In fünf Jahren, so hatte Oliver Samwer noch 2013 angekündigt, werde die Start-up-Schmiede etwa 200 bis 250 Firmen im Portfolio zu haben. Derzeit sind es etwas mehr als 70: Die Palette reicht von Onlinehändlern wie Home24 über Kreditvermittler wie Zencap bis hin zu Helpling, einem Internetportal, das Reinigungskräfte vermittelt. Ein führender Anteilseigner bei Rocket Internet ist die schwedische Investmentfirma Kinnevik.

Das erfolgreichste Unternehmen aus dem Rocket-Reich ist sicher Zalando. Das Unternehmen startete 2008 mit dem Onlineverkauf von Schuhen und ist inzwischen einer der größten Modehändler im Internet. Inzwischen bietet die Firma ihre Dienste in 15 europäischen Ländern an, mehr als die Hälfte des Umsatzes von 1,76 Milliarden Euro wurde im vergangenen Geschäftsjahr jenseits von Deutschland gemacht. Aber unter dem Strich stand zuletzt eben auch ein Verlust von 115 Millionen Euro, schwarze Zahlen wird die Firma wohl auch in diesem Jahr noch nicht schreiben. Rocket Internet hat die meisten Anteile an Zalando bereits im vergangenen Sommer abgegeben. Die Brüder Samwer sind aber weiterhin mit einer eigenen Beteiligungsfirma an Bord.

"Wenn ich sehe, dass ihr nicht aggressiv seid, dann werde ich böse"

Und der Modehändler gilt selbst als Börsenkandidat. Möglicherweise soll es schon im September so weit sein. Anfang Mai hatte es in Finanzkreisen geheißen, dass das Berliner Unternehmen die Investmentbanken Credit Suisse, Morgan Stanley und Goldman Sachs beauftragt habe. Offiziell heißt es bei Zalando: Man prüfe alle Optionen, der Börsengang sei eine davon. Und die Pläne von Rocket störten dabei nicht.

So vielfältig die Start-ups im Rocket-Internet-Reich, so ähnlich sind die Geschichten dahinter: Am Anfang steht eine Geschäftsidee, die auch anderswo schon aufgegangen ist und an den deutschen Markt angepasst wird. Dann werden die Firmen auf Erfolg getrimmt; es folgt die Expansion ins Ausland und schließlich der Ausstieg. Vor zweieinhalb Jahren kursierte eine E-Mail, in der Oliver Samwer seine Mannschaft angetrieben und dabei sogar zu einem "Blitzkrieg" aufgerufen hatte. Er entschuldigte sich später für die Wortwahl.

Doch auch jenseits davon verriet die E-Mail viel über den Ehrgeiz des Unternehmers, auch darüber, was er von seinen Mitarbeitern erwartet: "Ich gebe euch all das Geld, um zu gewinnen, ich gebe euch all das Vertrauen, aber ihr müsst es zurückgeben mit unvergleichlichem Erfolg", so hieß es darin. "Wenn ich aber sehe, dass ihr mein Geld verschwendet, dass ihr nicht typisch deutsch detailverliebt seid, dass ihr nicht schnell seid, dass ihr nicht aggressiv seid, dann werde ich böse."