Geplante Verstaatlichung in Argentinien Bruderkrieg ums Öl

Um das Wachstum der Wirtschaft anzutreiben, benötigt Argentinien immer mehr Öl. Der Rohstoff wird zum größten Teil von Repsol YPF gefördert, einem Ableger des spanischen Ölkonzerns Repsol. Nun droht Argentinien der Tochterfirma mit Verstaatlichung. Für Spaniens Regierung ein feindlicher Akt.

Von Sebastian Schoepp und Javier Cáceres

Repsol ist einer der Weltkonzerne spanischer Herkunft, auf denen die Hoffnung für eine Gesundung von Spaniens maroder Wirtschaft ruht. Doch diese Hoffnung hat einen erheblichen Dämpfer erhalten: Die Regierung in Buenos Aires droht damit, die argentinische Firmentochter Repsol YPF zu enteignen oder die Mehrheit der Aktien zu übernehmen, weil der Konzern angeblich zu wenig Öl fördere, um Investitionskosten zu sparen.

Spaniens Industrieminister José Manuel Soria schäumte: Seine Regierung werde die Interessen aller spanischen Unternehmen verteidigen. "Sollten diese Interessen in irgendeinem Teil der Welt Angriffen ausgesetzt sein, wird die Regierung dies als feindliche Gesten interpretieren", polterte Soria. Außenminister José Manuel García-Maragallo bestellte Argentiniens Botschafter in Madrid ein, um seine "Sorge" zum Ausdruck zu bringen. Die EU-Kommission ließ mitteilen, sie hoffe, dass Argentinien seine internationalen Verpflichtungen zum Schutz von Investitionen einhalte.

Repsol beschäftigt mehr als 30.000 Menschen, es ist der größte Ölkonzern der spanischsprachigen Hemisphäre, die Mehrheit der Aktionäre kommt allerdings nicht mehr aus Spanien. Die Tochter, Repsol YPF, ist in Argentinien der größte Steuerzahler. Seit Jahresbeginn herrscht dort Krieg zwischen der Konzernspitze und Präsidentin Cristina Kirchner, die dem Konzern mangelnde Investitionsbereitschaft vorwirft.

Im November hatte Repsol YPF in der Provinz Neuquen ein riesiges Öl- und Gasfeld entdeckt, in dem eine Milliarde Barrel Öl vermutet wird. Argentinien könnte damit laut Repsol zehn Jahre lang seinen Energieverbrauch decken. Doch es müssten bis zu sieben Milliarden Dollar investiert werden. Das sei den Aktionären nicht zu vermitteln, ließ die Konzernspitze wissen. Bei Kirchner löste das einen ihrer berüchtigten Wutausbrüche aus, mehrere anberaumte Treffen platzten.

Argentinien braucht wegen seines Wachstums mehr Öl. Unter dem Vorwurf zu geringer Produktion haben seit Jahresbeginn sieben Provinzen Repsol YPF konzessionierte Öl- und Gasfelder weggenommen, die für zwölf Prozent der Produktion der Firma verantwortlich waren, berichtet die spanische Zeitung ABC. Die Aktien des Konzerns haben seit Jahresbeginn gut ein Drittel ihres Wertes eingebüßt.

Verstaatlichung - eine gängige Linie in Lateinamerika

Das Verhalten Repsols heizt den des Zorns der argentinischen Präsidentin Kirchner an, die der Meinung ist, Konzerne müssten in erster Linie dem Land dienen, in dem sie wirtschaften, eine gängige Linie unter Lateinamerikas linksgerichteten Regierungen. Viele von ihnen machen deshalb die Privatisierungen der neunziger Jahre rückgängig.

Unter dem Druck von Internationalem Währungsfonds und Weltbank hatte Argentiniens neoliberaler Präsident Carlos Menem damals den größten Teil der Industrie privatisiert. Doch das zahlte sich nicht aus. Die neuen privaten Betreiber wirtschafteten viele Unternehmen herunter, wie etwa die Fluglinie Aerolineas Argentinas, die von Kirchner bereits wiederverstaatlicht wurde.

Kirchner drängt Unternehmen, für das Land zu wirtschaften

Der Griff nach Repsol YPF hat für die peronistische Politikerin eine historische Logik. YPF (Yacimientos Petroliferos Fiscales - zu deutsch: Staatliche Erdöllagerstätten) war in den zwanziger Jahren gegründet worden, um die neu entdeckten argentinischen Ölvorkommen auszubeuten. Unter Präsident und Parteigründer Juan Domingo Peron war YPF in den vierziger Jahren ein Pfeiler der argentinischen Autarkiepolitik.

Zur Menem-Zeit sicherte sich der spanische Konzern Repsol YPF. Kirchner möchte zurück zu mehr Eigenständigkeit - ähnlich wie das Nachbarland Brasilien, wo die Ölproduktion unter Ägide des Staatskonzerns Petrobras stattfindet. Deshalb bremst Argentiniens Regierung generell alle Einfuhren. Für Importe muss eine Erlaubnis eingeholt werden. Auch drängt Kirchner argentinische Unternehmen, Gewinne im Land zu lassen und zu investieren, statt Dividenden auszuzahlen.

Argentinien hatte in den vergangenen Jahren stabile Wachstumszahlen, doch allmählich scheint das Potential ausgeschöpft. Die Wirtschaft wuchs im vierten Quartal 2011 nur um 0,8 Prozent bei einem Anstieg des Bruttoinlandproduktes im ganzen Jahr von knapp neun Prozent. Analysten schätzen das reale Wachstum wegen der Inflation magerer ein. Spaniens Staatssekretär Iñigo Méndez de Vigo warnte, Argentinien laufe Gefahr, international wie ein Pestkranker behandelt zu werden. Die Verstaatlichung Repsols wäre "eine schlechte Nachricht für alle".