General Electric Strom für schlechte Tage

Auch hier im GE-Kompetenzzentrum für Gasmotorentechnologie in Garching bei München produziert ein Gasmotor der österreichischen Tochter Jenbacher Strom.

(Foto: Ulla Baumgart)

Moderne Gasmotoren können die schwankenden Erträge von Solarfarmen und Windparks ausgleichen. Ein Geschäft, das boomt und vom Siemens-Rivalen GE dominiert wird.

Von Christoph Giesen, Jenbach

Wenn der ein oder andere Siemens-Manager über die Inntal-Autobahn in Richtung Italien fährt, dann kommt es vor, dass kurz vor Innsbruck ein leises Seufzen zu hören ist: "Ja, diesen Laden hätten wir auch gerne." Gemeint ist das Werk des Nordtiroler Gasmotorenherstellers Jenbacher.

Lange Zeit hat Siemens vor allem auf große Gasturbinen gesetzt. Bei den kleinen, dezentralen Maschinen mangelte es an technischen Lösungen. 2014 besserte Siemens schließlich nach und kaufte das Gasturbinengeschäft von Rolls-Royce, ein Jahr später folgte der Kompressorenhersteller Dresser-Rand. Doch ganz geschlossen ist die Lücke noch nicht. Was Siemens fehlt, sind Gasmotoren. Und genau die hat der ewige Rivale General Electric (GE) im Portfolio.

2003 kauften die Amerikaner das Werk in Jenbach. Seit der Übernahme hat sich der Umsatz etwa verfünffacht. 1,5 Milliarden Dollar erlöst GE inzwischen jährlich mit Gasmotoren. Die kleinsten Maschinen haben eine Leistung von 300 Kilowatt - soviel wie eine S-Klasse von Mercedes. Die großen Anlagen von Jenbacher kommen auf zehn Megawatt.

Allein in Deutschland sind 2500 Maschinen installiert - die Hälfte davon Biogasanlagen

Seit vergangenem November leitet Carlos Lange das Gasmotorengeschäft von GE. Sein Büro ist direkt über einer der Montagehallen untergebracht, es riecht ein wenig nach Öl. Setzt sich in der Halle unter ihm einer der Kräne in Bewegung, bebt der Boden leicht, wie bei einer U-Bahn, die anfährt. "Über 200 Millionen Euro haben wir seit der Übernahme ins Werk in Jenbach investiert", sagt Lange. Vor allem die Automatisierungstechnik wurde erneuert. In der Fertigung erledigen Industrieroboter einen Großteil der Arbeit. In der Montagehalle laufen die Motoren auf Schlitten von Station zu Station. Dort werden die Zylinder montiert und Zündkerzen eingedreht. Alle drei Stunden und zwanzig Minuten rückt der Schlitten vor.

Einer der wichtigsten Märkte für Jenbacher ist Deutschland. 2500 Maschinen sind hierzulande installiert. Dass GE so stark in Deutschland vertreten ist, liegt vor allem an der Energiewende, denn die Hälfte aller Motoren sind Biogasanlagen, die zumeist von Landwirten betrieben werden. 250 000 bis 300 000 Euro kostet so eine Maschine. Dazu kommen langfristige Service-Verträge.

Im Unterschied zu herkömmlichen Kraftwerken, ja selbst Gasturbinen, sind Gasmotoren auch bei niedriger Auslastung noch sehr effizient. Auf einen Wirkungsgrad von knapp 50 Prozent kommen die Jenbacher-Maschinen, rechnet man die gewonnene Wärme hinzu, sind es mehr als 90 Prozent.

Während man ein Kohlekraftwerk oder einen Atommeiler nur unter Volllast fahren kann, und es manchmal Tage dauert, bis diese Anlagen ans Netz gehen können, ist ein Gasmotor innerhalb weniger Minuten einsatzbereit. Es ist die ideale Ergänzung zu Solarfarmen oder Windparks, die keinen Strom mehr liefern, weil die Sonne nicht scheint oder Flaute ist.

Dezentrale Anlagen hätten 40 Prozent höhere Wachstumsraten als herkömmliche Gasturbinen, so glaubt man bei GE. "Erneuerbare Energien decken derzeit in Deutschland 27 Prozent des Bruttostromverbrauches ab. In den Vereinigten Staaten sind es gerade einmal 13 Prozent.

Es gibt also ein enormes Potenzial", sagt Lange. Etwa 5500 der Jenbacher-Maschinen lassen sich inzwischen digital überwachen. In jedem zweiten Fall kann ein Problem per Ferndiagnose behoben werden. 80 der Anlagen werden bereits proaktiv gewartet. So lässt sich aufgrund der gesammelten Daten der Ausfall einer Zündkerze beinahe auf den Arbeitstag genau vorhersagen. Auch sich anbahnende Ventilprobleme können die Techniker inzwischen prognostizieren und ein Ersatzteil nebst Ingenieur noch vor dem Ausfall vorbei schicken. Für den Kunden ist das bares Geld. Selbst bei einer relativ kleinen Anlage mit einer Leistung von 3,3 Megawatt bedeutet eine sechs bis achtwöchige Standzeit einen finanziellen Ausfall von 160 000 Dollar.

Doch nicht immer hat GE ein so glückliches Händchen wie mit Jenbacher: 2010 kaufte der Konzern den Gasmotorenhersteller Waukesha aus Wisconsin. Während es Jenbacher prächtig geht, hat Waukesha mit dem Niedergang der Fracking-Industrie zu kämpfen. Denn: Die Hauptabnehmer von Waukesha-Anlagen sind vor allem die Öl-und Gasindustrie. Diese Motoren werden zur Stromerzeugung auf Bohrplattformen eingesetzt, genauso wie im Wüstensand gleich neben der Förderanlage. Wirkungsgrade spielen da nur eine untergeordnete Rolle, Gas gibt es schließlich zur Genüge. Wichtig ist, dass die Maschinen störungsunanfällig laufen und sich mit fast jedem Gas befeuern lassen. Wenn Waukesha der unverwüstliche Geländewagen ist, ist Jenbacher der hochgezüchtete Sportwagen. 350 Jobs müssen nun in den Vereinigten Staaten verlagert werden. Ein Problem, das übrigens auch Siemens von seinem Neukauf Dresser-Rand kennt.