Gemeinsam gegen Amazon Microsoft steigt ins E-Book-Geschäft ein

Zwei Verlierer der Digitalisierung tun sich zusammen: Microsoft steigt bei der Buchhandelskette Barnes&Noble ein. Der Deal zeigt, wie stark sich die Welt der Bücher verändert hat. Für Amazons Kindle bedeutet er Konkurrenz.

Von Nikolaus Piper

Microsoft steigt ins Geschäft mit elektronischen Büchern ein. In einem überraschenden Deal wird der größte Software-Konzern der Welt für 300 Millionen einen Anteil von 17,6 Prozent an der E-Book-Sparte der größten Buchhandelskette der USA, Barnes & Noble (B&N), erwerben.

Als Folge wird B&N seine elektronische Sparte internationalisieren. Das bisher nur in Amerika vertriebene Lesegerät Nook dürfte danach, als Konkurrenz zum Kindle von Amazon, bald auch in Europa zu haben sein. "Wir werden die Erlöse für ein aggressives Expansionsprogramm nutzen, um das Nook zu internationalisieren", sagte William Lynch, der Chef von B&N.

Für Microsoft bedeutet der Deal einen weiteren Versuch, sich mit seiner Software auf die Welt der Tablets und elektronischen Lesegeräte einzustellen. Bisher hat der Konzern dem iPad von Apple und dem Kindle vom Amazon nichts entgegenzusetzen. Am Markt für elektronische Bücher hat das Nook gegenwärtig einen Marktanteil von 25 Prozent. Microsoft hatte über zehn Jahre lang selbst mit einem Microsoft Reader experimentiert, der allerdings nur auf PCs lief. Das Projekt wurde 2011 eingestellt.

Der Aktienkurs von B&N ist um über 50 Prozent gestiegen

Wie sehr sich die Welt der Bücher seit der Erfindung des E-Books schon verändert hat, zeigen die Details des Vertrages, der von der Börsenaufsicht SEC veröffentlicht wurde. B&N gliedert das Nook und seine Buchläden für College-Studenten in eine eigene Tochterfirma aus.

Die Logik dahinter: Immer mehr Studenten verzichten auf teure Lehrbücher aus Papier und entscheiden sich, so vorhanden, für die billigere elektronische Version. Diesen Markt wollen B&N und Microsoft entwickeln. Die neue Tochter hat noch keinen Namen, sondern trägt nur den Arbeitstitel Newco. An Newco erwirbt Microsoft für 300 Millionen Dollar einen Anteil von 17,6 Prozent.

Damit wird das gesamte Nook- und College-Buchgeschäft implizit mit 1,7 Milliarden Dollar bewertet; das ist fast doppelt so viel wie die gesamte Firma B&N am Freitag, vor Bekanntwerden des Deals, an der Börse gekostet hat. Seither ist der Aktienkurs des Buchhändlers um über 50 Prozent gestiegen. Das bedeutet aber auch: Das komplette herkömmliche Buchgeschäft wäre, würde es isoliert auf den Mark kommen, praktisch nichts wert.

Das traditionelle Buch befindet sich in Amerika seit Jahren auf dem Rückzug

Microsoft zahlt B&N binnen drei Jahren außerdem 125 Millionen Dollar; zum Teil sind dies vorweggenommene Erlöse aus dem Verkauf der neuen Betriebssoftware Windows 8. B&N wird eine App für Windows 8 anbieten; ob es darüber hinaus ein Nook geben wird, das ausschließlich auf Windows 8 läuft, ist offen. Die Pläne Microsofts scheinen groß, aber nicht besonders spezifisch zu sein. Der Konzern sehe sich nicht nur als Lieferant einer Plattform, sagte Microsoft- Manager Andy Lees. "Wir stehen an der Spitze einer Revolution des Lesens."

Das traditionelle Buch befindet sich in Amerika seit Jahren auf dem Rückzug. Viele kleine Buchhändler haben aufgegeben; der größte Konkurrent von B&N, die Handelskette Borders, meldete im Februar 2011 Konkurs an, fand danach keinen Käufer und musste geschlossen werden. Im Vergleich dazu konnte sich B&N gut halten. Noch immer betreibt das Unternehmen in den USA 691 Buchläden und 641 College-Shops. Das Angebot in diesen Läden ändert sich jedoch: Der Anteil der Bücher sinkt, dafür gibt es Spielzeug, Kaffee und Schokoriegel.

Vor allem jedoch wurde das Nook zu einem Erfolg und zu einer ernsthaften Konkurrenz für Amazons Kindle. Die Entscheidung, eine eigene Hardware für E-Books anzubieten, rettet dem Unternehmen vermutlich das Leben. Allerdings fehlte B&N bisher das Kapital, um das Geschäft rasch auszubauen. Das dürfte sich jetzt dank Microsoft ändern. Die Verlage scheinen sich von dem Deal Vorteile zu versprechen. Die Chefs von fünf der sechs größten Verlage der USA hätten ihm ermutigende E-Mails geschickt, sagte William Lynch von B&N.