Geldvorrat Griechenlands Banken sind kurz vor dem Kollaps

Zahlen zu Griechenlands Banken.

  • Den griechischen Banken gehen bald die Barreserven aus. Die griechische Notenbank prüft offenbar, den maximalen Auszahlungsbetrag am Automaten auf 20 Euro pro Tag abzusenken.
  • Griechische Banken sind auf Notkredite der griechischen Notenbank angewiesen, um zu überleben. Ob sie diese erhalten, entscheidet die Europäische Zentralbank.
Von Markus Zydra, Frankfurt

Der Geldautomat als Lebensnerv. Die Griechen heben ab, zumindest die Bürger, die eine EC-Karte besitzen. Das sollen längst nicht alle sein. Nur noch maximal 60 Euro pro Tag sind erlaubt, seit die griechische Regierung Kapitalverkehrskontrollen eingeführt hat. Das griechische Bankensystem blutet trotzdem aus. Wenn griechische Bürger im Supermarkt bar bezahlen, dann bunkert der Geschäftsinhaber die Einnahmen, statt sie, wie sonst üblich, am Ende des Tages auf sein Bankkonto einzuzahlen. So können kleinste Barabhebungen in der Summe relativ schnell den Geldvorrat der Banken aufbrauchen.

Die griechischen Banken haben noch Barreserven. Wie hoch die Summe genau ist und wie lange sie reicht, um die Auszahlungswünsche zu befriedigen? Nicht mehr lange. Die griechische Notenbank prüft dem Vernehmen nach, den maximalen Auszahlungsbetrag am Automaten auf 20 Euro pro Tag abzusenken. Damit es bis zum Sonntag reicht. "Die griechischen Banken stehen unmittelbar vor dem Kollaps", sagte Felix Hufeld, Präsident der deutschen Finanzaufsicht Bafin, am Montagabend vor Journalisten. Die Institute von Thessaloniki bis Kreta hätten kaum noch Zugang zu frischem Geld.

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Hufeld sitzt im 25 Mitglieder zählenden Aufsichtsgremium der neuen EZB-Bankenaufsicht. Dort prüfen die Experten täglich die Solvenz der vier größten griechischen Banken. Diese Institute halten rund 90 Prozent der Spareinlagen. Wenn sich an der Situation in Griechenland nichts ändere, so Hufeld, drohe innerhalb weniger Tage die Insolvenz der Institute. "Ob das zwei, drei, vier oder fünf Tage sind, da können Sie stundenlang darüber streiten."

Die Frage nach der Solvenz der griechischen Banken spielt seit Monaten in der Grauzone zwischen Fiktion und Fakt. Auf der ganzen Welt gibt es mit Ausnahme einiger Hedgefonds keine Investoren mehr, die dem griechischen Finanzsektor noch Geld leihen. Und die Griechen plündern ihre Sparkonten. Beides sind klare Indizien dafür, dass es mit der Solvenz der Banken nicht weit her ist.

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Bei der Europäischen Zentralbank (EZB) weiß man um diese prekäre Lage. Dennoch hat der EZB-Rat in den letzten Monaten der griechischen Zentralbank immer wieder genehmigt, Notkredite zu vergeben. Man spricht von Emergency Liquidity Assistance (Ela). Im Februar beschloss die EZB, dass sie keine griechischen Staatsanleihen mehr beleihen würde. Gleichzeitig wurde der Ela-Rahmen massiv ausgeweitet. Griechenlands Banken besorgten sich fortan bei der griechischen Zentralbank Geld.

Die Kritik an den Hilfen ist in Deutschland groß. Mit einer Zweidrittelmehrheit könnte der EZB-Rat die Erlaubnis für die griechische Notenbank zur Vergabe der Notkredite widerrufen. Die Darlehen müssten sofort fällig gestellt werden. Doch die griechischen Banken haben das Geld nicht. Sie wären pleite. Die griechische Zentralbank müsste für den Verlust geradestehen. Doch die EZB denkt politisch. Sie möchte den Grexit, den Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone, nicht herbeiführen. Sie möchte der Politik Zeit geben, einen Kompromiss zu finden.

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Die EZB hat aber den Druck erhöht, als sie letzten Sonntag beschloss, die Höhe der Notkredite bei den genehmigten 89 Milliarden Euro einzufrieren. Mit dieser Entscheidung hat sie die Kapitalverkehrskontrollen in Griechenland praktisch erzwungen: Die griechischen Banken müssen mit dem auskommen, was sie noch haben.

Für die Notkredite müssen die griechischen Banken Sicherheiten hinterlegen. Dabei handelt es sich um griechische Staatsanleihen und griechische Bankanleihen, die der Staat garantiert. Eine gefährliche Liaison: Wenn der Staat pleite ist, sind es auch die Banken - und umgekehrt. Griechische Sparer dürfen sich auch nicht mehr auf die Einlagensicherung verlassen: Der griechische Staat hat kein Geld mehr. Die Bürger haben seit Jahresanfang, so Schätzungen der DZ Bank, rund 40 Milliarden Euro abgehoben. Auf den Konten liegen nun noch knapp 120 Milliarden Euro.

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Von den Notkrediten profitieren vor allem die Reichen

Die bisher gewährten Notkredite helfen vor allem reichen Griechen. "Die Vermögenden haben von den Notkrediten überproportional profitiert. Das gilt auch für griechische Unternehmen, die ihr Geld auf ausländische Konten überwiesen haben, um nach einem Grexit in Euro zahlungsfähig zu bleiben", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

Die griechischen Sparer haben Milliarden Euro ins Ausland transferiert. Diese Überweisungen werden über das elektronische Euro-Zahlungssystem Target abgewickelt. Weil durch die Krise mehr Geld aus Griechenland abgeflossen ist, als aus dem Ausland reinkam, schuldet die griechische Zentralbank der EZB im Falle eines Grexits viel Geld. Der Target-Betrag beläuft sich mittlerweile auf rund 110 Milliarden Euro.

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Der allergrößte Teil dieses Geldes müsste nach einem Grexit wohl abgeschrieben werden. Die EZB würde als Verlustausgleich über Jahre die Überschüsse der anderen Euro-Notenbanken kassieren. Die Bundesbank könnte an das Finanzministerium keine Gewinne mehr überweisen. Die Schätzungen des gesamten Haftungsrisikos für den deutschen Steuerzahler liegen zwischen 60 und 90 Milliarden Euro. Die endgültige Höhe wäre von vielen Faktoren abhängig.