Geldinstitute nach der Finanzkrise Blackbox Deutsche Bank

Was sagen die Zahlen der Deutschen Bank wirklich aus? Sind die Modelle, mit denen die Geldhäuser ihre Geschäfte bewerten, wirklich verlässlich?

(Foto: REUTERS)

Wo sind die Zeitbomben in den Bilanzen der Geldhäuser? Sind die Risiken nach der Krise wirklich verschwunden? Das wissen nur die Banker selbst. Denn mit den Geschäftsberichten der Deutschen Bank können selbst Experten wenig anfangen.

Von Andrea Rexer und Markus Zydra, Frankfurt am Main

Andy Haldane zieht die Augenbrauen hoch. An diesem Dienstag Ende Mai sitzt der smarte britische Notenbanker gemeinsam mit Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain auf einem Podium der grünen Bundestagsfraktion. Die Sonne scheint durch ein großes Panoramafenster, das den Blick auf den Frankfurter Dom freigibt. "Wir sind vier Mal so sicher wie vor der Krise", hat Jain gerade gesagt. Er hat vorgerechnet, dass die Deutsche Bank mehr als genug Eigenkapital habe, um selbst die schlimmsten Katastrophenszenarien an den Finanzmärkten zu überstehen. Ausgerechnet Jain sagt das, der seit Jahren führende Mann im riskanten Investmentbanking, eine Person, die vieles von dem verkörpert, was vielen Menschen Angst im Bankgeschäft macht. Denn er hat das Investmentbanking der Deutschen Bank mit aufgebaut, jene Abteilung, die der Bank einst den Ruf einbrachte, der größte Hedgefonds der Welt zu sein.

Diesen Ruf will die Bank loswerden und hat dafür einiges unternommen: Sie hat jene Abteilung geschlossen, die früher auf eigene Rechnung gezockt hat. Sie will über 100 Milliarden Euro an Wertpapieren und anderen Risiken loswerden. Doch ob die Bank wirklich vier Mal so sicher ist, wie vor der Krise, zieht Haldane ganz grundsätzlich in Frage - er glaubt nämlich den Zahlen der Banker nicht. Den Zahlen der Deutschen Bank nicht, und auch nicht jenen anderer Banken. Er zweifelt daran, wie transparent die Branche insgesamt ist.

Und damit legt er den Finger in die Wunde: Denn obwohl sich die Politik angesichts der Finanzkrise das Ziel gesetzt hat, dass Banken nie wieder intransparente Geschäfte machen sollen, die kaum jemand versteht und deren Gefahren sich nur sehr schwer oder gar nicht einschätzen lassen, hat sich daran wenig geändert. Die Süddeutsche Zeitung hat namhafte Professoren, Investoren, Aktionäre und Analysten gebeten, den Geschäftsbericht der Deutschen Bank zu lesen und danach eine scheinbar einfache Frage zu beantworten: Was sind die drei größten Risiken der Deutschen Bank? Dass niemand darauf eine klare Antwort zu geben vermochte, zeigt, wie tief das Problem liegt: Die Deutsche Bank - und mit ihr eine ganze Branche - ist noch immer eine Blackbox.

Bilanzsumme von 2000 Milliarden Euro

Die Deutsche Bank gehört zu den mächtigsten Kreditinstituten der Welt. Sie hat eine Bilanzsumme von 2000 Milliarden Euro, das entspricht fast der gesamten Wirtschaftsleistung Deutschlands. Wenn sie wankt, taumelt Europas Wirtschaft. Deshalb würde der Staat immer einspringen, wenn der Bank Unheil droht. Auch wenn es keine offizielle Garantie für die Bank gibt, sie ist implizit vor der Pleite geschützt. Der Vize-Chef der amerikanischen Einlagensicherungsbehörde FDIC, Thomas Hoenig, bezeichnete das Institut kürzlich als "schrecklich unterkapitalisiert". Die Frage nach den Risiken der Deutschen Bank ist deshalb nicht nur eine, die den Eigentümer etwas angeht, sondern auch den Steuerzahler. Zwar kann die Deutsche Bank behaupten, dass sie in der Finanzkrise keine Staatshilfe genommen hat, jedenfalls nicht direkt - aber wer weiß, ob das auch für die nächste Krise gilt? Wer kann die Risiken eines so riesigen und global vernetzten Instituts noch überschauen?

Bankenprofessor Hans-Peter Burghof hat sich auf die Suche nach Antworten gemacht. Er sitzt an seinem Schreibtisch in der Universität Hohenheim bei Stuttgart, und blättert am Computer durch den Geschäftsbericht, auf der Suche nach den Zeitbomben in der Bilanz, nach den größten Risiken der Deutschen Bank. Wo sind sie? "Ich weiß es nicht", seufzt er, und man merkt, dass er nicht mag, was er sagt, denn Burghof hat intellektuellen Ehrgeiz. "Für eine Bank sind das extrem gute Informationen, aber alles bleibt nur eine Oberfläche, die gestaltbar ist", sagt Burghof. "Man muss Vertrauen haben."

Kontrolleure haben Zockerskandale nicht verhindert

Vertrauen in die Banken? Die Gesellschaft tut sich da schwer. Wohl kaum ein Institut hatte die globale Finanzkrise auf dem Radar und die folgende größte Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren. Im Geschäftsbericht der Deutschen Bank von 2007 findet man kein klares Wort zu diesen lauernden Gefahren. Kaum einer ahnte damals, wo der Zündstoff verborgen war. Doch ist das heute so viel anders?

Die amerikanische Bank JP Morgan meldete 2012, dass ein einziger Händler einen Verlust von sechs Milliarden Dollar verursacht hatte. Völlig überraschend kam das - für die Welt, aber vor allem für die Verantwortlichen in der Bank. Zockerskandale auch andernorts: Bei der Schweizer Bank UBS und der französischen Société Générale haben einzelne Händler Milliardenschäden verursacht. Die Kontrolleure in der Bank haben das nicht verhindert.

Die Aktionäre auch nicht. Sie treffen sich jedes Jahr zur Hauptversammlung. Bei der Deutschen Bank wird Klaus Nieding immer als einer der ersten ans Rednerpult gerufen. Dann hat er zehn Minuten Zeit, um die Führungsriege von Deutschlands größtem Geldinstitut in die Mangel zu nehmen. Als Vize-Präsident der Deutschen Schutzgesellschaft für Wertpapierbesitz spricht er für viele Kleinaktionäre der Bank. In diesem Jahr treibt ihn besonders die Rechtsstreitigkeiten des Instituts um, bei denen Milliarden Euro auf dem Spiel stehen. Im Geschäftsbericht der Bank findet Nieding zu wenig Informationen. Er möchte wissen: "Was kann das maximal kosten?"

Eine klare Frage, doch Aufsichtsratschef Paul Achleitner windet sich. "Wir können keine Gesamtsumme nennen", sagt er und verweist auf die unrealistisch hohen Forderungen der Kläger, die tatsächlichen Vergleichssummen lägen stets weit darunter. Eine Gesamtsumme würde wenig über das tatsächliche Risiko aussagen, sagt Achleitner, sondern vielleicht in die Irre führen.