Serie von Sprengungen Warum Panzerknacker es vor allem auf deutsche Banken abgesehen haben

Ein gesprengter Geldautomat einer Sparkasse im Saarland, nur wenige Kilometer von der französischen Grenze entfernt (Archivbild aus dem Jahr 2014)

(Foto: imago/Becker&Bredel)
  • Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 132 Geldautomaten gesprengt, knapp die Hälfte davon in Nordrhein-Westfalen.
  • Weil Geldkarten sicherer geworden sind und Nachbarländer ihre Bankautomaten besser schützen, steigt hierzulande die Zahl der Sprengungen.
Von Varinia Bernau und Harald Freiberger

Der laute Knall ist stets in den frühen Morgenstunden zu hören, kurz darauf heult ein Motor auf. Dann verschwinden dunkle Gestalten in die Nacht. Zurück bleiben Ruß, Glassplitter - und manchmal sogar die Beute. Die beiden Männer, die Ende Januar einen Geldautomaten in einem Klinkerbau in einer Kleinstadt direkt an der Grenze zu den Niederlanden sprengten, stellten sich dämlich an: Sie verloren auf der Flucht eine gerade erbeutete Geldkassette und Scheine.

Bankräuber, die mit Strumpfmaske in die Filiale stürmen und "Hände hoch!" rufen, sind selten geworden. Zu hoch ist das Risiko, geschnappt zu werden und für fünf Jahre ins Gefängnis zu müssen; zu gering die Aussicht, an viel Bargeld zu kommen. Im vergangenen Jahr wurden 132 Automaten gesprengt. Allein in Nordrhein-Westfalen waren es 67, zehn weitere kamen in diesem Jahr bereits dazu. Auch in Niedersachsen, Brandenburg und Schleswig-Holstein explodieren Geldautomaten, fast immer in Grenznähe. Aber nirgendwo knallt es so oft wie in Nordrhein-Westfalen. Am Freitag wurde ein Automat in Bochum gesprengt.

Die unheimliche Serie fällt in eine Zeit, in der in Deutschland über die Abschaffung des Bargelds diskutiert wird. Ausgerechnet der Ort, wo Menschen auch mitten in der Nacht an die Scheine kommen, gerät ins Visier der Bankräuber - und ihre Methoden werden immer rabiater.

Geldkarten sind sicherer geworden

"Mehrere Täter fuhren Autos mit holländischen Nummernschildern", sagt Bernd Redecker, Sicherheitsexperte bei Wincor-Nixdorf, das Unternehmen stellt zwei Drittel aller Geldautomaten in Deutschland her. Offenbar verlegten sich die Diebe auf Deutschland, weil in den Niederlanden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft wurden: Die Banken führten sprengsichere Tresore ein und rüsteten die Geräte mit Tintenpatronen aus, die Scheine bei einer Sprengung unbrauchbar machen. In Deutschland ist beides noch nicht so verbreitet. "Die Täter suchen sich Automaten, bei denen sie leichtes Spiel haben", sagt Redecker.

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Ein anderer Grund für die rohe Gewalt ist, dass sanftere Methoden nicht mehr so gut klappen wie früher. Vor allem das sogenannte Skimming ist deutlich zurückgegangen. Dabei lasen die Täter mit Attrappen am Automaten die Daten der Bankkarte aus, kopierten diese auf eine andere Karte und hoben damit woanders Geld ab; die PIN spionierten sie zusätzlich aus. Seit die Karten mit einem Sicherheits-Chip ausgerüstet sind, lassen sie sich nicht mehr kopieren wie früher mit dem Magnetstreifen.

Wer über einem Automaten wohnt, ist potenziell in Gefahr

Besonders dilettantische Diebe machen Dietmar Kneib vom Landeskriminalamt in Düsseldorf Sorgen. Solche, wie sie zum Beispiel kurz vor Weihnachten in Kleve festgenommen wurden, nachdem sie 13 Automaten gesprengt hatten - und sich gerade am 14. versuchten. "Die haben viel zu viel Gas bei der Sprengung verwendet", sagt Kneib. Bislang sei bei den in die Luft gejagten Geldautomaten noch niemand zu Schaden gekommen. "Aber die Gefahr ist da." Der Filialleiter einer Bank erzählt, dass sich derzeit weniger seine Kunden Sorgen machen als die Menschen, die über einem Geldautomaten wohnen. Allein im vergangenen Jahr haben die Sprengungen einen Sachschaden von mehr als fünf Millionen Euro verursacht. "Es gab Fälle, bei denen die Statik des Hauses geprüft werden musste", sagt Kneib.

Im vergangenen Herbst richtete das Landeskriminalamt Düsseldorf die Ermittlungskommission Heat ein. Diese stimmt sich eng mit Kollegen in den Niederlanden ab. Die Täter schlagen vor allem in Filialen zu, die ruhig gelegen sind und zugleich nah an der Autobahn. Denn neben dem explosiven Gasgemisch setzen sie auf hochmotorisierte Fluchtwagen. Auch das bereitet Kneib Sorgen: Dass die Bankräuber mit mehr als 250 Kilometern pro Stunde unterwegs sind, auch vor Autosperren nicht zurückschrecken. Vor einer Woche gab es auf der Autobahn, die von Krefeld in die Niederlande führt, einen schweren Unfall: Die dunkle Limousine, 400 PS unter der Haube, kam von der Fahrbahn ab, wurde über die Leitplanke geschleudert und blieb an einem Wasserauffangbecken liegen. Das Auto war gestohlen, so wie auch das Nummernschild. Zwei der drei Männer starben bei dem Unfall, der dritte ist noch nicht vernehmungsfähig. Die Polizei gleicht die DNA derzeit mit den Spuren ab, die sie an gesprengten Geldautomaten sicherte.

Besserer Sprengschutz ist möglich, aber teuer

Gleichzeitig sprechen die Polizisten mit den Banken. Darüber, ob sich die Geldautomaten technisch aufrüsten lassen, etwa mit dickeren Tresoren oder mit Farbkartuschen. In Frankreich sind sie inzwischen Pflicht - und schrecken Täter ab. Natürlich kostet solch ein Schutz, aber vor allem bei den Banken im Grenzgebiet wächst die Überzeugung, dass man daran nun nicht sparen sollte. "Nach der Serie von Sprengungen spüren wir, dass das Interesse der Kunden an derartigen Lösungen deutlich größer geworden ist", sagt Redecker von Wincor-Nixdorf. Auch die Versicherer, die am Ende für den Schaden eintreten müssen, üben Druck auf die Banken aus, die Automaten sicherer zu machen.

Es gibt einen Schutz, der nichts kostet: Die Banken könnten die Räume mit den Geldautomaten nachts schließen. Doch das würde, heißt es beim Bankenverband, den Service für die Kunden einschränken und käme einer Kapitulation vor den Kriminellen gleich. "Wer weiß, was das wirklich bringt", heißt es bei einer Sparkasse, "vielleicht kommen die dann demnächst mit einem Radlader?"

Nach den Ermittlungen und Festnahmen, nach dem Einreden auf die Banken, die Automaten besser zu schützen, bleibt Kneib noch eine Waffe im Kampf mit den Panzerknackern: das Argument. Die Dilettanten in Kleve, die seien bei 13 Sprengungen an keinen einzigen Cent gekommen - aber könnten nun sicherlich mit einer Haft jenseits von fünf Jahren rechnen. "Das ist doch ein ziemlich schlechtes Geschäft."

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