Geldanlage Schweizer Banken behalten zu Unrecht Provisionen ein

  • Auch bei Finanzprodukten kann es Provisionen geben, wenn Kunden den Anbieter wechseln. In der Schweiz hat das Bundesgericht hat in zwei Urteilen entschieden, dass diese Retrozessionen den Anlegern zustehen und nicht den Banken.
  • Trotzdem haben Schweizer Banken die Retrozessionen oft nicht an ihre Kunden weitergegeben. Sie sollen so Millionen Euro erwirtschaftet haben, die ihnen nicht zustehen.
  • Besonders Steuerbetrüger fürchten einen Rechtsstreit, mit dem sie womöglich den deutschen Fiskus auf sich aufmerksam machen.
Von Uwe Ritzer, Zürich

Ein deutsches Ehepaar legt drei Millionen Euro bei einer Großbank in der Schweiz an. Das Geld wartet dort aber nicht einfach auf einem Nummernkonto auf Zinsen, sondern es vermehrt sich, indem es wandert. Mehrmals im Jahr schichtet der Vermögensverwalter in Zürich nach kurzer telefonischer Rücksprache mit den Eheleuten deren Vermögen um: Aktien, Zertifikate, Fondsbeteiligungen, Wertpapiere, Versicherungen - mal hiervon mehr, mal davon.

Und jedes Mal kassiert die Bank kräftig mit. Nämlich Provisionen und andere Kick-back-Zahlungen von denen, welche die entsprechenden Finanzprodukte anbieten. Schweizer Banken haben mit solchen Beteiligungen an den Produktgebühren in der Vergangenheit zig Milliarden Euro eingestrichen.

Dabei steht ihnen das Geld gar nicht zu. Gleich in zwei Grundsatzurteilen hat das Schweizer Bundesgericht in Lausanne im März 2006 und im Oktober 2012 entschieden, dass nicht die jeweilige Bank, sondern der Anleger Anspruch auf diese Vergütungen hat, in der Schweiz Retrozessionen genannt. Nur wissen vor allem ausländische Anleger häufig nichts von ihrem Anspruch. Und die Neigung der Geldhäuser, ihnen das Geld freiwillig zukommen zu lassen, geht gegen null.

"Von den Banken über den Tisch gezogen"

Spätestens nach dem zweiten Urteil der höchsten Richter 2012 "hätte man erwarten können, dass die Banken offensiv informieren und verlorene Reputation wieder gutmachen würden", schrieb ein Kommentator der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ). "Diese Chance wurde vertan."

Herbert Notz, 59, formuliert es noch drastischer. "Die Leute wurden von ihren Banken jahrelang über den Tisch gezogen und jetzt spielen diese Banken auf Zeit." Notz, ein früherer Roland-Berger-Berater, hat sein Büro unweit des Züricher Paradeplatzes, wo die mondänen Bankhäuser stehen. Auch die elegante Zürichsee-Promenade ist nicht weit. Er kennt auch die (im übertragenen Sinne) versteckten, schmutzigen Ecken des Finanzplatzes. Seit vielen Jahren spürt der gebürtige Allgäuer von Zürich aus Geldverstecke auf, von denen eigentlich niemand etwas erfahren soll. Oft sind es Erben, die Notz mit der Suche nach Vermögen beauftragen, das vor ihnen, von wem und warum auch immer, versteckt wird. Seit einiger Zeit jagt Herbert Notz auch besagten Retrozessionen hinterher.

Er fischt einige Blatt Papier mit Zahlenkolonnen aus einem Aktenordner. Der deutsche Kunde einer Zürcher Bank hat Notz gebeten, auszurechnen, wie viel an Retrozessionen ihm angesichts der beiden Urteile für seine Anlagen zusteht, rückwirkend für mehrere Jahre. Experten schätzen, dass durchschnittlich ein Prozent des Anlagevolumens pro Jahr an Retrozessionen an die jeweilige Bank geflossen sind. Je nachdem, wie oft das Vermögen umgeschichtet wurde.