Geld Wie mit alternativen Währungen Krisen gelöst werden

1932 wird in Wörgl eine Alternativwährung ausgezahlt, die nur kurz ihren Wert behält. Ein Trick, damit die Bürger sie wieder ausgeben.

(Foto: Unterguggenberger-Institut)
  • Immer wieder in der Geschichte haben private Währungen den Staat und sein ehernes Währungsmonopol herausgefordert.
  • Auch wenn das teils sehr erfolgreich geschah - viele private Währungen gab es nur für kurze Zeit.
Von Victor Gojdka

Im österreichischen Bergdorf Wörgl hoffen im Frühjahr 1932 alle auf ein Wunder. Die Brauerei hat viele Mitarbeiter entlassen, in der Zellulosefabrik bewachen gerade noch elf Arbeiter die ruhenden Maschinen, das Zementwerk hat längst zugesperrt. Die weltweite Wirtschaftskrise hat sich durchs Inntal gefressen, Dorf für Dorf, bis nach Wörgl. Dann aber passiert etwas, das das Wiener 12-Uhr-Blatt zu der Formulierung verleiten wird, Wörgl habe Weltbedeutung erlangt. Der damalige Dorfbürgermeister Michael Unterguggenberger hat eine Idee.

Mit einer alternativen Währung will er die Wirtschaft im Ort wieder beleben. "Das träge Geld der Nationalbank muss im Bereich der Gemeinde Wörgl ersetzt werden", sagt Sozialdemokrat Unterguggenberger am 5. Juli 1932, so ist es protokolliert. Es ist jener Satz, mit dem Unterguggenberger seine Währungsrevolution beginnt. Mit dem er im Gemeindegebiet eine alternative Währung zu Schilling und Groschen schafft. Mit dem das Wörgler Wunder seinen Lauf nimmt.

Immer wieder in der Geschichte haben private Währungen den Staat und sein ehernes Währungsmonopol herausgefordert. In der römischen Antike, der frühen Neuzeit, in den Wirren des 20. Jahrhunderts zwischen Großer Depression und grausamen Kriegen. Der britische Wirtschaftshistoriker Garrick Hileman von der London School of Economics sagt: "Alternative Währungen gab es im Lauf der Geschichte schon immer." Besonders dann, wenn finanzielle Panik um sich griff. Wer die alten Münzen und Scheine wie ein Münzkundler mit dem Pinsel von ihrer Staubschicht befreit, sieht: Die Alternativwährungen von gestern erzählen viel über Bitcoin von heute.

Wahr gewordener Traum

Die Digitalwährung, die man sich im Internet hin- und herschicken kann, ist von einem Nerd-Hobby zum Hype geworden, von einem Nischenthema zur weltweiten Schlagzeile. Viele hofften wie im Goldrausch, dass Bitcoin sie reich machen würde, einige sind es geworden, einige haben sich verspekuliert - weil der Kurs absackte. Der Rausch hat noch kein Ende, ein Bitcoin ist derzeit mehr als 8000 Dollar wert. Die digitale Währung ist der wahr gewordene Traum, ein Geldsystem fern von staatlicher Kontrolle zu schaffen. Unabhängig von Banken, Geldpolitikern und Staaten.

Im Wörgl eben jener Julitage 1932 sind Wörter wie Computer und Bitcoin noch völlig unbekannt, ganz Österreich redet in Zeiten der Wirtschaftskrise über die grassierende Deflation. Weil die Preise sinken, gibt niemand mehr Geld aus. Morgen könnte man für das gleiche Geld ja mehr bekommen. Verheerend für Firmen, Arbeitsplätze, Menschen. Diese gefährliche Spirale will Unterguggenberger mit seiner Alternativwährung durchbrechen.

Die Macher des Wunders von Wörgl: Bürgermeister Michael Unterguggenberger (2.v.l) berät mit anderen örtlichen Honorationen zum Thema Freigeld.

(Foto: Unterguggenberger-Institut)

Ende Juli gibt die neugegründete Nothilfe Wörgl erstmals ihre Schrumpfwährung aus. Scheine, die automatisch an Wert verlieren. Gibt man die Scheine nicht sofort aus, muss man jeden Monat eine kleine Marke kaufen und auf den Schein kleben. Weil niemand Geld ausgeben will, damit die Scheine ihren Wert behalten, geben sie alle schnell aus. Und die Wirtschaft im Ort springt wieder an.

Viele nennen Unterguggenberger daher einen Zauberer, einen Finanzalchemisten. Doch das Geheimnis des Mannes heißt schlicht Konsenspolitik. Alle Honoratioren des Dorfes hat Unterguggenberger vorher einzeln gesprochen: den katholischen Dorfpfarrer Matthias Riedelsperger, den Heimwehrführer Georg von Stawa, den Bäckermeister Sebastian Mitterer. Sie alle unterstützen seine Idee und stehen in der Bevölkerung für sie ein. Die Wörgler gewöhnen sich schnell an die neue Währung, die Experten Freigeld nennen.

Auch wenn die Zeiten heute andere sind, es gibt Parallelen zwischen dem Freigeld aus Wörgl und der Digitalwährung Bitcoin. "Wie das Freigeld baut auch Bitcoin auf einer wirtschaftlichen Sorge auf", sagt Wirtschaftshistoriker Hileman. Während die kleine österreichische Gemeinde mit ihrer privaten Währung damals die Deflation überwinden will, machen sich die Urheber von Bitcoin heute Sorgen, dass es eine überschießende Inflation geben könnte. Dass die Notenbanken beim Gelddrucken am Ende die Kontrolle verlieren könnten. Deswegen ist die maximale Menge an Bitcoin technisch auf 21 Millionen Einheiten festgeschrieben. Geld drucken und so den Wert von Bitcoin weginflationieren? Unmöglich.

Lohnauszahlung in Freigeld: Damals wie heute hat die Alternativwährung ihren Ursprung in einer wirtschaftlichen Sorge.

(Foto: Unterguggenberger-Institut)

Ob in den krisengeplagten Volkswirtschaften der frühen Dreißigerjahre, nach der Wirtschaftskrise im Japan der Neunziger, nach der Finanzkrise vor zehn Jahren: In Zeiten finanzieller Panik florieren alternative Währungen, schreibt Bruce Champ, einstiger Wirtschaftsberater der US-Notenbank des Bundesstaates Cleveland in einer Analyse. Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Reichsmark ihren Wert verlor, avancierten Zigaretten zum neuen Geld. In Zeiten unsteter Wechselkurse in afrikanischen Ländern schickten sich Nutzer Telefonminuten hin- und her, als Geldersatz. Dieses Krisenmuster zeigt sich bis heute: Als der Nordkorea-Konflikt im vergangenen Jahr hochkochte, handelten Koreaner und Japaner besonders viel Bitcoin und andere Kryptowährungen wie Ether oder Ripple. Knapp 1600 Kryptowährungen gibt es bereits. So viele, dass selbst Experte den Überblick verloren haben.