Geld im Altertum Ton, Steine, Scherben

Das kleinasiatische Königreich Lydia war legendär ob seines Reichtums. So erfanden die Lyder die Kunst der Münzprägung.

(Foto: Kunsthalle Baden-Baden)

Von Wampum-Gürteln bis zu Goldmünzen: eine kleine Frühgeschichte des Geldes.

Von Nikolaus Piper

Der Montauk Highway auf Long Island zieht sich am Atlantik zwischen den Refugien der Reichen und Superreichen aus New York in den "Hamptons" hin: Southampton, Bridgehampton, schließlich Montauk an der Ostspitze der Insel. Kurz vor der Gemeinde Southampton stehen am Straßenrand plötzlich ein paar nicht ganz so feine Buden. Hier kann man Zigaretten für 2,25 Dollar (statt für neun Dollar im Rest des Staates New York) kaufen, denn der Straßenabschnitt liegt auf dem Land der Shinnecock, einem Indianerstamm, der qua Gesetz keine Tabaksteuer zahlt. Hinter den Zigarettenbuden liegt, ziemlich unscheinbar das "Shinnecock Indian Cultural Center & Museum". Und das ist der richtige Ort, um eine Spurensuche nach den Ursprüngen des Geldes zu beginnen. Heute leben ungefähr 1400 Shinnecock auf dem winzigen Reservat von 3,2 Quadratkilometern. Vor Ankunft der Engländer und Holländer auf Long Island im 17. Jahrhundert jedoch - und unmittelbar danach - spielten die Shinnecock eine zentrale Rolle in der Wirtschaft Nordamerikas: Sie produzierten Wampums, das vermutlich erste Geld, das auf dem Kontinent verwendet wurde.

Ein Wampum ist eine Perle, die aus dem Inneren der Seeschnecke Busycotypus canaliculatus und verschiedenen Muscheln gedreht wurde. Die Shinnecock , neben einigen anderen Stämmen, ernteten die Schnecken und Muscheln im Atlantik, zogen sie auf Sehnen auf und flochten so Wampum-Gürtel, die im gesamten Nordosten der heutigen Vereinigten Staaten gehandelt wurden.

Die europäischen Eroberer dachten anfangs recht naiv, Wampums seien einfach die Währung der Indianer. Das war nicht ganz falsch, es war aber auch nicht ganz richtig. Ja, Wampums dienten als Tauschmittel zwischen verschiedenen Stämmen, aber ihre wichtigsten Funktionen waren religiös-rituell: Wampum-Gürtel dienten als Schmuck, sie waren Bestandteil von Zeremonien und besiegelten Verträge. Als der Quäker William Penn 1682 durch einen Vertrag mit den Lenape-Indianern die Kolonie Pennsylvania gründete, wurde dies mit Übergabe eines kunstvollen Wampum-Gürtels dokumentiert. Der amerikanische Anthropologe Lewis Henry Morgan berichtete, dass bei den Irokesen die Familie eines Mörders an die Angehörigen des Opfers einen weißen Wampum-Gürtel schickte. Das war nicht gedacht als pekuniäre Entschädigung, sondern als rituelles Schuldeingeständnis.

Kauri-Schnecken wurden zu einer Währung rund um den Indischen Ozean

Unter der Herrschaft der Europäer nahmen Wampums dann immer mehr den Charakter von Geld im modernen Sinne an. Die Siedler kauften Wampums und bezahlten damit Biberfelle, die ihnen Stämme aus dem Landesinneren lieferten. Auf diese Weise produzierten sie eine Wampum-Inflation, es gab immer mehr davon, ihr Wert sank und nach und nach verschwanden sie aus dem Wirtschaftsleben.

Am Anfang standen Schuldverhältnisse. Dieser altassyrische Brief stammt aus dem Anfang des zweiten Jahrtausends v. Chr - aufgezeichnet auf Ton.

(Foto: Kunsthalle Baden-Baden)

Was das Erbe der Shinnecock so wertvoll macht, ist die Tatsache, dass hier Entwicklungen beobachtet werden konnten, die anderswo so oder so ähnlich in prähistorischer Zeit stattgefunden hatten: Die Entwicklung des Geldes aus religiösen Wurzeln. Noch 1776 stellte der Ahnherr der Nationalökonomen, Adam Smith, die Entstehung des Geldes in seinem "Wohlstand der Nationen" ganz anders dar: Anfangs, so Smith, tauschten die Menschen einfach untereinander, wenn dem einen etwas fehlte, was der andere hatte. Mit zunehmender Arbeitsteilung wurde das schwieriger: Der Metzger hätte vielleicht etwas Fleisch abgeben können, der Bäcker und der Brauer hätten dieses Fleisch gerne gehabt, konnten aber nur mit Brot oder Bier bezahlen, was der Metzger aber momentan nicht brauchen konnte. Der Handel kam nicht zustande. Um diesen Missstand zu beheben, einigten sich der Metzger, der Bäcker und der Brauer auf eine zusätzliche Ware, die sie als Zahlungsmittel benutzten und von der sie immer einen gewissen Vorrat hielten.

Diesen Urtausch hat es in Wirklichkeit nie gegeben. Die Ursprünge des Geldes waren vielfältiger und meist nicht so rational, wie es sich Smith als Mann der Aufklärung vorstellte. Auf den Inselatollen von Mikronesien galten lange Zeit große Steinräder als Zahlungsmittel; ihr Wert ergab sich aus den Mühen, die der Transport der bis zu fünf Tonnen schweren Räder machte. Die Bewohner der Malediven verwendeten Kauri-Schnecken als Zahlungsmittel für ihren Fernhandel. Daraus entwickelte sich eine Währung, die jahrhundertelang rund um den gesamten Indischen Ozean galt.

In vielen Kulturen dienten Rinder, Ziegen oder Schafe als Mittel, um zu zahlen und um Vermögen zu halten. Der moderne Begriff "Kapital" leitet sich aus dem lateinischen caput (Haupt) ab und bezog sich ursprünglich auf die Häupter eines Viehbestandes. Homer berichtet, dass die Rüstung des Atheners Diomedes neun Ochsen wert war, die des Glaukos, Sohn des Priamos, dagegen hundert Ochsen.

Der Anthropologe David Graeber - er wurde bekannt als Mitinitiator von Occupy Wall Street - glaubt, dass Geld als Frucht staatlicher und religiöser Macht entstanden ist. Die Sumerer, so argumentiert er, kannten schon um 3500 vor Christus eine Geldeinheit, den Silber-Schekel. Dessen Gewicht entsprach dem eines Scheffels Gerste. Die Tempeldiener hatten bei den Sumerern Anspruch auf zwei Scheffel Gerste am Tag. "Geld" in diesem Sinne sei nicht als das Produkt kommerzieller Transaktionen entstanden, "sondern wurde von Bürokraten geschaffen, um Ressourcen verfolgen und von Abteilung zu Abteilung verschieben zu können".

Man muss nicht Graebers extreme Schlüsse teilen (Geld ist immer Ausdruck von Repression), richtig jedoch ist, dass Geld im Kern keine Ware ist, sondern ein Anspruch, ein Kredit. Das war damals so und ist es noch heute. Rein buchhalterisch ist eine 20-Euro-Note ein Schuldschein der Europäischen Zentralbank (Bargeld steht in der EZB-Bilanz auf der Passivseite).

Die wichtigste Form , in der Geld in der Geschichte auftrat, waren Edelmetalle, Silber wie bei den Sumerern und vor allem Gold. Auch Gold hatte ursprünglich vor allem eine religiös-zeremonielle Funktion. die Menschen brachten den Göttern, also den Priestern Gold als Opfer. Die Sumerer prägten auf Gold und Silberbarren das Haupt der Fruchtbarkeitsgöttin Ischtar.

Die entscheidende Innovation im Umgang mit Gold und Silber kam dann um 700 vor Christus, vom kleinen Volk der Lyder in Kleinasien: Die Lyder begannen damit, Gold in kleine Scheiben zu gießen und auf beide Seiten der Scheiben Bilder zu prägen. Erst mit diesen Münzen ließ sich exakt rechnen, eine wichtige Voraussetzung für erfolgreichen Handel. Die Münzen der Lyder wurden bald auch in ganz Griechenland und in Persien benutzt. Die Kunst des Münzprägens muss die Lyder steinreich gemacht haben. Das findet seinen Widerhall in der Sage von König Midas, der alles, was er berührte, zu Gold machen konnte. Tatsächlich hatten die Lyder einen König, dessen Reichtum ins Sagenhafte ging. Seinen Namen kennt heute noch jeder: Krösus.

Gold vermehrt sich selbst - ein ganz unnatürlicher Vorgang, fand Aristoteles

Die Menschen spürten, welche Macht Geld haben konnte. Deshalb galt Gold schon früh nicht nur als begehrenswert, sondern auch als böse. "Wozu treibst du die sterblichen Herzen nicht, verfluchter Hunger nach Gold", schrieb der römische Dichter Vergil. Besonders unheimlich war, dass Gold die Eigenschaft hatte, sich zu vermehren. Wer Gold verlieh, konnte damit Zinsen verdienen. Mit einem Wampum-Gürtel ging das nicht. Aristoteles glaubte, durch den Zins werde Gold zu einer Ware, die sich selbst vermehrt - ein unnatürlicher und unheimlicher Vorgang: In seiner "Politik" schreibt der Philosoph: "So ist der Wucher hassenswert, weil er aus dem Geld selbst den Erwerb zieht und nicht aus dem, wofür das Geld da ist. Denn das Geld ist um des Tausches willen erfunden worden, durch den Zins vermehrt es sich dagegen durch sich selbst". Dies sei "am meisten gegen die Natur". Hier liegt eine der Wurzeln des kanonischen Zinsverbots in der mittelalterlichen Kirche und vermutlich auch des Zinsverbots im Islam.

Das Bild zeigt einen leichter Stater (Gold) aus der Zeitspanne 561-546 v. Chr.

(Foto: Kunsthalle Baden-Baden)

Eine weitere Wurzel ist das Zinsverbot des Alten Testamentes. Im Buch Exodus heißt es: "Falls du einem aus meinem Volk, dem Elenden bei dir, Geld leihst, dann sei gegen ihn nicht wie ein Gläubiger; ihr sollt von ihm keinen Zins nehmen." Hier hatte die Vorschrift vor allem soziale Hintergründe.

Tatsächlich hat das Gold die Menschen auf furchtbarste Weise verblendet. Herrscher glaubten, allein schon der Besitz von Gold mache Reichtum aus, vergaßen aber, dass erst eine produktive Wirtschaft da sein muss, auf die man dann mittels Gold oder einem anderen Zahlungsmittel Anspruch erheben kann. Die Indianer Mittel-und Südamerikas verstanden jedenfalls nicht, weshalb die Eroberer aus Spanien und Portugal so gierig hinter dem Gold her waren.

Das zeigt eine grausige Geschichte, die sich im Dezember 1553 im heutigen Chile zugetragen haben soll. In der Schlacht von Tucapel brachte der Stamm der Mapuche den Konquistadoren eine schwere Niederlage bei. Der spanische Gouverneur von Chile, Pedro de Valdivia, der als besonders goldgierig galt, wurde bei der Schlacht gefangen genommen und getötet. Der Legende nach sollen die Mapuche ihm flüssiges Gold in den Rachen gegossen haben - als Rache für seine Goldgier.

Die Geschichte ist nicht belegt. Sicher ist aber , dass mit dem Raubgold aus Lateinamerika der Niedergang des spanischen Weltreiches begann. Die Könige verwechselten Gold mit Reichtum, sie vernachlässigten die produktive Wirtschaft und reihten Staatspleite an Staatspleite, die letzte davon 1882.

"Gutes böses Geld. Eine Bildgeschichte der Ökonomie" ist eine Ausstellung der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden (5. März bis 19. Juni). In Kooperation mit Casino, Stadtmuseum und Theater Baden-Baden. Die Süddeutsche Zeitung begleitet die Ausstellung mit dieser Serie. Und außerdem mit der Gesprächsreihe "Reden wir über Geld" mit drei Ökonomen: Am 9. März diskutiert die SZ mit Till van Treeck in der Kunsthalle über mehr Vielfalt im ökonomischen Denken, am 3. Mai mit Clemens Fuest über gutes und böses Geld, am 7. Juni mit Marcel Fratzscher über Ungleichheit. Infos: www.kunsthalle-baden-baden.de Bilder zur Verfügung gestellt von der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden.