Nach Jahren der Zurückhaltung wollen die Gewerkschaften jetzt deutlich höhere Gehälter sehen. Michael Heise, Chefvolkswirt bei der Dresdner Bank, sagt, ob jetzt die Zeit für solche Forderungen gekommen ist.
sueddeutsche.de: Die IG Metall wird in den Tarifverhandlungen 6,5 Prozent mehr Gehalt fordern. Gilt nicht angesichts der günstigen Wirtschaftslage: Wenn nicht jetzt, wann dann soll nach Jahren der Zurückhaltung die Zeit für eine solche Forderung sein?
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Michael Heise: Zunächst mal muss man sagen, dass die moderate Politik der Tarifparteien zu einem Beschäftigungsaufschwung geführt hat, wie wir ihn schon lange nicht mehr in Deutschland hatten. Natürlich haben dazu auch die Restrukturierungsmaßnahmen der Konzerne beigetragen, doch die Lohnpolitik war essentiell. Dank der Erfolge ist in diesem Jahr auch der Verteilungsspielraum größer. Das heißt aber nicht, dass man jetzt gleich den großen Schluck aus der Pulle nehmen darf.
sueddeutsche.de: Wie groß darf er denn sein?
Heise: Ich weiß nicht, worauf die IG Metall die Forderung von 6,5 Prozent stützt. Für die gesamte Volkswirtschaft liegt der Verteilungsspielraum in diesem Jahr bei etwa 2,5 Prozent.
sueddeutsche.de: Woran bemisst sich der Verteilungsspielraum?
Heise: Eine wichtige Größe ist die Entwicklung der Produktivität. Man schaut also, ob durch verbesserte Technologien und Arbeitsabläufe in einer Arbeitsstunde mehr produziert wird als im Jahr zuvor. In Deutschland steigt die Produktivität im Schnitt um 1,5 Prozent jährlich, 2006 dürften es sogar zwei Prozent gewesen sein. Hinzu kommt normalerweise ein Ausgleich für die Inflation - die Unternehmen profitieren von den höheren Verkaufspreisen und reichen den Vorteil an die Arbeitnehmer weiter.
sueddeutsche.de: In den letzten drei Jahren wurde allerdings in vielen Branchen real weniger verdient. Einen Ausgleich für die Teuerung gab es demnach nicht ...
Heise: Das stimmt. Häufig wurden nur die Produktivitätssteigerungen an die Arbeitnehmer weitergegeben, die Gehaltserhöhungen lagen dann etwa bei 1,5 Prozent. Hinzu kam, dass übertarifliche Lohnbestandteile wie Weihnachts- und Urlaubsgeld abgebaut wurden.
sueddeutsche.de: Die Gewerkschaften haben demnach den Verteilungspielraum zuletzt nicht voll ausgeschöpft ...
Heise: Den Unternehmen blieb damit aber ein größerer Teil des Gewinns, was die Substanz gestärkt hat. In diesem Jahr ist es eher möglich, den Verteilungspielraum ganz zu nutzen, so dass die Arbeitnehmer auch real mehr Geld erhalten.
sueddeutsche.de: Die Stärkung der Substanz hat allerdings dazu geführt, dass die Unternehmenseinkommen zuletzt drastisch gestiegen, die Arbeitseinkommen aber gesunken sind. Wird sich dieser Trend fortsetzen?
Heise: Es ist sicher nicht zu bestreiten, dass sich die Einkommensverteilung in Richtung der Gewinne verschoben hat. Dieser Trend ist klar feststellbar - aber er ist global erkennbar. Das hat Konsequenzen für Deutschland: Der Einsatz von Kapital muss eine international wettbewerbsfähige Rendite abwerfen, sonst wird eben anderswo investiert. Man kann also nicht einfach sagen: "Den Trend kehren wir jetzt mal schnell um." Eine hohe Kapitalrendite ist ein starker Investitionsanreiz. Es gab große Zweifel, ob es sich überhaupt noch einmal lohnen würde, Produktionsstätten in Deutschland aufzubauen. Doch seit sich zeigt, dass sich die Kapitalrendite offenbar nachhaltig erhöht hat, wird auch wieder investiert.
sueddeutsche.de: Nun sagen die Gewerkschaften, dass die Leute mehr Geld in der Tasche brauchen, damit sie es auch ausgeben können ...
Heise: Natürlich ist es kurzfristig für den Konsum wichtig, dass auch die Löhne steigen. Doch für die Unternehmen sind weniger die Tariflöhne als die Effektivlöhne von Bedeutung - die Summe also, die die Unternehmen inklusive aller übertraflichen Zulagen auszahlen. Wenn die Gewerkschaften auf eine starke Anhebung der Tariflöhne drängen, werden die Unternehmen übertarifliche Bestandteile weiter zurückstutzen, so dass am Ende nicht mehr viel von der Erhöhung übrig bleibt. Viel wichtiger wäre es, die große Differenz zwischen Brutto- und Nettolöhnen zu reduzieren. Dann haben die Arbeitnehmer mehr Geld in der Tasche, ohne dass die Unternehmen draufzahlen müssen. Und es gibt durchaus Ansätze, etwa die Senkung der Beiträge zur Arbeitslosenversicherung.
sueddeutsche.de: Wie muss moderne Lohnpolitik aussehen?
Heise: Es geht nur über Differenzierung. Schon innerhalb einer Branche gibt es große Unterschiede bei der Gewinnentwicklung der Unternehmen. Und erst recht in der Gesamtwirtschaft. Abschlüsse müssen also betriebsnäher sein - aber da haben die Gewerkschaften zuletzt auch mitgespielt. Die Orientierung an der Produktivität ist sinnvoll, sie sollte aber noch stärker als bisher nach Branchen differenziert werden.
sueddeutsche.de: Wenn sich die Einkommensverteilung so stark in Richtung Gewinne verschiebt - sollten dann die Arbeitnehmer nicht auch stärker unmittelbar an den Gewinnen teilhaben?
Heise: Unbedingt, etwa durch das Instrument Einmalzahlungen. Es wird in Zukunft sicher an Gewicht gewinnen.
sueddeutsche.de: Zurück zu den 6,5 Prozent der IG Metall? In der Branche wurde teilweise sehr gut verdient. Darf man da nicht auch branchenspezifisch mehr fordern?
Heise: Schon - doch das Problem ist, dass der Abschluss in der Metallbranche meist als Pilotabschluss gedeutet wird. Und das ist gefährlich.
Linke-Vize-Chefin Wawzyniak