Gehaltsentwicklung in Deutschland Reallöhne niedriger als im Jahr 2000

Die Löhne sind gestiegen, aber nicht genug. Inflationsbereinigt verdienen die Deutschen weniger als vor der Jahrtausendwende. Dabei könnten höhere Löhne nach Ansicht von Experten sogar helfen, die Euro-Krise zu überstehen - oder sie verschlimmern.

Von Sibylle Haas

Deutsche Arbeitnehmer haben wieder etwas mehr Geld zur Verfügung. Die Löhne sind real, also nach Abzug der Preissteigerung, in den vergangenen drei Jahren gestiegen. Und dennoch liegen sie deutlich unter dem Niveau der Jahrtausendwende. Das zeigen neue Berechnungen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.

In den vergangenen drei Jahren, in denen die Löhne real um 1,2, um 1,0 und 0,6 Prozent stiegen, seien die zuvor aufgelaufenen Verluste noch nicht ausgeglichen worden, sagte WSI-Tarifexperte Reinhard Bispinck am Dienstag. Denn die durchschnittlichen Bruttolöhne sind laut WSI von 2000 bis 2012 um etwa 1,8 Prozent gesunken. Die schwache Konjunktur und die Reformen am Arbeitsmarkt (vor allem die Hartz-Reformen) hätten seit 2000 den Druck auf die Löhne erhöht. Die Erweiterung des Niedriglohnsektors habe diesen Trend noch verschärft, so das WSI.

Die Tariflöhne für sich betrachtet hätten sich jedoch besser entwickelt als die Löhne insgesamt, sagte Bispinck. Sie seien im vorigen Jahr real um 6,9 Prozent höher gewesen als im Jahr 2000. "Das zeigt, dass das Tarifsystem in der vergangenen Dekade mehr denn je das Rückgrat der Lohnentwicklung in Deutschland war", sagte der WSI-Experte.

"Die Schere bleibt offen"

Bispinck hat sich außerdem angeschaut, wie sich die Einkommen aus Vermögen und Unternehmensgewinnen und die Arbeitseinkommen entwickelt haben. "Die Schere bleibt offen", stellte er fest. Seine Berechnungen zeigen: Von 2000 bis 2012 stiegen die Einkommen aus Vermögen und Unternehmensgewinnen um etwa 50 Prozent - trotz eines Einbruchs in der Wirtschaftskrise 2009. Die nominalen Löhne wuchsen dagegen nur um knapp 24 Prozent. Weil die Zinsschwäche die Kapitaleinkommen belastete, hätten die Löhne zuletzt jedoch etwas an Boden gut gemacht. Eine solide Binnennachfrage sei für die wirtschaftliche Stabilität wichtig, meint Bispinck. "Eine deutliche Stärkung der Massenkaufkraft durch höhere Löhne ist dafür unverzichtbar", sagte er.

Auch einige Ökonomen wie der Wirtschaftsweise Peter Bofinger plädieren für starke Lohnerhöhungen zur Ankurbelung der Binnennachfrage und zur Stabilisierung der Euro-Krise. Der designierte britische Notenbankchef Mark Carney sagte vor einem Parlamentsausschuss in London sogar, ein Anstieg der Löhne in Deutschland könne zur Entspannung der Euro-Krise beitragen, weil steigende Einkommen den Konsum beflügelten.

Belastung für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie

Der Chef der Wirtschaftsweisen, Wolfgang Franz, sieht dagegen nur einen kleinen Spielraum von höchstens zwei Prozent. Die Tarifparteien sollten aber eher darunter bleiben. Dies könne dazu beitragen, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Auch andere Experten - und natürlich die Arbeitgeber - warnen vor starken Lohnerhöhungen, weil das die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie belasten würde. Bundesbank-Chef Jens Weidmann lehnt zu hohe Aufschläge ab, weil dies das Wachstum belasten und zudem die Inflation hochtreiben könnte.

In diesem Jahr laufen laut WSI für etwa 12,5 Millionen Beschäftigte die Lohn- und Gehaltstarifverträge aus. In einigen Branchen haben die Verhandlungen bereits begonnen. Die Gewerkschaften haben je nach Branche bislang 5,0 bis 6,6 Prozent mehr Geld gefordert.

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