Gehalt Unfaire Löhne machen krank

Wer seinen Lohn ungerecht findet, hat ein höheres Risiko für Herzerkrankungen.

(Foto: dpa)
  • Wer sich unfair bezahlt fühlt, bei dem steigt die Wahrscheinlichkeit einer Herzerkrankung um ein Drittel, haben Forscher herausgefunden.
  • Die Erkenntnis ist hochrelevant: 37 Prozent der Arbeitnehmer finden ihren Lohn ungerecht.
Von Alexander Hagelüken

Millionen Deutsche fragen sich, ob sie nicht mehr verdienen, als sie verdienen. Wieso bezieht Frau X ein Abteilungsleiter-Gehalt, obwohl sie nur die Ideen ihrer Mitarbeiter ausbeutet? Leistet Bill McDermott als SAP-Chef wirklich so viel, dass 15 Millionen Euro im Jahr gerechtfertigt sind - das 300-Fache des Durchschnittslohns? Der Ökonom Armin Falk untersuchte jetzt, was es auslöst, wenn Menschen sich unfair bezahlt fühlen. Die politisch brisante Antwort: Es macht krank - die Wahrscheinlichkeit einer Herzerkrankung steigt um ein Drittel.

Falk, bekannt für Verhaltensexperimente, baute die Berufswelt im Labor nach. Probanden lösten als Arbeiter eintönige Rechenaufgaben. Je besser, desto mehr erwirtschaftete das Team. Das Geld floss aber zum Großteil an die Chefs. Wie in der Realität, in der Dax-Vorstände das 60-Fache von Durchschnittsbeschäftigten der Firma verdienen. Je weniger an Arbeiter in Falks Labor ausgezahlt wurde, desto mehr Stress am Herzen maßen die Forscher.

Diese Branchen zahlen am meisten

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Haben solche Experimente etwas mit dem echten Leben zu tun? Ja, argumentiert Fabian Kosse vom Institut zur Zukunft der Arbeit. Die Forscher wühlten sich durch Befragungen von 15 000 Arbeitnehmern. Fazit: Wer sich unfair bezahlt fühlt, dessen Gesundheit leidet, als ob er zehn Jahre älter wäre. Eine Herzkrankheit wird ein Drittel wahrscheinlicher - die Rede ist nicht von eingebildeten Schmerzen, sondern von ärztlichen Diagnosen.

Dieser Befund bekommt erst die richtige Wucht durch die Zahl, wonach 37 Prozent der Arbeitnehmer ihren Lohn ungerecht finden. Noch höher fallen die Werte in Branchen wie Transport und Handel aus, also bei Lkw-Fahrern, Paketboten und Verkäuferinnen, aus. "Faire Bezahlung ist nicht nur eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, sondern auch der Gesundheit", folgert Armin Falk. "Dieser Aspekt wird in der politischen und öffentlichen Diskussion bislang vernachlässigt." Er sieht die Gefahr eines Abwärtszirkels: Verschlechtert die empfundene Benachteiligung beim Lohn neben der Arbeitsmoral den körperlichen Zustand, sinkt die Leistungsfähigkeit - und der Lohn verringert sich weiter. Seine Studie passt zu zahlreichen Untersuchungen, wonach Geld die Gesundheit beeinflusst. So sterben Geringverdiener elf Jahre früher als Besserverdiener, ermittelte das Berliner Robert-Koch-Institut.

"Früher hieß es, Manager erkranken leicht am Herzen"

Was genau empfinden Arbeitnehmer bei der Bezahlung als ungerecht? "Entscheidend ist ein Missverhältnis zwischen der eigenen Anstrengung und dem Lohn", analysiert Matthias Richter, Medizinsoziologe an der Uni Halle. "Früher hieß es, Manager erkranken leicht am Herzen, aber das stellte sich als falsch heraus. Die Manager verausgaben sich zwar total - aber sie bekommen die entsprechende Belohnung." Anders dagegen die Beschäftigten in der schlechter bezahlten Hälfte der Gesellschaft, deren Verdienst seit der Jahrtausendwende häufig stagniert, obwohl die Arbeit eher schneller und anstrengender geworden ist. "Bildungsferne stellen fest, dass das Geld selbst mit zwei Jobs kaum zum Leben reicht. Das führt zu Stress, Krankheiten und Proteststimmen für die AfD." Bestimmte Arbeitgeber sollten mehr in ihre Mitarbeiter investieren, fordert Richter. Bisher wälzten sie die Kosten zunehmender psychosozialer Ausfalltage und Frühverrentungen auf die Allgemeinheit ab.

Wie genau lässt sich das gesundheitsschädliche Gefühl der Benachteiligung verändern? Dafür ist entscheidend, mit wem die Leute ihr Gehalt vergleichen. Es handelt sich um eine Mischung. Natürlich spielt der Kollege oder die Abteilungsleiterin X eine Rolle. Löhne in einem Unternehmen müssten deshalb ein fairer Ausgleich zwischen den Mitarbeitern sein, fordert Armin Falk. Allerdings kennt in Firmen oft kaum einer das Gehalt der anderen. Was Dax-Manager verdienen, steht dagegen in der Zeitung. "Exorbitante Gehälter und Boni von Managern tragen zur empfundenen Unfairness bei", glaubt Falk. Ob etwa der Vorstoß von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz zur Begrenzung vom Managergehältern etwas bringt? Ist empirisch nicht erforscht. "Wir wissen aber allgemein aus vielen Studien, dass gerechtere Gesellschaften die gesünderen sind", sagt Matthias Richter. "Skandinavier leben länger als Deutsche.