Gehälter von Führungskräften Kampf den Boni-Rittern

Je nach Vertrag und Position schütten Konzerne etliche Millionen Euro an Bonuszahlungen aus. So viel ist niemand wert. Wenn die Wirtschaft nicht bald handelt und das fragwürdige System ändert, könnte der Staat eingreifen. Aber wäre das wirklich eine gute Idee?

Ein Kommentar von Marc Beise

Wo sind eigentlich die Spesen-Ritter geblieben? Früher war das ein gängiger Begriff für Geschäftsleute, die es auf Dienstreisen in Restaurants, Bars und Hotels so richtig krachen ließen: Los, Leute, einer geht noch, die Firma zahlt. Das war in der guten alten Zeit, als die Unternehmen noch im Überfluss wirtschafteten. Heute regieren selbst in erfolgreichen Häusern die Controller. An allen Ecken wird gespart, und auch die Bewirtungsordnung ist nicht mehr das, was sie mal war. Notfalls checkt der Chef sogar die Flasche Wein: Musste es wirklich ein so teurer sein? Die große Zeit der Spesen-Ritter, sie ist vorbei.

Man kennt das aus der Geschichte, Minnesang und Ritterherrlichkeit hallten länger nach, als sie wirklich währten. Und so wie die galanten Herren von Raubrittern abgelöst wurden, die nur in Jugendromanen glänzen, in Wirklichkeit jedoch meist finstere, schmuddelige Gesellen waren, so kam nach dem Spesen- der Boni-Ritter. Der wiederum treibt, Controller hin oder her, ungeniert sein Unwesen. Je größer der Konzern, desto heftiger.

Reichhaltige Boni-Welt

Noch ist das Wort "bonus" (von lateinisch gut, Mehrzahl "boni", notfalls "bonusse") im allgemeinen Sprachgebrauch positiv besetzt, in Abgrenzung von "malus", schlecht. Dabei ist die Boni-Welt reichhaltig: Kundentreuebelohnung im Kaufhaus, Schadenfreiheitsrabatt beim Auto, Bonus-Heft beim Zahnarzt, Überschussbeteiligung bei der Lebensversicherung, Zusatzpunkte oder -fähigkeiten im Computerspiel. Kurz, das Wort steht für ein Mehr an Leistung: mehr Punkte, mehr Geld, mehr andere Vorteile.

Vor langem schon hat das Bonus-Wesen auch in der Mitarbeiterführung Einzug gehalten, laut Lehrbuch als einmaliger, meist leistungs- oder ergebnisabhängiger Zuschlag auf das Arbeitsentgelt. Den gibt es je nach Unternehmen für alle oder jedenfalls für Führungskräfte. Das war sozusagen die Minne-Zeit der Boni, und alles war gut. Bis die Raubritter kamen.

Sie sitzen vor allem in den oberen Stockwerken der modernen Konzernburgen. Sie bevölkern die erste und zweite Führungsebene und haben das Boni-System pervertiert. Längst geht es nämlich nicht mehr um einen leistungs- oder ergebnisabhängigen Zuschlag, sondern um die große Absahne. Je nach Vertrag und Position werden pro Jahr womöglich etliche Millionen von Euro fällig. In dieser Logik kann es sogar passieren, dass aufgrund früherer Regelungen aus kargeren Zeiten ein Vorstandschef wie Martin Winterkorn bei VW 2012 plötzlich satte 17 Millionen Euro verbuchen durfte.

Solche Phantasiegehälter sind im eigenen Unternehmen dann unangefochten, wenn dort auch andere bedacht werden. Bei VW zum Beispiel haben die Mitarbeiter Sonderprämien von 7500 Euro extra erhalten. Wohl aber - und zu Recht - lösen die XXL-Boni Unwohlsein in der Öffentlichkeit und in Teilen der Welt der Führungskräfte selbst aus. Die Corporate Governance Kommission, eine Eigeninitiative der Konzernlenker, will besonders üppige Spitzenverdienste nun gedeckelt sehen. Selbst einigen Boni-Königen ist die Lage peinlich, sie wissen: Niemand ist dieses Geld im Vergleich wirklich wert.

Erst recht fragwürdig ist die Lage dort, wo der Bonus keiner adäquaten persönlichen Leistung oder keinem Erfolg der Firma entspricht. Bei der Deutschen Bank haben sie gerade die Bonusschranke auf 300.000 Euro festgesetzt. Klingt gut, ist aber 100.000 Euro mehr als im Vorjahr - obwohl der Gewinn dramatisch eingebrochen ist, das Geschäftsmodell bröckelt und das Image lädiert ist. Fälle wie jener des Chefs der britischen Großbank Barclays, der auf seinen Jahresbonus verzichtet hat, sind selten. Die Boni-Diskussion hat deshalb das Zeug zum Aufreger.

Was ist noch gerecht?

Dabei war das Ganze doch einmal eine gute Idee: Eben nicht das immer gleiche Fixgehalt, sondern je nach Leistung und Erfolg mehr oder weniger, das klang gut aus Gründen der Gerechtigkeit und des Leistungsanreizes: Wer besser ist, bekommt mehr, und wer mehr verdienen kann, strengt sich mehr an. Aber es funktioniert nicht - schon weil es die perfekte Maßgröße für den Erfolg nicht gibt: Ist es die tägliche Arbeitszeit? Der Aktienkurs? Umsatz? Zahl der Mitarbeiter? Und wessen Leistung konkret ist der Erfolg dann geschuldet?

Kluge Menschen versuchen derzeit zum Beispiel bei VW und bei der Deutschen Bank die richtigen Parameter zu finden. Was immer sie dabei erarbeiten: Es wird mutmaßlich immer komplizierter, und die Legitimationsbasis bröckelt weiter. Selbst die Behauptung, dass Boni Motivationspotenzial haben, ist windig. Würde Winterkorn für zehn Millionen schlechter arbeiten als für 17? Würde er zum US-Konkurrenten GM wechseln, wenn der mehr zahlt? Eher nicht.

Nix gegen bescheidene Gewinnbeteiligungen, aber insgesamt sollte gelten: Weg von den Boni, wieder hin zu (gegebenenfalls höheren) Fixgehältern. Diesen Weg sollte die Wirtschaft gehen. Und sie muss es schnell tun, sonst schaltet sich der Staat ein, was kontraproduktiv sein kann. Zur Erinnerung: Im Jahr 1993 wollte der damalige US-Präsident Bill Clinton Managergehälter deckeln und ließ sie gesetzlich steuerlich schlechter stellen - ausgenommen die Boni. Prompt entwickelten diese ein Eigenleben, es begann der Wahnsinn, der von der Wall Street um die Welt ging. Besser also, die Unternehmen werden selbst aktiv, sie haben die Erfahrung und das Können. Sie brauchen aber auch den Willen.