Mit Bio verbinden viele Deutsche immer noch Reformhaus und mickrige Äpfel. Doch die Branche befindet sich im Umbruch, und Lieferschwierigkeiten bei Biolebensmitteln nehmen zu. Was ist dran am BioBoom?
Der Winter ist eigentlich eine etwas ruhigere Zeit auf dem Land. Doch für Susanne Schmid von der Biogärtnerei Schmid in Hermannsdorf gibt es immer etwas zu tun.
Ob im Reformhaus oder beim Discounter: Biolebensmittel sind gefragt. (© Foto: dpa)
Anzeige
Die Gärtnerei verkauft biologisches Gemüse aus eigenem Anbau, doch nicht an Großabnehmer: Die Schmids betreiben einen Hofladen, in welchem sich Bio-Fans mit knackfrischen Salaten, Karotten und vielem mehr eindecken können. Daneben beliefern sie verarbeitende Betriebe und Restaurants in der Nähe mit ihrem Gemüse, und wenn Überkapazitäten bestehen, auch Naturkostläden.
Überkapazitäten bestehen allerdings selten: Von einem BioBoom will Schmid zwar nicht sprechen, doch die Nachfrage sei gut, sagt sie sueddeutsche.de. "Richtig ab geht es aber immer, wenn wieder ein neuer Lebensmittelskandal aufgedeckt wird."
Boom ja - aber nur nach einem Lebensmittelskandal
Dann würden ihnen die Kunden die Türen einrennen - zumindest für ein, zwei Wochen. Der letzte Eklat ist allerdings schon einige Monate her: "Aktuell geht es stetig dahin", so Schmid, Lieferschwierigkeiten, von denen in letzter Zeit berichtet wurde, gebe es allerdings keine.
Auch bei der Supermarktkette Plus drohen keine Lieferengpässe. "Wir haben zwar schon davon gehört, aber wir sind schon länger im Geschäft und haben daher mit unseren Lieferanten langfristige Lieferverträge, die sie auch erfüllen", sagt Melanie Prosik, Pressesprecherin der Plus Warenhandelsgesellschaft.
Der Lebensmitteldiscounter hat bereits 2002 die Marke BioBio eingeführt. In dieser Produktlinie vertreibt Plus Milchprodukte, Gemüse, Honig, Gewürze und vieles mehr. Mit Erfolg, wie die Plus-Sprecherin betont: "Wir sind mit der Entwicklung der BioBio-Linie sehr zufrieden. 2002 haben wir mit 23 Produkten angefangen, mittlerweile wurde unser Bio-Sortiment auf 90 Produkte ausgebaut". Für die Zukunft sei eine Aufnahme weiterer Bioprodukte wahrscheinlich.
Raus aus dem Reformhaus
Die Idee hinter der BioBio-Einführung spiegelt den Wandel wider, den Bio-Lebensmittel in den letzten Jahren erfahren haben. "Unser Ziel war, mit der BioBio-Einführung Bioprodukte einer breiten Käuferschicht zugänglich zu machen. Nachdem die Logistik schon stand, konnten wir klarerweise unsere Vorteile als Massenanbieter ausspielen und Kostenvorteile realisieren", so Prosik.
Raus aus dem Reformhaus, rein in den Alltag könnte also die Devise für den Bio-Boom lauten. Vier Milliarden Euro gaben die Deutschen im Jahr 2005 für Bio-Lebensmittel aus, 15 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor.
Auch für 2006 erwartet Thomas Dosch Wachstumsraten im selben Ausmaß. Dosch ist Präsident der Vereinigung Bioland, in der sich 4.500 Biobauern zusammengeschlossen haben. 17.000 davon gibt es insgesamt in Deutschland, das sind rund 4,5 Prozent aller deutschen Bauern.
Deutschland braucht mehr Biobauern
Es könnten ruhig einige mehr sein. "Ja, wir haben Lieferschwierigkeiten bei einigen Produkten", merkt Dosch an. Aufgrund von zahlreichen ökologischen Bewirtschaftungskriterien könnten seine Mitglieder die gestiegene Nachfrage nicht einfach durch die Ausweitung von Flächen befriedigen. Daher meint er: "Wir brauchen neue Bio-Betriebe."
Das dauert allerdings. "Das Thema der Lieferengpässe wird uns auch in Zukunft beschäftigen. Denn zwischen der letzten konventionellen Bewirtschaftung und einer Einstufung als Bio-Betrieb müssen mindestens zwei Jahre liegen."
Obst, Gemüse, Getreide und Milch - von allem könnten seine Mitglieder aktuell mehr absetzen. "Vor einem Jahr wollte Lidl Bio-Milch aus Deutschland anbieten. Leider waren hier die Kapazitäten nicht vorhanden. Jetzt kommt die Bio-Milch aus Dänemark und Österreich", bedauert Dosch.
Bio-Milch ist billiger als die "Fernseh-Milch"
Knappe Kapazitäten und hohe Nachfrage, das muss sich doch positiv auf den Preis auswirken? "Die Preise orientieren sich in erster Linie am Preisniveau konventionell hergestellter Produkte. Nachdem die Ernte bei Kartoffeln und Getreide letztes Jahr schlecht war, haben beispielsweise diese Preise stark angezogen", so Dosch.
Grundsätzlich sei die Preissituation für seine Bauern allerdings weiterhin prekär, auch wenn sie beispielsweise für Milch um fünf Cent mehr bekommen würden als konventionell wirtschaftende Bauern. Bei dem aktuellen Verkaufspreis von 35 Cent pro Liter für Bio-Milch und Produktionskosten von 40 Cent müsste die Milchproduktion weiterhin im Betrieb quersubventioniert werden.
Diese Problematik ist dem Konsumenten allerdings nicht vermittelbar: Der sei zwar gerne bereit, für Bio-Ware mehr auszugeben als für herkömmliche Lebensmittel. Bei einem Aufschlag zwischen 20 und 30 Prozent sei allerdings Schluss, so Dosch.
Doch nicht immer sind Bio-Produkte teurer als konventionelle Lebensmittel. In den Supermarktregalen lägen auch Bio-Produkte, die preislich unter den normalen Produkten verkauft würden, sagt Dosch: "Unsere kleinen Bio-Betriebe können sich keine teuren Werbekampagnen leisten. Werbung muss allerdings auch bezahlt werden - Daher liegt unsere Bio-Milch preislich oft unter der Fernseh-Milch."
(sueddeutsche.de)
Streit um Parteispitze bei der Linken