Gasleck an "Elgin"-Bohrinsel besorgt Energiebranche Erinnerungen an die BP-Katastrophe

"Das Ganze erinnert in fataler Weise an das Desaster von BP im Golf von Mexiko", sagt ein Rohstoffhändler: Nach dem Unfall auf der Bohrinsel "Elgin" bricht die Ölförderung in der Nordsee um neun Prozent ein. Die Angst der Börsianer wächst.

Von Andreas Oldag, London

Nach der Evakuierung einer Gas- und Ölplattform vor der schottischen Küste wächst die Sorge, dass die Energiebranche unter den Folgen einer möglichen Umweltkatastrophe zu leiden hat. "Das Ganze erinnert ohnehin schon in fataler Weise an das Desaster von BP im Golf von Mexiko vor zwei Jahren", meinte ein Rohstoffhändler in London.

Da nicht nur die Plattform des französischen Konzerns Total still gelegt werden musste, sondern auch eine benachbarte Plattform von Shell, fallen derzeit fast neun Prozent der britischen Gasproduktion aus. Die Preise erhöhten sich seit Anfang der Woche um durchschnittlich zwei Prozent auf der Insel. Ein längerfristiger Produktionsausfall könnte den gesamten europäischen Energiemarkt treffen, warnen Energieexperten.

Börsianer treibt vor allem die Furcht vor einer Umweltkatastrophe. Total hat inzwischen fast neun Milliarden Euro an Börsenwert eingebüßt. Auch am Mittwoch setze sich der Kursrutsch fort. Damit hat das gemessen an der Marktkapitalisierung größte Unternehmen der Euro-Zone binnen zwei Tagen 9,4 Prozent eingebüßt. Dies ist der größte Wertverlust seit den Turbulenzen nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008. Auch die Aktien des britischen Energieversorgers BG Group, der an der Plattform beteiligt ist, gerieten unter Druck.

Ingenieure von Total erwägen eine Entlastungsbohrung, um den Druck des austretenden Gases zu vermindern. Diese Operation könnte allerdings bis zu sechs Monaten dauern. Öl- Analyst Stuart Joyner von Investec schätzt die Kosten für eine solche Bohrung auf etwa 40 Millionen Euro. Im schlimmsten Fall, einer großräumigen Umweltkatastrophe, müsste allerdings mit Milliarden-Schäden gerechnet werden, warnt Joyner.

Erst in der vergangenen Woche hatte die konservativ-liberale Regierung in London Steuererleichterungen für die Gas- und Ölindustrie in der Nordsee beschlossen. Zwar geht die Förderung zurück, allein im vergangenen Jahr um 17 Prozent. Doch London setzt weiterhin auf die Ausbeutung der Energiereserven in der Küstenregion. Die Steuererleichterungen sollen Unternehmen anreizen, Milliarden-Beträge in schwer zugängliche Lagerstätten zu investieren.

Großbritannien und Norwegen wurden durch Nordseeöl reich

Nordsee-Öl trägt mit knapp ein Viertel zur deutschen Ölversorgung bei. Die Öl- und Erdgasförderung begann im größeren Stil in den 1970 Jahren. Wegen der hohen Qualität setzte sich Nordseeöl der Marke Brent auf dem Markt schnell durch. Großbritannien und Norwegen wurden reich durch das Öl.

Schätzungen zufolge sind in den vergangenen Jahrzehnten Öl und Gas im Gegenwert von etwa 40 Milliarden Barrel (Fass je 159 Liter) aus dem britischen Nordseeuntergrund gepumpt worden. Auch wenn die Förderung ihren Zenit überschritten hat und bereits deutlich zurückgegangen ist, rechnet das britische Energieministerium mit weiteren Reserven von bis zu 20 Milliarden Barrel, die in den nächsten 30 Jahren erschlossen werden könnten. In den vergangenen Jahren haben im verstärkten Maße auch kleinere Energiefirmen wie Taqa aus Abu Dhabi, Talisman Energy of Canada und die amerikanische Apache in die Nordseeförderung investiert.

Aber auch für den britischen Energiekonzern BP ist die Nordsee sowie der Atlantik westlich der Shetland Inseln nach wie vor eine bevorzugte Region. BP will insgesamt zehn Milliarden Pfund in den nächsten Jahren investieren. Zuletzt verkaufte der Konzern einen Teil seines Gasgeschäfts in der Nordsee für 400 Millionen Dollar an die Förderfirma Perenco. Bis Ende 2013 will BP insgesamt 38 Milliarden Dollar durch Verkäufe einsammeln. Der Ölkonzern muss wegen der Ölpest Schadenersatz zahlen. Anfang März einigte sich BP mit mehr als 100 000 Klägern auf die Zahlung von 7,8 Milliarden Dollar.