G 20 in London Randale in der Banker-Metropole

Tarnkleidung Jeans und Lederjacke: Londons Banker bangen um ihr Leben, weil Tausende Globalisierungskritiker krawallbereit den G-20-Chefs einheizen.

Von A. Oldag, London

Im Starbucks-Café in der Londoner City herrscht Gedränge. Kurz bevor die Banker und Broker frühmorgens in den Glaspalästen der Investmenthäuser verschwinden, besorgen sie sich noch einen Koffeinschub. Doch es fällt auf, dass die gutbetuchte Cappucino-Kundschaft an diesem Tag statt Nadelstreifenanzug eher Jeans und Lederjacke trägt. Die Warnung der Londoner Polizei zeigt offenbar Wirkung: Sie hat den im Finanzviertel Beschäftigten "dress down" angeraten, also unauffällige Kleidung. Auch die Rolex-Uhr sollte zu Hause bleiben, ebenso wie Taschen mit einschlägigen Firmenlogos.

Eine Stadt im Ausnahmezustand: In London treffen sich nicht nur die Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer, sondern auch Globalisierungskritiker. Hier demoliert ein Demonstrant eine Fensterscheibe einer Filiale der Royal Bank of Scotland.

(Foto: Foto: Getty Images)

Hintergrund der Kleiderordnung: Die Behörden fürchten, dass Anti-G-20-Gipfel-Demonstranten Banker und Broker attackieren. Sie sind derzeit das Feindbild Nummer eins der Kapitalismuskritiker. Londons Hochverdiener müssen sich nun in "Tarnkleidung" in ihre Büros schleichen, höhnte die Boulevardzeitung Evening Standard.

Der Dress-down-Code ist eine Facette in einer Stadt, in der an diesem Donnerstag die Politiker der führenden Industriestaaten auch über das Schicksal von Europas größtem Finanzplatz entscheiden. Eine Branche, die in den vergangenen Jahren wie kaum eine andere zum Glanz der Themse-Metropole beigetragen hat, soll an die Zügel genommen werden.

Kein Wunder, dass die einst vor Selbstbewusstsein strotzenden Geldmanager kleinlaut geworden sind. Jene Macher, die mit immer neuen Finanzprodukten die Welt beglücken wollten und diese schließlich an den Rand des wirtschaftlichen Abgrunds brachten, zittern um ihre Jobs. Experten rechnen damit, dass in London bis Ende 2009 mehr als 60.000 Arbeitsplätze infolge der Kreditkrise verlorengehen werden. Das würde einem Personal-Aderlass von knapp 20 Prozent gegenüber dem Höchststand von 353.000 Jobs im Jahr 2006 entsprechen.

Vereint gegen die Krise

Doch trotz aller Untergangsstimmung zeigt sich in diesen Tagen in der Londoner Finanzbranche auch eine "Nun-erst-recht"-Haltung. "Wir lassen uns unsere Jobs nicht kaputtreden, weder von Demonstranten noch von übereifrigen Politikern", meint ein Manager einer großen Versicherungsfirma. Mehr oder weniger explizit wird dabei auch im notorisch europaskeptischen Großbritannien der Verdacht geäußert, dass gerade die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy mit ihren Forderungen nach Bankenregulierung eine Schwächung Londons beabsichtigen. "Deutsche und Franzosen haben den Wunsch, London von seiner Topposition als europäisches Finanzzentrum zu kippen", argwöhnt Simon Morris, Partner bei der britischen Anwaltskanzlei CMS Cameron McKenna.

Solche Verschwörungstheorien sind zwar nicht repräsentativ in der Londoner City. Aber sie drücken doch die Befürchtung aus, dass die Staats- und Regierungschefs auf dem Gipfel vor allem ihre nationalen Interessen verfolgen. Insofern will London, das zuletzt bei vielen Finanzprodukten sogar den Erzrivalen Wall Street übertrumpfte und Frankfurt und Paris ohnehin in den Schatten stellt, nicht zum Sündenbock der Krise avancieren.

Kein Zufall, dass Londons erster Banken-Lobbyist, City Bürgermeister Ian Luder, in diesen Tagen von einem Termin zum anderen hetzt, um für den Standort zu werben. Der Ökonom ist ein bedächtiger Mann, der das typische britische understatement, also die Untertreibung, bevorzugt. Doch er lässt keinen Zweifel daran, dass die Themse-Metropole ihre Finanzindustrie nicht im Stich lassen wird.

Zugleich warnt der 58-Jährige vor einer "Balkanisierung" der Bankenaufsicht, das heißt, dass die Industriestaaten sich weiter ihre eigenen nationalen Regeln schaffen, um entsprechende Vorteile herauszuschlagen. "Wir müssen die Amerikaner im Boot halten, um zu vermeiden, dass die City ins Abseits gerät und das Finanzgeschäft letztlich nach Osten abwandert", gibt Luder die Linie vor.

Entnervte Banker gehen nach China

Jeder weiß, dass er mit "Osten" vor allem China meint. Maos Erben locken entnervte Banker aus dem Westen an. An den Börsen von Hongkong und Shanghai gebe es statt Gehaltskürzung noch großzügige Vergütungen, heißt es in London.

So ist denn Luders Warnung vor einer "Balkanisierung" der Bankenregulierung auch an die eigene Adresse gerichtet. Die britische Finanzmarktaufsicht Financial Services Authority (FSA) hat vor kurzem eine Reform angekündigt, die es in sich hat. Der Chef, der Behörde, Lord Turner, fordert nicht nur eine lückenlose Kontrolle aller Banken und Fonds, sondern auch eine gesamteuropäische Aufsicht.

Turners Pläne würden für die Briten eine Abkehr von der Deregulierungs-Politik Margaret Thatchers bedeuten. Die eiserne Lady entfesselte mit dem "Big Bang", dem Urknall Mitte der achtziger Jahre, die Finanzindustrie an der Themse. Fortan schien das Geld in London keine Grenzen mehr zu kennen. Und jetzt die Abkehr von der guten, alten Zeit?

Im Starbucks-Café zeigen sich die Gäste jedenfalls gelassen. "Die Suppe wird nicht so heiß gegessen, wie sie gekocht wird", meint ein junger Jeans-Träger. So baut die Londoner Bankenwelt darauf, dass auch die Labour-Regierung den Kapitalismus nicht gleich abschaffen will.

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