G-20-Gipfel Krawalle mit Todesfolge

Bei den schweren Krawallen anlässlich des G-20-Gipfels in London ist ein Demonstrant ums Leben gekommen. Auch für heute erwartet die Polizei schwere Ausschreitungen.

Von Andreas Oldag

Die Threadneedle Street in der Londoner City ist einer der feinsten Banken-Adressen. Gewöhnlicherweise geht es hier ruhig und gediegen zu. Doch am Mittwoch glich die Straße einem Schlachtfeld.

Und der Tag endete mit einer schockierenden Nachricht: In einem Protestlager von Gegnern des G-20-Gipfels in der Nähe der Bank von England sei ein Toter gefunden worden. Der Mann sei in in Londons Finanzdistrikt aus unbekanntem Grund zusammengebrochen, teilte die britische Polizei am Abend mit.

Zwei Polizeibeamte hätten ihn versorgt und anschließend einen Rettungswagen angefordert. Im Krankenhaus wurde der Mann laut Polizei offiziell für tot erklärt. Nähere Einzelheiten zu dem Geschehen waren zunächst nicht bekannt.

Zuvor war es vor dem grauen Steinkoloss der britischen Notenbank Bank of England zu ersten Ausschreitungen zwischen Anti-Gipfel-Demonstranten und der Polizei gekommen. Die Lage eskalierte dann vor einer Filiale der Royal Bank of Scotland (RBS), die sich an der Ecke zur Bartholomew Lane befindet.

Teilweise vermummte Randalierer zertrümmerten die Fenster der Filiale. Einige Protestler gelangten in den Schalterraum und zerstörten Mobiliar. Telefonleitungen wurden herausgerissen. Ein Schreibtischstuhl flog auf die Straße. Die Bank hatte die Filiale bereits am Morgen geschlossen.

"Wir wollten unsere Mitarbeiter nicht gefährden", meinte ein RBS-Sprecher. Viele Gebäude im Bankenviertel waren mit Barrikaden geschützt, mehrere Straßen gesperrt. Aus Angst vor Angriffen tauschten einige Banker ihre Anzüge gegen Jeans und Jacke. Andere provozierten hingegen die Demonstranten und winkten mit Zehn-Pfund-Noten aus ihren Bürofenstern.

"Wir haben die schlimmsten Ausschreitungen seit Jahren", sagte ein Polizist. Die Behörden hatten offenbar trotz intensiver Vorbereitungen die Gewaltbereitschaft der Demonstranten unterschätzt. Gipfel-Gegner schleuderten Flaschen, Dosen und Schuhe auf Polizisten. Einige sprühten Slogans wie "Gauner" oder "Schlagt die Inflation, fresst die Reichen" auf die Wände von Bankgebäuden.

Erst am Abend beruhigte sich die Lage in London zunächst, obgleich immer noch bis zu tausend Demonstranten vor dem Gebäude der britischen Notenbank von Polizisten eingekesselt waren. Diese durften allerdings in kleinen Gruppen nach Hause gehen. In anderen Stadtvierteln herrschte dagegen eher Partystimmung unter den Protestlern. Nach Angaben der Polizei hatten etwa 5000 Menschen an den Demonstrationen teilgenommen. Die Polizei ihrerseits hatte genauso viele Beamte im Einsatz.

Zuvor hatten im Londoner Finanzdistrikt berittene Polizisten, Demonstranten zurückzudrängen versucht. Auch mit Schlagstöcken bewaffnete Sondereinheiten der Polizei waren im Einsatz. Hubschrauber kreisten über dem Londoner Finanzdistrikt. Einer ersten Bilanz zufolge wurden mehr als zwanzig Demonstranten festgenommen.

Es gab einige Verletzte, die in Krankenhäuser gebracht und behandelt werden mussten. Die Gipfel-Gegner machen die Staats- und Regierungschefs der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G 20) für die Wirtschaftskrise verantwortlich. Sie forderten ein energischeres Handeln gegen den Klimawandel und die Armut in der Welt.

Um einen als Sensenmann verkleideten Aktivisten scharten sich Demonstranten, die lautstark protestierten und forderten, den britischen Premierminister Gordon Brown und die Investmentbanker auf den Scheiterhaufen zu bringen.

"Sie haben unser Geld gestohlen", hieß es auf einem Plakat. Andere Protestler schleppten eine Bahre mit der Aufschrift "RIP Canary Wharf 1990 - 2009", um zu zeigen, dass das Finanzviertel in den Londoner Docklands zu Grabe getragen wird.