Fusionspläne Börsen in Frankfurt und London planen Zusammenschluss

Blick in den Handelssaal der Deutschen Börse: Das Unternehmen will zu einem der größten Handelsplätze aufsteigen. Das geht nur mit Übernahmen und Fusionen.

(Foto: Martin Leissl/Bloomberg)
  • Die Börsen in Frankfurt und London wollen fusionieren, um im weltweiten Wettbewerb der Handelsplätze mit den Rivalen in den USA und Asien mitzuhalten.
  • Es ist bereits der zweite Versuch für einen deutsch-britischen Zusammenschluss, außerdem waren die Frankfurter in den vergangenen Jahren auch mit anderen Fusionsplänen gescheitert.
Von Björn Finke, Meike Schreiber und Markus Zydra

Es gehe um einen Zusammenschluss auf Augenhöhe, Geld soll nicht fließen. So steht es in der Mitteilung, die bestätigt: Die Deutsche Börse in Frankfurt und die London Stock Exchange (LSE) verhandeln über ein Fusion. Auf Augenhöhe soll bedeuten: Die Aktionäre der Deutschen Börse würden an dem fusionierten Unternehmen 54,4 Prozent der Anteile halten, die Eigner der LSE den Rest. Zusammen wären beide Konzerne 25 Milliarden Euro wert. Allerdings heißt es in der Bekanntmachung auch, es sei nicht sicher, ob die Diskussionen wirklich zu einem Ergebnis führen würden.

Zweiter Anlauf für den Zusammenschluss

Der seit vorigen Sommer amtierende Chef der Deutschen Börse, Carsten Kengeter, kündigte bereits Mitte des Monats an, er wolle die Deutsche Börse weltweit zur Nummer eins oder zwei machen. Dieses Ziel kann er nur durch Übernahmen oder eine Fusion erreichen. Er ist nicht der erste Frankfurter Börsenchef, der für seine Ambitionen gen London blickt: Im Frühjahr 2005 wollte die Deutsche Börse schon einmal den Rivalen übernehmen, doch in der Londoner City gab es dagegen enormen Widerstand. Einen ihrer Gegner unterschätzten der damalige Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert und sein Aufsichtsratschef Rolf Breuer kolossal: den Briten Chris Hohn und seinen Hedgefonds TCI.

Hohn kaufte Aktien der Deutschen Börse, rebellierte gegen den aus seiner Sicht überteuerten Zukauf und verlangte stattdessen die Ausschüttung der Kriegskasse. In Windeseile gelang es ihm, andere Aktionäre auf seine Seite zu ziehen. Der bis dahin in Deutschland unbekannte Investor setzte sich durch und schrieb Wirtschaftsgeschichte. Seifert und Breuer mussten nicht nur ihre Pläne fallen lassen, sondern auch ihre Posten räumen - nach einer monatelangen, verbissenen Schlacht, die der für Journalisten rund um die Uhr erreichbare Hedgefonds-Manager auch gekonnt in den Medien ausfocht.

Nun also der zweite Versuch.

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Das Management der beiden Konzerne erwartet, dass sich die zwei Börsen gegenseitig stärkten, heißt es in der Mitteilung. Nach einer Fusion könnten die Handelsplätze Kunden, also Anlegern und kapitalhungrigen Firmen, besser weltweit ihre Dienste anbieten. Der Zusammenschluss würde Ausgaben einsparen und neue Wachstumschancen bringen. Die Namen der zwei Börsen und ihrer Handelsplätze blieben unverändert. In der Führung sollen gleich viele Manager beider Firmen sitzen. Chef der LSE, der größten und ältesten Börse Europas, ist der Franzose Xavier Rolet.

Neuer Chef, neues Ringen um Größe

Die Ankündigung stieß bei den Aktionären auf Begeisterung. Die Papiere der Deutschen Börse legten in der Spitze um knapp neun Prozent zu, die des Londoner Rivalen, zu deren Reich auch die Börse in Mailand gehört, sogar um gut 20 Prozent. Die Deutsche Börse krempelt Konzernchef Kengeter gerade ohnehin um, nachdem sein Vorgänger Reto Francioni dem Unternehmen mit Sitz in Eschborn nach zehn Jahren an der Spitze keine Impulse mehr geben konnte.

Der Schweizer zeigte zudem kein gutes Händchen bei Fusionen. Sein geplanter Zusammenschluss mit der New Yorker Börse Nyse Euronext scheiterte 2012 am Veto der EU-Kommission. Eine Fusion mit der LSE würden sich die Aufseher ebenfalls ganz genau anschauen. Dem gescheiterten Geschäft mit Nyse Euronext hatten Vorstand, Aufsichtsrat und Eigentümer sehr schnell zugestimmt. Die Fusion wäre neun Milliarden Dollar wert gewesen. Doch beide Konzerne unterschätzten die Bedenken der Wettbewerbshüter. Frankfurt und New York hätten zusammen im Geschäft mit Derivaten einen Marktanteil von 90 Prozent erzielt. Auch das hessische Wirtschaftsministerium hatte mit einem Veto gedroht. Die Politik befürchtete ein Ausbluten des Finanzplatzes Frankfurt und den Verlust von Arbeitsplätzen. In Frankfurt war man ob des Scheiterns der Fusion denn auch nicht weiter betrübt. Peinlich war es dennoch für Francioni: Er hatte bereits 2008 vergeblich versucht, mit New York anzubandeln.

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Die Logik hinter einer Fusion von Londoner und Deutscher Börse ist ganz ähnlich: Zusammen fiele es den zwei Konzernen leichter, mit globalen Rivalen wie der Shanghai Stock Exchange in China und den US-Börsen ICE und CME mitzuhalten. Börsenchef Kengeter wagte bereits im vergangenen Jahr drei mittelgroße Zukäufe für insgesamt 1,3 Milliarden Euro. Er erwarb unter anderem das Frankfurter Internet-Unternehmen 360T, das eine Plattform für Devisengeschäfte betreibt. Der US-Rivale CME war ebenfalls an der Firma interessiert gewesen, doch Kengeter, früher Banker bei Goldman Sachs, erhielt für 725 Millionen Euro den Zuschlag.

Offenbar war das nur das Vorspiel für etwas viel, viel Größeres.