Fünf Haftbefehle erlassen Media-Saturn im Sog der Korruption

Millionen Euro für einen DSL-Verkaufsauftrag, Geldwäsche und die Firma der Ehefrau als Tarnung: Anonyme Briefe über mögliche Korruption traten einen Sturm bei Media-Saturn los. Jetzt hat ein Gericht Haftbefehle gegen fünf Beschuldigte erlassen - auch ein Topmanager und seine Frau sitzen in Untersuchungshaft.

Von Uwe Ritzer

Der Leuchtturm "Roter Sand", sechs Seemeilen nordöstlich der Nordseeinsel Wangerooge, ist weltweit bekannt. Das rot-weiß-gestreifte Bauwerk ziert sogar eine 55-Cent-Briefmarke. Eine solche Marke klebte auf einem jener anonymen Briefe, die einen Korruptionsskandal bei Media-Saturn lostraten, der sich nun so rasant und heftig ausbreitet wie ein Orkan über dem Meer.

Seit diesem Mittwoch sitzen fünf Beschuldigte in Untersuchungshaft. Darunter sind nach Informationen der Süddeutschen Zeitung ein Top-Manager der deutschen Media-Markt-Organisation und dessen Frau. Ein Media-Saturn-Sprecher bestätigte auf Anfrage, dass sich das Unternehmen nun von dem Manager trennen will. Bei den anderen in U-Haft genommenen Personen handelt es sich um Geschäftspartner von Europas größtem Elektronik-Händler Media-Saturn.

Der Augsburger Leitende Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz wollte auf Anfrage zu ihrer Identität nichts sagen. Die Vorwürfe wiegen schwer. "Wir gehen von besonders schweren Fällen der Bestechung und der Bestechlichkeit im geschäftlichen Verkehr aus", sagte Nemetz. Die Verdächtigen sollen gewerbs- und bandenmäßig organisiert gewesen sein. Bei einer Verurteilung drohen Haftstrafen.

Als Mitte Juli 160 Polizisten und Staatsanwälte 20 Häuser, Wohnungen und Büros im gesamten Bundesgebiet durchsuchten, darunter auch die Media-Saturn-Zentrale in Ingolstadt, richteten sich die Ermittlungen noch gegen sechs Leute. Inzwischen sind nach Angaben von Nemetz 19 Personen involviert. Dem Wetzlarer Geschäftsmann Peter N. wird ein besonders schwerer Fall von Bestechung im geschäftlichen Verkehr vorgeworfen. Drei Beschuldigte sollen Bestechungsgelder kassiert, 15 weitere Beihilfe geleistet haben.

Es geht um fragwürdige Geschäfte rund um DSL-Verträge. 50 Millionen Euro Provisionen soll Peter N. über seine Firmen von 2005 bis 2010 für DSL-Kontrakte kassiert haben, die seine Mitarbeiter in Media- und Saturn-Märkten verkauften. Um überhaupt an diesen Vertriebsauftrag zu kommen, soll er Verantwortliche bei Media-Saturn kräftig geschmiert haben. Die Staatsanwaltschaft geht von 3,5 Millionen Euro aus, aufgeteilt auf mehr als 200 Einzelvorgänge. Nach Angaben von Chef-Ankläger Nemetz sollen Marktleiter aus der übergeordneten Media-Saturn-Organisation heraus angewiesen worden sein, mit Peter N. zu kooperieren.

Das bei den Juli-Razzien beschlagnahmte Material sowie Vernehmungen von Zeugen und Beschuldigten erhärteten aus der Sicht der Ermittler die Vorwürfe aus jenen anonymen Briefen, die 2010 bei Media-Saturn und der Augsburger Staatsanwaltschaft eingingen. Ihr Verfasser gilt als Insider. Präzise, detailliert und mit viel Hintergrundwissen beschreibt er die angeblichen "Kickback"-Geschäfte. Zu diesem Ergebnis kamen auch Wirtschaftsprüfer von KPMG, die im Auftrag von Media-Saturn die Anschuldigungen intern untersuchten.

Dem Vernehmen nach sollen die Bestechungsgelder etwa über Immobilien in den USA gewaschen worden sein. Zur Tarnung hätten einige Beteiligte Scheinverträge über Leistungen abgeschlossen, die nie erbracht worden seien. Bisweilen lief alles über Firmen der Ehefrauen. Ein 800.000-Euro-Transfer zwischen einer Firma von Peter N. und einem Unternehmen, an dem zum fraglichen Zeitpunkt die Frau eines Media-Saturn-Managers beteiligt gewesen sein soll, kam internen Ermittlern seltsam vor.

Viele der Firmen von Peter N. existieren nicht mehr. Für Media-Saturn wächst sich der Korruptionsfall derweil zu einem Problem aus. Gerade auch vor dem Hintergrund des Gesellschafterstreits zwischen dem Mehrheitseigner Metro mit den Firmengründern Erich Kellerhals und Leopold Stiefel. Die Gründer hatten auf der letzten Gesellschafterversammlung mit ihrer Sperrminorität einen Antrag der Metro blockiert, Michael R. vorläufig zu beurlauben. Er gehört der obersten Media-Saturn-Geschäftsführung an und war jahrelang der Vorgesetzte des nunmehr verhafteten Managers. Auch gegen R. wird wegen Korruptionsverdacht ermittelt. Er befindet sich auf freiem Fuß. Media-Saturn lässt seine Rolle gerade durch eine Sonderprüfung untersuchen.