Führungswechsel bei Siemens Mensch oder Marge

Von diesem Donnerstag an ist er der Chef: Joe Kaeser im Innenhof der Siemens-Zentrale.

(Foto: Bloomberg)

Nach den Chaos-Tagen nun der Stabwechsel: Siemens-Chef Löscher geht, Finanzvorstand Kaeser übernimmt. Jeder lobt jeden, als wäre nichts gewesen. Für die Realität ist nun Kaeser zuständig. Sie wird hart werden.

Von Caspar Busse

Plötzlich ist er da: Joe Kaeser, 56, kommt durch einen Nebeneingang in den Hof der Siemens-Zentrale, stellt sich vor die weiße Wand mit den vielen kleinen Siemens-Logos und lächelt. Er ist zwei Minuten zu früh und sagt als erstes: "Willkommen bei Siemens." Er habe in den vergangenen Tagen vieles gehört und gelesen, von Chaos, Pleiten, Pannen. Dann macht er eine kleine Pause und betont: "Das ist nicht das Siemens, für das ich stehe."

Der Tag hatte früh für Joe Kaeser begonnen. Um neun Uhr traf sich der Aufsichtsrat, erst sprach der scheidende Vorstandschef Peter Löscher "Die Interessen Einzelner, auch meine eigenen, haben hinter dem Wohlergehen des Unternehmens zurückzustehen", teilte er später mit. Es wäre fatal, wenn der eingeschlagene Kurs "durch ein nicht mehr vorhandenes Vertrauensverhältnis in Frage gestellt würde". Dann präsentierte sich sein Nachfolger Kaeser. Die Abstimmungen waren einstimmig. Alles soll ganz schnell gegangen sein. Alle Abweichler waren auf Kurs gebracht worden. Es wurde Normalität gespielt. Obwohl nichts normal war.

Schon am Morgen hatten vor der Siemens-Zentrale in München die Fernsehteams ihre Ü-Wagen aufgebaut. Um halb zwölf war es schließlich soweit: Joe Kaesers Berufung zum neuen Siemens-Vorstandsvorsitzenden wurde verkündet. Von diesem Donnerstag an wird er Herr über 370.000 Mitarbeiter und fast 80 Milliarden Euro Umsatz sein. Am Nachmittag dann die Pressekonferenz.

Kaeser ist ernst, souverän, etwas grau im Gesicht, wechselt auch mal ins Englische. Was er zu sagen hat, klingt ganz nach dem alten Siemens. Er wolle für Ruhe sorgen. "Ich werde nicht versuchen, Siemens neu zu erfinden, das ist auch gar nicht nötig", meint er. Und er fügt an: "Siemens ist eine Elektrifizierungsfirma." Nicht mehr und nicht weniger. Und: Siemens müsse wieder dahin, wo es hingehört, unter die Besten der Welt.

Das wird dauern: Die Quartalszahlen sind nicht gut. Der Gewinn sinkt um 13 Prozent auf eine Milliarde Euro. Der Umsatz geht um zwei Prozent auf knapp 19,3 Milliarden Euro zurück. Nur der Auftragseingang steigt, dank großer Bahnaufträge. Kaeser warnt sogar vor weiteren Risiken. Für das Gesamtjahr wird jetzt ein Profit von vier Milliarden Euro erwartet. Der scheidenden Konzernchef Peter Löscher hatte zuletzt noch von 4,5 Milliarden Euro gesprochen.

Auch einige Siemens-Mitarbeiter sind in den Hof gekommen und hören die Botschaften, sie werden mit Freude vernommen. Auch diesen Satz von Kaeser: "Es ist keine unternehmerische Leistung, möglichst viele Arbeitsplätze zu vernichten." Sein Vorgänger hatte 10.000 Jobs gestrichen. Vorausgegangen war ohnehin ein beispielloses Führungschaos bei Siemens, am Ende stand ein schwer lädierter Cromme.

Am Mittwoch wurde versucht, alles herunterzuspielen. Cromme durfte Löscher noch einmal ausdrücklich loben, als sei nichts gewesen: "Peter Löscher hat Siemens zurückgeführt zu hohem Ansehen und beachtlichen Erfolgen. Siemens hat unter seiner Führung zwei der erfolgreichsten Jahre in der Unternehmensgeschichte erreicht." Löscher soll nun dem Unternehmen bis zum 30. September 2013 für die Übergabe von Themen zur Verfügung stehen, hieß es. Seine Abfindung wird voraussichtlich rund 15 Millionen Euro betragen.

IG Metall und Gesamtbetriebsrat teilten mit: "Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat haben großen Respekt vor der Leistung des Vorstandsvorsitzenden Peter Löscher und vor seiner heutigen Entscheidung." Andererseits: Er habe aber immer für Renditeorientierung und Jobabbau gestanden, die Marge über alles gestellt und eine Angstkultur eingeführt, kritisierten sie. Nun sollten wieder die Beschäftigten und die Technologie im Mittelpunkt stehen. "Siemens muss wieder ins Gleichgewicht kommen", sagte IG-Metall-Chef Berthold Huber, dafür müsse man sich von kurzfristigem Renditedruck verabschieden.

Das sehen natürlich nicht alle so. Aktionäre und große Investoren fordern, dass Siemens wieder mehr Gewinn erwirtschaftet. Die Münchner müssten den Rückstand zu Wettbewerber wie General Electric und ABB schnell aufholen, fordert Christoph Niesel von der Fondsgesellschaft Union Investment, die etwa ein Prozent der Siemens-Aktien hält: "Aus unserer Sicht ist Siemens zu träge und zu langsam."

Kaeser wird kaum allen gerecht werden können. Als ehemaliger Finanzvorstand versteht er die Wünsche des Kapitalmarkts. Als Siemensianer, der seit 33 Jahren für den Konzern arbeitet, kennt er die Befindlichkeiten der Mitarbeiter und die Beharrungskräfte. Mensch und Marge - beides sei wichtig, sagte Kaeser dazu am Mittwoch. Und später meinte er noch mit einem Schmunzeln: "Als ich Finanzvorstand wurde, dachte ich, das ist der schönste Job der Welt - aber das war nach einigen Monaten vorbei." Vielleicht wird ihm das in seinem neuen Job an der Spitze wieder so gehen.