Führungswechsel bei der Deutschen Bank Die Jünger Jains

Die Anleger sind begeistert, die Politiker besorgt: Anshu Jain, der zukünftige Chef des Geldinstituts ersetzt in der Führungsriege Vertraute von Ackermann durch eigene Leute. Nach Bekanntwerden der brisanten Nachricht stieg die Aktie um drei Prozent. Doch Finanzpolitiker fürchten eine Übermacht der Investmentbanker.

Von Harald Freiberger, Frankfurt

Zumindest die Aktionäre sind zufrieden, so viel steht schon einmal fest. Die Aktie der Deutschen Bank stieg am Donnerstag um mehr als drei Prozent, einen Tag, nachdem ein radikaler Umbau des Vorstands bekannt geworden war. Zwei Gefolgsleute von Noch-Chef Josef Ackermann, Hugo Bänziger und Hermann-Josef Lamberti, müssen gehen, es kommen mit Stephan Leithner, Henry Ritchotte und William Broeksmit drei enge Vertraute des Londoner Investmentbankers Anshu Jain, der ab 1. Juni zusammen mit Jürgen Fitschen an der Spitze steht. "Die Börse honoriert den schnellen Stabwechsel, es kommt zu keinem Machtvakuum im Übergang", erklärt Analyst Dieter Hein von Fairesearch den Kursanstieg.

In der Frankfurter Zentrale der größten deutschen Bank sind nicht alle so zufrieden mit den umwälzenden Nachrichten. Man befürchtet, dass der Tanker Deutsche Bank wieder Schlagseite bekommt, so wie es vor zehn Jahren schon einmal war. Dass das Institut von Investmentbankern dominiert und Ackermanns Strategie der letzten Jahre nach und nach zurückgenommen wird. Er stärkte mit der Übernahme von Postbank und Sal. Oppenheim das klassische Bankgeschäft, sein Ziel war ein ausbalancierteres Geschäftsmodell, in dem nicht die Investmentbanker die erste Geige spielen.

Künftig aber gibt es im siebenköpfigen Vorstand nur noch einen reinen Nicht-Investmentbanker, den Privatkundenchef Rainer Neske. "Die Investmentbanker haben jetzt das Ruder in der Hand", sagt einer der größten Aktionäre des Geldhauses. Die Nachrichtenagentur Reuters in London kommentierte noch deutlicher: "Die Investmentbanker haben die Übernahme der Deutschen Bank abgeschlossen."

Wo ist Jürgen Fitschen?

Passiert jetzt genau das, wovor Ackermann immer warnte, weshalb er Jain an der Spitze der Bank ablehnte und lieber den früheren Bundesbank-Chef Axel Weber an der Spitze gesehen hätte? "Die Dominanz der Investmentbanker beunruhigt schon ein wenig", sagt Klaus Nieding von der Aktionärsvereinigung DSW. "Wir werden die Bank auf der Hauptversammlung daran erinnern, dass es auch in anderen Bereichen sehr geeignete Banker gibt."

Eine andere oft gestellte Frage in der Zentrale am Tag danach lautet: Wo ist Fitschen? Seine Handschrift ist für viele im neuen Personaltableau nicht zu erkennen. Aufgestiegen sind ausschließlich Vertraute Jains. Das gilt nicht nur für den siebenköpfigen Vorstand, sondern auch für den erweiterten Vorstand, in dem künftig 17 Männer sitzen. Vier Jünger Jains kommen neu dazu: Chefjustiziar Richard Walker, David Folkets-Landau, der Leiter der Analyseabteilung, Colin Fan, der Jain als Leiter des Investmentbanking-Handels nachfolgt, und Michele Faissola, der neue starke Mann der Vermögensverwaltung. Für ihn fliegen die Acker-Männer Kevin Parker und Pierre de Weck aus dem Gremium.

Es deutet sich eine Alleinregentschaft des machtbewussten Jain an

Vertraute Fitschens gibt es in beiden Gremien nicht. Eigentlich sollte er an der Spitze das deutsche Gegengewicht zu den Londoner Investmentbankern bilden. Nun befindet ihn in der Zentrale mancher als zu leicht. "Ist er nur dazu da, Jains Entscheidungen abzunicken?", fragen sie. Da Fitschen darüber hinaus 63 Jahre ist und sein Vertrag nur drei Jahre läuft, deutet sich schon jetzt eine Alleinregentschaft des machtbewussten Jain an.

Die entscheidende Frage wird sein, ob mit dem Austausch des Personals auch eine Änderung der bisherigen Strategie des Ausgleichs zwischen risikoreichem und risikoarmem Geschäft verbunden sein wird. Jain und Fitschen haben sich vor dem vierköpfigen Präsidialausschuss des Aufsichtsrats zu dieser Strategie einer Universalbank bekannt. Auch Analyst Hein will aus dem Umbau des Vorstands keinen Strategiewechsel herauslesen. Ein Fondsmanager sagt: "Die Rückkehr zur reinen Investmentbank würde viele Investoren abschrecken, weil es im aktuellen Marktumfeld einfach zu riskant wäre."

"Jains Durchmarsch verursacht bei mir ein Bauchgrimmen"

Die Bundesregierung hält sich mit kritischen Kommentaren zurück. Sie scheint um ein unvoreingenommen-konstruktives Verhältnis zur neuen Spitze der Bank bemüht. Auch der Antrittsbesuch von Jain bei Kanzlerin Angela Merkel soll gut gelaufen sein. Finanzpolitiker sehen den Umbau des Vorstands kritischer. "Deutsche Einlagen dürfen nicht im Kasino landen", warnte Unionsfraktionsvize Michael Meister. "Wir werden über eine striktere Regulierung des Investmentbanking nachdenken müssen"

Carsten Schneider, finanzpolitischer Sprecher der SPD, sagte der SZ, "Jains Durchmarsch verursacht bei mir ein Bauchgrimmen". Er mache sich Sorgen, dass sich die Geschäftspolitik der Bank hin zu mehr Risiko und weniger Risikokontrolle verändern könnte. "Das kann dem Steuerzahler nicht egal sein, weil er am Ende für eine systemrelevante Bank wie die Deutsche Bank bürgen muss." Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble habe die Pflicht, zusammen mit der deutschen Bankenaufsicht genau auf die Strategie der Deutschen Bank zu schauen. "Aber ich bin skeptisch, ob die Finanzaufsicht mit ihren derzeitigen Mitteln überhaupt in der Lage ist, die Deutsche Bank zu kontrollieren", sagte Schneider.