"Fuckup-Night" Lernen vom Versager

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner - hier beim Neujahrsempfang seiner Partei in Düsseldorf - schickte eine Grußbotschaft.

(Foto: dpa)

In "Fuckup"-Nights berichten Unternehmer von ihrem Scheitern. Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner avanciert gerade zur Galionsfigur der Gründerszene.

Von Max Hägler, Esslingen

Es sind schon sehr merkwürdige Geschäftsideen zu hören, bei dieser "Fuckup-Night", diesem Abend der gescheiterten Internet-Bastler. Solche, bei denen man sich eher nicht wundert, dass sie nicht erfolgreich sind. Ein Internet-Pferde-Lexikon etwa, ausgedacht von Menschen, die mit Pferden nichts zu tun haben.

Aber an die abgefahrene Idee von Christian Lindner kommen sie nicht heran. Nach dem Abitur, als er noch nicht FDP-Chef war, hatte Lindner eine Firma gegründet, die Avatare entwickelte. Das sind virtuelle Figuren, die echte Menschen durch eine Website geleiten sollen. Damals im Jahr 2000, bot Lindners Unternehmen Moomax eine virtuelle "Päpstin" an. Die staatseigene KfW-Bank unterstützte den privaten Finanzier, einen Risikokapitalfonds, mit 1,4 Millionen Euro, einige Monate wurschtelte dieses Start-up vor sich hin, dann stieg Lindner aus, bald danach ging das Unternehmen in die Insolvenz.

Eine Geschichte, die Lindner jetzt, 15 Jahre später, ins Positive gewendet hat: Als er vor einigen Tagen im Landtag von Nordrhein-Westfalen über Gründergeist sprach, da erinnerte ein SPD-Abgeordneter an die Avatare. Was Lindner zu einer wütenden Erwiderung reizte: "Wenn man scheitert, ist man sich Spott und Häme sicher!" Welchen Eindruck solche "dümmlichen" Bemerkungen wohl auf Existenzgründer machten, ereiferte sich Lindner.

Gruß per Handyvideo

Mehr als zwei Millionen Mal wurde sein in der Tat sehr lustiger Wutausbruch bereits angeschaut. Lindner ist damit ungeplant zur Galionsfigur der gescheiterten Internetbastler geworden. Und so darf Lindner diese "Fuckup-Night" einleiten - in einem schummrigen Esslinger Kulturzentrum. Tischkicker stehen herum, an der Wand Antifa-Plakate, gekommen sind 40 junge Leute, die gründen wollen. Vorn, auf Plastikstühlen, drei erfahrene Start-up-Unternehmer, die über Trial and Error, Versuch und Irrtum, zum Erfolg gekommen sind.

Lindner ist nicht selbst am Ort, sondern grüßt, passend zum Publikum, per spontan gedrehtem Handyvideo und fordert eine neue Gründerkultur, zu der, "das weiß ich ganz persönlich", manchmal auch das Scheitern gehöre. Diese Risikobereitschaft müsse anerkannt werden! Vielleicht, schließt er, werde er bald persönlich nach Stuttgart kommen und von einem anderen Scheitern erzählen, dem der FDP bei der Bundestagswahl. Und darüber, was die Partei daraus gelernt hat.

Damit hat der eloquente Lindner seine Story geschickt weitergedreht, die Lacher auf seiner Seite - und die Themen beschrieben, die immer öfter besprochen werden auf solchen "Fuckup-Nights": Das Scheitern und Wiederaufstehen, das im Land der möglichst geradlinigen Karrierewege tatsächlich wenig anerkannt ist.

Das Pferdeportal war ein Flop, der Lieferservice nicht

Aber, sagt Thomas Poschen, einer der "Speaker" an diesem Abend, das Scheitern sei Teil des Internetzeitalters, in dem alles schnell gehen muss. Thomas, wie an dem Abend alle sagen, trägt Jeans und Bürstenhaarschnitt, er hatte das Pferdeportal, bei dem alles schieflief: Die Geschäftspartnerin räumte das Konto leer, Nutzer gab es keine. Und nach der Insolvenz kam auch noch ein Strafbefehl, den er - immerhin - abwehren konnte. "Das hat Geld und Nerven gekostet", sagt der 43-Jährige. "Aber wir haben gelernt." Als er wieder schuldenfrei war, gründete der Werkzeugmechaniker und studierte Logistiker sofort das nächste Unternehmen.

Wieder was mit Tieren, diesmal aber erfolgreich: Mauz&Wauz liefert Tierfutter für Hund und Katz nach Hause. Die Nachfrage steigt, er ist schuldenfrei, und die Investorensuche in New York gerade war vielversprechend. "Wer gescheitert ist und mit einer guten Idee weitermacht, den finden die Leute dort gut", sagt Poschen. In Deutschland sei das anders: Die KfW etwa habe ihn nicht unterstützen wollen.

Insofern sei es super, dass Lindner mit seiner Story solche Wellen schlägt, sagt Poschen: "Da profitieren viele Gründer." Wobei er beileibe kein FDP-Wähler sei. Und von der Idee mit den Avataren schon damals nichts gehalten habe.