Frühere CDU-Staatsministerin Hildegard Müller Merkel-Vertraute soll in den RWE-Vorstand

Hildegard Müller, früher CSU-Staatsministerin in Merkels Kanzleramt, soll bei RWE eine führende Rolle übernehmen.

(Foto: Rainer Jensen/dpa)

Der angeschlagene Energiekonzern will so seine Kontakte zur Politik verbessern.

Von Karl-Heinz Büschemann

Müller soll kommen. Das sei die Lösung. Das galt zunächst für den früheren Wirtschaftsminister Werner Müller, den sich manche in Nordrhein-Westfalen als neuen Aufsichtsratschef des Krisen-Konzerns RWE wünschen. Der erfahrene Energiemanager und Politikstrippenzieher sollte dem Energiekonzern, der in einer tiefen Krise steckt, wieder einen besseren Draht zur Berliner Politik verschaffen.

Doch Werner Müller ist im Aufsichtsrat nicht durchsetzbar. Der 69-jährige Aufsichtsratschef des Essener Chemiekonzerns Evonik gilt bei vielen Vertretern im RWE-Kontrollgremium als Mann von gestern. Nachfolger des heutigen RWE-Chefaufsehers Manfred Schneider soll im April der frühere SAP-Finanzchef Werner Brandt werden.

RWE: "Das ist Spekulation. Nichts ist in trockenen Tüchern."

Die Essener Strategen haben sich deshalb etwas anderes ausgedacht, um ihr kaputtes Verhältnis zur Berliner Politik zu reparieren: Hildegard Müller, die frühere CDU-Staatsministerin in Angela Merkels Kanzleramt und heutige Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft, soll bei RWE eine führende Rolle übernehmen. Ob die 48-jährige Lobbyistin im Vorstand des Konzerns einen Sitz bekommt oder in der neuen Tochtergesellschaft, in der künftig alle zukunftsträchtigen Geschäfte zusammengefasst werden sollen, ist noch offen. Fest steht aber: "Damit wird die Berufung von Werner Müller überflüssig", sagt ein Manager in Essen. Ein Konzernsprecher äußert sich zu der Personalie nur vorsichtig: "Das ist Spekulation. Nichts ist in trockenen Tüchern".

Die Entscheidung über die Berufung von Hildegard Müller soll auch nicht auf der Sitzung des Aufsichtsrates am Freitag fallen. An dem Tag soll nur der spektakuläre Konzernumbau beschlossen werden, der Anfang vergangener Woche bekannt gegeben worden war. Doch wie nötig es ist, bei RWE auch Weichen zu stellen, die nicht allein mit einer Umorganisation zu machen sind, zeigt die Börse. Die Finanzmärkte hatten am Tag der Bekanntgabe der Aufspaltung von RWE mit einem Kurssprung von rund 17 Prozent reagiert. Nur eine Woche später, zwei Tage vor der Entscheidung des Aufsichtsrates über den Schritt, war der schöne Zuwachs schon wieder weggeschmolzen. Der bedrängte RWE-Chef Peter Terium muss weiter damit leben, dass er bei vielen Investoren kein hohes Ansehen genießt.

Mit der Aufteilung des Konzerns, wie sie auch schon Konkurrent Eon eingeleitet hat, will RWE ein neues Zeitalter beginnen. RWE gründet eine neue Tochtergesellschaft, in der die Geschäftsfelder Erneuerbare Energien, Netze und Vertrieb gebündelt werden sollen. Bei der bisherigen RWE AG sollen dagegen die verlustreichen Geschäfte mit der Stromerzeugung aus Kohle, Gas, Öl und Atomenergie bleiben.

Sie gelten bei dem Essener Konzern als wenig aussichtsreich, weil der wachsende Anteil von Ökostrom Gewinne mit den bisherigen Großkraftwerken unmöglich macht. Auf den Fluren des gläsernen RWE-Turms in Essen wird deshalb bereits trotzig darüber geredet, wie man sich die Zukunft der Verlustbringer vorstellt: "Diese Kraftwerke stellen wir eines Tages der Politik auf den Hof."

Wie der Konkurrent Eon macht auch RWE für die Verluste bei den Kraftwerken die von der Bundesregierung forcierte Energiewende verantwortlich, die darauf abzielt, die Stromerzeugung in Deutschland ganz auf erneuerbare Energie umzustellen. Seitdem kämpfen die Konzerne um ihr Überleben und ihr Verhältnis zur Berliner Politik gilt deswegen als ausgesprochen zerrüttet.

Reserven der Stromkonzerne sollen für Atom-Folgekosten nicht ausreichen

Ein besonderes Risiko für die Stromkonzerne sind die Hinterlassenschaften der Kernkraftwerke. Die finanziellen Lasten, die sich für die Konzerne aus dem Ausstieg aus der Atomenergie ergeben "können die Versorger umbringen", wie es ein früherer RWE-Manager ausdrückt. "Dafür muss eine politische Lösung gefunden werden". Die dürfe die Stromkonzerne nicht aus der Verantwortung entlassen, "sie aber auch nicht umbringen".

Ohne eine enge Kooperation mit Berlin haben die Stromkonzerne kaum eine Chance, die Lasten der Vergangenheit loszuwerden. Ein Gutachten, das Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel in Auftrag gegeben hat, kam zu dem Ergebnis, dass die 38 Milliarden Euro starken Reserven der Stromkonzerne für die Folgekosten der Atomkraftwerke nicht ausreichen.

RWE-Vorstandsmitglied Rolf Martin Schmitz hat in Berlin bereits vorgeschlagen, Staat und Unternehmen sollten die Verantwortung für den Atomausstieg gemeinsam tragen. Hierfür sei eine aus Unternehmensanteilen und Sachwerten finanzierte Stiftung eine geeignete Lösung, sagte der Vize-RWE-Chef. "Die Haftung der Betreiberunternehmen" müssten "zeitlich und der Höhe nach begrenzt" werden.

Schmitz gilt als Vater der Idee, die Ex-Politikerin und heutige Lobbyistin Müller nach Essen zu holen.