Frankreich Volkssport "Bossnapping"

Schwere Zeiten für Manager: Erneut haben zornige Angestellte in Frankreich ihre Chefs als Geiseln genommen. Arbeitgeber befürchten nun, das Modell könnte Schule machen.

Die Wut unter Frankreichs Arbeitnehmern ist groß. Mittlerweile ist sie sogar so groß, dass Manager immer häufiger persönliche Übergriffe fürchten müssen. Das Modell "Bossnapping" ist in Frankreich inzwischen zu einem richtigen Volkssport geworden. Die Serie von Geiselnahmen von Firmenmanagern reißt nicht ab.

Molex-Manager Marcus Kerriou (links) und Personalchefin Coline Colboc dürfen derzeit das Büro nicht verlassen.

(Foto: Foto: AP)

Nun haben Arbeiter des US-Autozulieferers Molex in Südfrankreich zwei ihrer Manager gefangenen genommen, um gegen die für Juni geplante Schließung ihres Werkes mit 283 Beschäftigten zu protestieren. Gewerkschaftsvertreter kündigten in dem Werk in Villemur-sur-Tarn nördlich von Toulouse an, sie würden den Ko-Geschäftsführer der Frankreich-Filiale und die Personalchefin so lange festhalten, bis diese zu Verhandlungen bereit seien.

Der gefangene Ko-Chef Marcus Kerriou lehnte jedoch Gespräche in Gefangenschaft ab. "Wir haben zwei Stunden geschlafen, wir sind müde, aber die Antwort ist Nein, solange wir gegen unseren Willen gefangen gehalten werden." Die Arbeiter fordern unter anderem eine Entschädigung von 100 Millionen Euro, weil Molex ihnen zufolge die Fabrik durch die Übertragung von Know-how auf andere Werke und fehlende Investitionen hat ausbluten lassen.

Zorn in der Belegschaft

Die Elektronikfirma hatte im Oktober bekanntgegeben, dass das Werk Ende Juni geschlossen werden soll. Die Jobs sollen in die USA und nach China ausgelagert werden. Den Zorn der Belegschaft ruft zudem hervor, dass ein Standort in den Niederlanden hinter dem Rücken der Arbeitnehmervertreter die Aufgaben des französischen Werkes übernommen haben soll.

"Sie haben unser Know-how gestohlen, ohne in unseren Standort zu investieren", sagte Gewerkschaftsvertreter Denis Parise. Erst bei einem Einlenken der Geschäftsführung werde man die Proteste abbrechen. Die Arbeiter fordern 100 Millionen Euro Schadenersatz und zusätzlich den gleichen Betrag, den Molex Automotives in das niederländische Werk investiert hat. Die Verwaltung des Departements Haute-Garonne bemüht sich um eine Schlichtung des Konfliktes.

Die Serie von sogenannten Bossnappings in Frankreich hatte Mitte März in einem Werk des japanischen Elektronikkonzerns Sony begonnen. Es folgten Manager-Geiselnahmen beim US-Mischkonzern 3M, beim US-Baumaschinenhersteller Caterpillar, dem britischen Klebebandherstellers Scapa und beim französischen Autozulieferer Faurecia. Caterpillar hatte sich erst am Montag bereiterklärt, nach gewaltsamen Protesten weniger Stellen als geplant zu streichen. Arbeitgebervertreter fürchten, dadurch könnten die Mitarbeiter anderer Firmen zu drastischen Maßnahmen ermutigt werden.