Frankreich und die Freihandelszone mit den USA Rettet die Chansons vor den Amerikanern!

Was wären französische Sänger ohne Staatshilfe? Frankreich empfindet die geplante Freihandelszone zwischen Europa und den USA als Bedrohung für seine gut behütete Film-, Fernseh- und Musikindustrie. Und fordert Ausnahmen.

Ist das das Ende der französischen Identität? Anglizismen schleichen sich in die Alltagssprache ein. EU-Hygienevorschriften machen Käseproduzenten das Leben schwer. Und die geschichtsvergessene Jugend wendet sich vom heimischen Wein ab - zumindest berichtet die BBC, dass der jährliche pro-Kopf-Verbrauch von stolzen 160 Litern im Jahr 1965 auf schlappe 57 Liter im Jahr 2010 gesunken sei. Schlimmer noch: Die Zahl der Wein-abstinenten Franzosen hat sich einer Studie des Journal of Entrepreneurship auf 38 Prozent verdoppelt!

In Frankreich führt all das zu der Sorge, dass sich die veränderten Interessen und Werte nachhaltig und nachteilig auf die Gesellschaft auswirken könnten - ausgerechnet in jenem Land, in dem das kulturelle Erbe hoch geschätzt und behütet wird. Die Erosion der Kulturnation geht in den Augen der Kulturbewahrer vor allem von einer als weniger kultiviert angesehen Nation aus: den Vereinigten Staaten von Amerika. Diese haben mit ihrer weltweit expandieren Popkultur - in den Augen der Franzosen - ein anderes Verständnis von Kultur als sie selbst.

Jüngstes Ziel französischen Kultur-Protektionismus' ist ein transatlantisches Vorhaben. Das Land droht indirekt, die geplanten Verhandlungen über eine europäisch-amerikanische Freihandelszone zu blockieren. Handelsministerin Nicole Bricq sagte, Voraussetzung für eine Unterstützung durch ihr Land sei die Ausnahme aller Wirtschaftszweige, die kulturelle Güter beträfen. Dazu zählt die Regierung in Paris unter anderem die von ihr massiv bezuschusste Filmindustrie, die Zulassung von Fernsehsendern und die Musikindustrie.

Allein die französische Filmproduktion ist eine wichtige wirtschaftliche Komponente für das Land. Der Umsatz der gesamten nationalen Branche lag 2009 bei etwa 10,5 Milliarden Euro, der Sektor beschäftigte fast 39.000 Menschen, wie es auf der Internetseite der französischen Botschaft in Berlin heißt.

Die Kommission und die US-Regierung haben sich das Ziel gesetzt, im Juni mit den Verhandlungen zu beginnen und sie bis Ende 2014 abzuschließen. Auf die Frage, ob dieses Datum zu halten sei, antwortete Bricq: "Wenn die EU-Kommission die Kultur ausnimmt, warum nicht. Das ist aber eine Vorbedingung." Frankreich hat bereits in den 90er Jahren einen ähnlichen Vorstoß für ein Freihandelsabkommen zu Fall gebracht.

Zuletzt hatte sich auch US-Präsident Barack Obama zurückhaltend zu den Aussichten geäußert. Das Zustandekommen des Vertrages werde ein hartes Stück Arbeit, sei aber möglich.

Ein transatlantisches Freihandelsabkommen würde nicht nur den Wegfall von Importzöllen bedeuten - was sich für Unternehmen durchaus lohnen würde, denn das tägliche transatlantische Handelsvolumen liegt derzeit immerhin bei stattlichen 3,6 Milliarden Dollar. Allerdings geht es bei einem Freihandelsabkommen nicht nur um klassische Zölle: Es würde auch eine Angleichung von Standards beinhalten - und genau das macht die Angelegenheit so problematisch. Nicht nur die Franzosen zweifeln daran - auch der US-Kongress sieht den Freihandel traditionell eher skeptisch, wenn er die eigene Industrie unter Wettbewerbsdruck setzt.

Als größtes Hindernis gilt den Europäern gemeinhin die Agrarbranche. In den USA werden Lebensmittel aus genveränderten Substanzen ohne Kennzeichnung verkauft, was in der EU verboten ist. Zahlreiche Vorschriften im Lebensmittelbereich unterscheiden sich.

Bricq kündigte auch an, Frankreich werde sich beim Vertrieb von genetisch manipulierten Lebensmitteln hart zeigen. "Es steht außer Frage, dass wir nicht mit einem Mandat verhandeln können, das eilig zusammengeschustert wurde", sagte die Ministerin mit Blick auf das Konzept, das von der EU-Kommission erarbeitet wurde. Es wird aber noch unter Verschluss gehalten.