Francis Fukuyama über die USA "Wir brauchen eine andere Kultur"

Der amerikanische Politologe Francis Fukuyama über die Finanzkrise, Bushs desaströse Wirtschaftspolitik und die künftige Rolle der USA.

Interview: Nikolaus Piper

Francis Fukuyama hat zum amtierenden US-Präsidenten eine klare Meinung: Die Wirtschaftspolitik der Ära George Bush habe in einem "Desaster" gemündet; die Außenpolitik sei "desaströs", sagt Fukuyama im SZ-Interview. Allerdings: Der Weg aus der Krise hinaus wird lange dauern, prophezeit der liberale Denker.

SZ: Herr Professor Fukuyama, Amerika steckt in der schlimmsten Finanzkrise seit 80 Jahren. Was bedeutet die Krise für die Politik und für die amerikanische Gesellschaft?

Francis Fukuyama: Wir haben es mit zwei Krisen zu tun. Einmal der unmittelbare Zusammenbruch der Wall Street, zum anderen die Krise um die strukturellen globalen Ungleichgewichte, die sich im vergangenen Jahrzehnt aufgebaut haben. Ich glaube, dass die Krise tiefer geht und länger anhalten wird als frühere. Eine Ära geht zu Ende, in der Asien ein auf Dauer unhaltbares Ausgabenniveau in Amerika finanziert hat - zwei Kriege, ein riesiges Budgetdefizit, negative Ersparnisse der privaten Haushalte, entsprechend hoher Konsum. Der Übergang zu einem niedrigeren Konsumniveau wird die gesamtwirtschaftliche Nachfrage auf lange Zeit dämpfen. Daher sehe ich nicht, wie sich die Wirtschaft schnell erholen sollte.

SZ: Das jüngste Rettungspaket von Finanzminister Henry Paulson scheint aber zu wirken.

Fukuyama: Unabhängig von der kurzfristigen Stabilisierung der Märkte wird der Wachstumspfad der amerikanischen Wirtschaft flacher verlaufen. Die Generation der Baby-Boomer, die alle nicht ausreichend für das Alter gespart haben, kommt ins Rentenalter. Das wird zu einer gesellschaftlichen Krise führen. Die Erwartungen müssen sich in einem schwierigen Prozess nach unten anpassen.

SZ: Die amerikanische Gesellschaft ist auf Konsum aufgebaut. Was bedeutet diese Anpassung für die Menschen?

Fukuyama: Die Politiker müssen den Bürgern ehrlich sagen, dass sie Steuern zu zahlen haben und dass sie sparen sollten. Ich weiß nicht, ob Barack Obama dies schaffen wird, aber er ist sicher besser in der Lage, über die notwendigen Dinge zu reden.

SZ: Besser als John McCain?

Fukuyama: McCain weiß nicht, was er will. Manchmal spricht er wie ein Goldwater-Republikaner über einen Minimalstaat und immer niedrigere Steuern (Barry Goldwater war ein konservativer Senator aus Arizona, der 1964 erfolglos als Präsident kandidierte). Manchmal redet er wie Teddy Roosevelt (Präsident Theodore Roosevelt regierte von 1901 bis 1909 mit vielen Staatsinterventionen in die Wirtschaft und hatte populistische Neigungen). Täglich wechselt er vom einen zum anderen. Man kann es positiv formulieren: McCain ist pragmatisch. Weniger freundlich würde ich sagen: Ihm fehlt das fundamentale Verständnis dafür, wie die Wirtschaft funktioniert.

SZ: Nehmen wir an, Barack Obama wird Präsident und er fragt Sie, was er im Januar in seiner Antrittsrede sagen soll. Was würden Sie ihm antworten?

Fukuyama: Was mir wirklich Sorgen macht, ist der Niedergang des öffentlichen Sektors, ein Ergebnis der Steuersenkungen der Reagan-Ära. Das hat man im Irak gesehen, beim Umgang mit dem Hurrikan Katrina und man sieht es an vielen anderen Fällen, in denen die Verwaltung nicht leisten kann, was sie leisten sollte. Deshalb würde ich mir von Obama so etwas wie John F. Kennedys Antrittsrede wünschen, der seinerzeit den Dienst für die Gemeinschaft würdigte und eine Generation von Amerikanern aufrief, sich dem Staat zur Verfügung zu stellen. In den vergangenen 30 Jahren wurde das Gegenteil gepredigt: Der Staat steht der Privatinitiative nur im Wege. Wir brauchen eine andere Kultur, um den öffentlichen Sektor wieder aufzubauen.

SZ: Lag Ronald Reagan mit seinen marktwirtschaftlichen Reformen denn falsch?

Fukuyama: Nein, Reagan hatte recht. Die Menschen vergessen leicht, wie überreguliert Amerika und Europa damals waren. Der wichtigste Beitrag, den Reagan leistete, war die Liberalisierung der Arbeitsmärkte. Man kann diese Märkte so deregulieren, dass die Produktivität und die Anpassungsfähigkeit gefördert werden. Deshalb können die Vereinigten Staaten auf Schocks besser reagieren als viele europäische Staaten. Das Modell funktioniert, aber nicht in den Finanzmärkten Hier gibt es große Probleme mit der Unterregulierung.

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