Franchise-Unternehmen Das System

Händler und Gastronomen haben es nicht leicht. Trends wechseln schnell. Und die Besucherzahlen in den Einkaufszentren der Innenstädte gehen zurück.

(Foto: Florian Peljak)

Franchise kann erfolgreich sein, wenn sich die Unternehmen ihre Partner genau ansehen. Denn der falsche kann den Ruf der ganzen Firma schädigen.

Von Stefan Weber

Bubble Tea war Kult im deutschen Sommer 2012. Vor allem junge Menschen waren ganz wild auf das aus Taiwan stammende süße, klebrige Getränk. Im Wochentakt eröffneten neue Läden. Marktführer Bobo Q dirigierte ein Netz von 100 Filialen - in Windeseile per Franchise aufgebaut. Dann machten Meldungen die Runde, der Konsum der bunten Perlen sei wenig gesund, und der Absturz der Anbieter begann. Bald war klar: Bubble-Tee war einer der kürzesten Trends im deutschen Einzelhandel. Die Umsätze schrumpften, viele Läden schlossen, und ihre Betreiber rutschten in die Insolvenz.

Im Moment sind Frozen Yogurt und Waffeln gefragt. Wie lange dieser Hype währt, kann niemand sagen. Klar ist, dass die Trends im Gastronomiebereich immer schneller wechseln. Kaum entwickeln die Verbraucher eine neue Vorliebe, schießen neue Läden aus dem Boden. In der überwiegenden Zahl der Fälle werden sie im Franchise betrieben. Die Leiter der Filialen sind keine Angestellten, sondern selbständige Unternehmer. Sie betreiben den Standort auf eigene Rechnung. Konzept und Marke stellt ein Franchisegeber. Dafür zahlen die Existenzgründer eine Einstiegsgebühr meist in Höhe eines mittleren fünfstelligen Betrages und einen monatlichen Betrag, der sich am Umsatz orientiert. Ihre Hoffnung: mit einem bewährten Geschäftsmodell und einem starken Partner im Rücken sehr viel risikoloser Geld zu verdienen als mit einer eigenen Geschäftsidee.

Für Unternehmen, die expandieren wollen, ist Franchise eine interessante Alternative zum klassischen Filialsystem. Sie müssen die Läden nicht alleine finanzieren und fallen nicht so tief, wenn es schiefgeht. Immer mehr Firmen nutzen deshalb das Franchise-System, um ihr Geschäftsmodell zu multiplizieren. Nach Angaben des Deutschen Franchise-Verbandes (DFV) gibt es derzeit etwa 950 Franchisegeber. Sie beschäftigen in mehr als 162 000 Partnerbetrieben gut 710 000 Mitarbeiter. Meist handelt es sich um Dienstleister, Händler oder Gastronomiebetriebe - allesamt Branchen, in denen die Insolvenzanfälligkeit nach Zahlen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform überdurchschnittlich hoch ist. Immer öfter versuchen aber auch Handwerksbetriebe und Immobilienanbieter, über Franchise zu wachsen. Insgesamt gehen in jedem Jahr etwa 150 neue Franchisesysteme an den Start. Im selben Zeitraum verschwindet etwa die gleiche Zahl vom Markt - weil sie insolvent sind oder weil Unternehmen entschieden haben, künftig mit eigenen Filialen statt mit Franchise zu wachsen.

Auch unter den Anbietern gibt es schwarze Schafe

Vor allem Händler und Systemgastronomen, die mehr als die Hälfte aller Franchisesysteme ausmachen, haben es schwer: Seit es den Mindestlohn gibt, müssen sie ihre Mitarbeiter meist höher bezahlen als früher. Das hat ihre ohnehin knappe Marge weiter gedrückt, zudem gehen die Besucherzahlen in Shoppingcentern und Einkaufsstraßen, wo sie mit ihren Läden vertreten sind, vielerorts zurück. Nach Schätzung des Branchenexperten Felix Peckert, der den Markt seit vielen Jahren beobachtet und Firmen berät, ermöglichen allenfalls 200 bis 250 Systeme Firmengründern auch langfristig eine sichere Existenz: weil sie ein ausgereiftes Konzept anbieten und weil sie ihre Partner gezielt unterstützen, wenn es mal nicht so gut läuft. Etwa, indem sie eine gezielte Beratung durchführen oder Innovationen anbieten. "Es gibt viele Anbieter, die nur die Gebühren kassieren und sich sonst wenig um ihre Franchisenehmer kümmern", sagt Peckert.

Früher habe es oft lange gedauert, bis schwarze Schafe identifiziert worden seien. Heute gelinge dies dank der sozialen Netzwerke sehr viel schneller. "Oft genügt schon eine kurze Recherche per Facebook, Google oder Youtube." Auffällig ist, dass offenbar ein Zusammenhang zwischen der erforderlichen Investitionssumme eines potenziellen Partners und der Insolvenzanfälligkeit besteht: Systeme, bei denen Franchisenehmer weniger als 100 000 Euro mitbringen müssen (das sind nach Angaben des Branchendienstes "Forum Franchise und Systeme" etwa 70 Prozent aller Systeme), scheitern mit einer Wahrscheinlichkeit von 7,5 bis zehn Prozent. Bei Systemen mit höheren Investitionssummen beträgt die Ausfallquote nur fünf Prozent. Und dann gibt es nach Auskunft von Experte Peckert Systeme mit sehr hohem Einsatz wie McDonald's, "bei denen ein Franchisenehmer selbst schuld ist, wenn er scheitert".

Ein Grund für diese Spreizung ist, dass sich erfolgreiche und etablierte Systeme potenzielle Partner genau anschauen. Sie interessieren sich nicht nur dafür, ob ein Bewerber das nötige Startkapital aufbringen kann. Sondern sie prüfen auch dessen kaufmännisches Know-how. Sie möchten wissen, ob er Führungserfahrung besitzt und ob er Spaß daran hat, sich in eine möglicherweise völlig neue Branche einzuarbeiten. Schließlich kann das Missmanagement eines einzelnen Partners schnell das ganze System in Verruf bringen. So ist es in der Gastronomie schon häufiger vorgekommen, dass ein Franchisenehmer gegen die Qualitätsvorschriften verstieß und damit neben seinem eigenen Laden auch die Marke schädigte.

In Zeiten, in denen viele Firmen händeringend qualifizierte Mitarbeiter suchen, fällt es der Franchisewirtschaft besonders schwer, geeignete Partner zu finden. "Die Branche hat ein Imageproblem, weil viele Systeme in der Vergangenheit falsche Erwartungen geweckt haben", stellt Peckert fest. Seiner Meinung nach müsste die Franchisewirtschaft deutlich mehr investieren, um ihre Reputation zu verbessern und neue, kluge Köpfe für sich zu gewinnen. Hoffnung macht eine neue Klientel: Mitarbeiter aus dem mittleren Management, die von Konzernen gegen hohe Abfindungen aussortiert wurden und nun eine Existenzgründung prüfen. Für sie könnte Franchise eine Option sein. Gestandene Manager, die einen erheblichen finanziellen Einsatz leisten, dürften besonders kritisch hinterfragen, wie leistungs- und zukunftsfähig ein System ist. Und wie groß der Einsatz der Zentrale ist, wenn einmal wirtschaftliche Klippen zu umschiffen sind.

Nicht selten kommt es zu Streitigkeiten zwischen Franchisegebern und Partnern, weil beide uneins sind, was die jeweils andere Seite zu leisten versprochen hat. Fachzeitschriften sind voll von entsprechenden Schilderungen. Und in den sozialen Netzwerken wettern enttäuschte Partner gegen Systeme, die viel kassiert und wenig geleistet haben. Es kommt vor, dass ein Franchisegeber die Vertriebsgebiete so eng schneidet, dass die Partner nicht auf die Beine kommen. Oder er verlängert einen Vertrag nicht, weil er einen gut laufenden Standort selbst betreiben will. Zentralen wiederum führen häufig Klage darüber, dass Partner Qualitätsvereinbarungen nicht beachten oder die erstbeste Gelegenheit nutzen, um aus dem Vertrag auszusteigen, die Geschäftsidee kopieren und einen eigenen Laden aufmachen. Bei Bubble Tea bestand dieses Risiko nicht. Als viele Franchisenehmer ihren Laden eröffneten, war der Trend bereits vorbei.