Forum Wenn Trump Ernst macht

Der US-Präsident will die Finanzmärkte deregulieren, was ein gefährliches Vorhaben ist. Europa sollte dem entgegensteuern.

Von Christian Proano

Seit der letzten globalen Finanzkrise gibt es ein erneutes Interesse in der Ökonomenzunft an der Dynamik des Finanzsystems und seinem Einfluss auf die Volkswirtschaft. Zentralbanken und andere politische Entscheidungsträger versuchen den sogenannten Finanzzyklus zu verstehen, um für die nächste Krise besser gewappnet zu sein. Dabei findet gerade ein Paradigmenwechsel statt. Während die vorherrschende Meinung in den 1980er- und 1990er-Jahren war, dass das Auf und Ab an den Finanzmärkten lediglich eine Reflexion der Realwirtschaft darstellten, gehen immer mehr Forschungsarbeiten von der These aus, dass ein nicht unwesentlicher Anteil dieser Dynamik einen anderen Ursprung hat - in der subjektiven Wahrnehmung, in Gewohnheiten und Launen der Anleger.

Die Idee ist, dass Finanzmärkte über eine eigene Dynamik verfügen, welche parallel zur Realwirtschaft existieren kann. Technischer ausgedrückt, wird die berühmt-berüchtigte Effizienzmarkthypothese, in der die Annahme der rationalen Erwartungen eine zentrale Rolle spielt, durch die Sichtweise der Behavioral Finance ersetzt, in der beschränkt rationale Erwartungen und Handlungen der Wirtschaftssubjekte maßgeblich sind.

Dies ist eine willkommene Entwicklung, die hoffentlich zu einem verbesserten Verständnis dessen führt, was Real- und Finanzwirtschaft verbindet oder trennt, und damit auch angemessene wirtschaftspolitische Maßnahmen ermöglicht.

Die empirische Literatur deutet auf folgende Eigenschaften des Finanzzyklus hin: Er hat eine deutlich längere Durchschnittsdauer als der Konjunkturzyklus, etwa 15 statt acht Jahre. Also müssen Maßnahmen, die den Zyklus beeinflussen wollen, mittelfristig angelegt werden. Der Finanzzyklus hat auch größere Ausschläge als der Konjunkturzyklus, die jeder für sich länger dauern als der Konjunkturzyklus.

Und weil Geld keine Grenzen kennt, kann das wie ein Katalysator wirken und weltweit umso heftigere Auswirkungen haben. Auch scheint der Finanzzyklus geeignet zu sein, Konjunktureinbrüche frühzeitig zu erkennen. Ein signifikanter Rückgang des Kreditwachstums und der Immobilienpreise - diese makroökonomischen Variablen spiegeln am besten den Finanzzyklus wider - scheint den Anfang ökonomischer Rezessionsphasen einzuläuten.

Jüngste Untersuchungen fokussieren sich darüber hinaus auf die internationale Dimension des Themas. Sie stützen die Hypothese, dass nationale Finanzzyklen von einem globalen Zyklus getrieben werden. Dieser scheint wiederum maßgeblich durch die amerikanische Geldpolitik beeinflusst zu sein. Dieser globale Finanzzyklus wird deshalb am besten durch die Bewegungen des "VIX" beschrieben, des Volatilitätsindex der Chicagoer Börse, der die Unsicherheit und Nervosität der Finanzmärkte darstellt.

Proano ist einer der 36 jüngeren Ökonomen, die die SZ in ihrem Bestseller "Denk doch, wie du willst" vorgestellt hat. Das Buch gibt es im Buchhandel, unter sz-shop.de oder Telefon: 089/21 83 18 10.

(Foto: )

Die Existenz eines globalen Finanzzyklus, der die konjunkturelle Aktivität individueller Länder beeinflusst, hat weitreichende wirtschaftspolitische Konsequenzen. Zum einen bedeutet dies, dass Kapitalströme in entwickelten und in Entwicklungsländern nicht primär durch die Attraktivität von Investitionen in solchen Ländern entstehen (wie die Standardlehre vorschreiben würde), sondern dass sie durch die makroökonomische Lage und geldpolitische Ausrichtung in den Vereinigten Staaten getrieben sind. Zum anderen impliziert die Existenz eines globalen Finanzzyklus, dass die Wirkung der Geldpolitik umso kleiner ist, je offener die Kapitalbilanzen der jeweiligen Länder sind und folglich, je ungehinderter Finanzkapital in und aus diesen Ländern strömen kann.

Verbindet man nun die These eines globalen Finanzzyklus mit der Behavioral- Finance-Theorie, dann ergibt sich eine hoch explosive Mischung. Die Marktteilnehmer verfügen nach dieser Sichtweise nur über beschränkte kognitive Fähigkeiten und verstehen weder das makroökonomische Umfeld, in dem sie agieren, noch die makroökonomische Folgen ihres Handelns vollständig. Womöglich handeln sie unwillentlich destabilisierend - und darunter sind viele Daumenregeln der sogenannten Technical Analysis. Darüber hinaus wird das Handeln der Marktteilnehmer nicht unwesentlich von den "animal spirits" getrieben, den animalischen Instinkten, wie sie der große britische Ökonom John Maynard Keynes beschreiben hat - unreflektierte Instinkte, Emotionen und Herdenverhalten. Dann kann von einer Effizienz der Märkte und von Vorteilen durch Finanzmarktderegulierung kaum die Rede sein. Ganz im Gegenteil: in einer solchen Welt ist die Regulierung der Finanzmärkte nicht nur von noch größerer Wichtigkeit, sondern sogar zwingend notwendig für die Gewährleistung von makroökonomischer Stabilität.

Unter diesen Gesichtspunkten erscheint der jüngste Vorstoß des US-Präsidenten Donald Trump sowohl für eine neue Deregulierungswelle der amerikanischen Finanzmärkte als auch das angeordnete Nicht-Mitmachen bei neuen Regulierungsprojekten auf internationaler Ebene nicht nur für die amerikanische Wirtschaft gefährlich, sondern auch für viele Länder, in denen der globale Finanzzyklus eine besondere Rolle spielt.

Schlimmer: Viele Staaten würden in der gegenwärtigen Situation - anders als 2007, als die Weltwirtschaft in der Lage war, mit dezidierten fiskalpolitischen Konjunkturprogrammen und einer stark expansiven Geldpolitik dem konjunkturellen Einbruch entgegenzuwirken - eine neue Konjunkturkrise sicherlich kaum verkraften. Wenn sich Trump also über die Lehren der letzten Finanzkrise hinwegsetzen und tatsächlich die USA in eine neue Welle der Finanzmarktderegulierung stürzen will, welche in der kurzen oder mittleren Frist die Weltwirtschaft wieder gefährden könnte, sollte Europa die genau entgegengesetzte Richtung einschlagen. Eine stärkere Finanzmarktregulierung, die genau auf diese beschränkt rationalen Handlungsweisen der Finanzmarktakteure abzielt und die damit verbundenen internationalen Finanzströme möglichst eindämmt und somit, wie vor langer Zeit vom US-amerikanischen Nobelpreisträger James Tobin vorgeschlagen, Sand ins Getriebe der Finanzmärkte streuen würde sowie das Design von makroprudenziellen Maßnahmen, die die Prozyklität der Kreditvergabe soweit wie möglich verringern würden, sollten ganz oben auf der Agenda der nächsten Jahre stehen. Eine passive Haltung zu Trumps Deregulierungsmachenschaften jedenfalls wäre das Letzte, was Europa und die Welt brauchen.