Forum Tafel oder Tonne

Frankreich verbietet dem Handel das Wegwerfen von Lebensmitteln. Das löst aber keine Probleme. Ein Gastbeitrag aus dem Institut für Wirtschaftspolitik Köln.

Von Christine Arentz und Ines Läufer

Ein ungutes Gefühl hat man schnell, wenn nicht mehr ganz frische, aber noch genießbare Lebensmittel in der Tonne landen. Viele Bürger würden diese noch dankbar entgegennehmen, und weltweit hungern zahlreiche Menschen.

Jetzt ist das Wegwerfen den französischen Supermärkten verboten worden. Überschüssige Waren sind entweder an Wohltätigkeitsvereine zu spenden oder in der Landwirtschaft einzusetzen. Ein längst überfälliger Schritt gegen Verschwendung?

Dieser Eindruck könnte täuschen: Wollen Verbraucher auch noch kurz vor Ladenschluss eine große Auswahl in den Geschäften vorfinden, ist Abfall programmiert. Weil die Händler nicht genau wissen, wie viel sie von welchen Lebensmitteln verkaufen können, werden sie zur Sicherheit mehr anbieten, als verkauft werden kann - und damit rechnen, einiges nach Ladenschluss entsorgen zu müssen, was am Folgetag nicht mehr angeboten werden kann.

Leichtfertig werden die Supermärkte diese Überschüsse allerdings keineswegs in Kauf nehmen. Verschwendung im Sinne von Angeboten, die gar nicht nachgefragt werden, kann sich der im harten Konkurrenzkampf stehende Handel nicht leisten. Der abendliche Berg unverkaufter Ware stellt offensichtlich den notwendigen Preis der gewünschten Auswahl dar - und viele Kunden zahlen ihn bereitwillig.

Auch die Überschüsse an Wohltätigkeitsvereine wie "Die Tafeln" zu spenden, ist kostenträchtig: Es erfordert, kurzfristig noch genießbare Waren auszusortieren und deren Übergabe zu koordinieren. Hinzu kommen die möglichen Umsatzeinbußen bei einer regelmäßigen Spende unverkaufter Lebensmittel: In Erwartung kostenloser Lebensmittel könnten manche Kunden auf den Einkauf verzichten.

Wenn die Supermärkte von Gesetzes wegen nun keine noch verzehrbaren Lebensmittel mehr wegwerfen dürfen, sie bisher aber wohlüberlegt gehandelt haben, entstehen zwangsläufig höhere Kosten. Besitzen die Händler kaum noch Margen, um solche höheren Kosten tragen zu können, dann müssen entweder die Lebensmittelhersteller und Bauern mit noch niedrigeren Erzeugerpreisen arbeiten oder die Kunden höhere Preise bezahlen.

Dabei ist im Vorhinein nicht vorherzusagen, ob das Wegwerfverbot zu einem erhöhten Spendenaufkommen genießbarer Lebensmittel führt. Sollten sich die Kunden bei höheren Preisen weniger Lebensmittel(-Auswahl) leisten wollen, könnten die insgesamt angebotene Menge und damit auch die abends überschüssige Menge an frischen, schnell verderblichen Lebensmitteln zurückgehen.

Das Wegwerfverbot zielt auf eine Umverteilung von den Supermarktkunden zu den Empfängern gespendeter Lebensmittel ab. Dies ist allerdings aus zwei Gründen problematisch: Erstens werden damit Personen belastet, die keineswegs über ein hohes Einkommen verfügen müssen. Schließlich sind es nicht nur und vielleicht nicht einmal vor allem reiche Bürger, die regelmäßig im Supermarkt einkaufen gehen. Von höheren Preisen oder geringerer Auswahl sind auch Kunden betroffen, die nicht oder nur geringfügig mehr Einkommen haben als die Empfänger der gespendeten Waren.

Zweitens ist fraglich, ob tatsächlich die bedürftigsten Haushalte auch zu den größten Nutznießern der Lebensmittelspenden zählen. Sollte es beispielsweise Bürger geben, die aufgrund ihres Selbstbildes lieber darauf verzichten, ihren Kühlschrank auch mit Lebensmittelspenden zu füllen, würde die auf dem Umweg des Gesetzes angestoßene Umverteilung ihren Zweck verfehlen.

Es ist also nicht sicher, dass in der Summe mehr Lebensmittel gespendet werden. Aber könnten weniger weggeworfene Lebensmittel zu einer Linderung des weltweiten Hungers beitragen? Sollten die anderen europäischen Länder dann mit ähnlichen Gesetzen nachziehen?

Möglich ist, dass die mit dem Gesetz steigenden Kosten der Lebensmittelversorgung zu einem geringeren Verbrauch von Produkten oder Rohstoffen wie beispielsweise Getreide führen, welche alternativ auch die hungernden Menschen ernähren könnten. Allerdings werden die geringeren Mengen an verwendeten Rohstoffen in der europäischen Nahrungsmittelherstellung an den Märkten über reduzierte Preise kommuniziert. Nur im ersten Schritt erscheint es plausibel, dass dies den Hungernden helfen wird: Reduziert sich der Getreidepreis, könnten sich auch ärmere Personen mehr Getreide leisten.

Tatsächlich aber wären die Folgen reduzierter Preise sehr unsicher und keineswegs automatisch im Interesse der hungernden Menschen: Erstens könnten verstärkt andere Nachfrager zum Zug kommen. Im Falle des Getreides erhöhen sich womöglich die Auswahl sowie der Überschuss von Lebensmitteln im chinesischen Supermarkt, nicht aber die armen Familien in Äthiopien zugängliche Nahrungsmittelmenge.

Auch könnten von den niedrigeren Preisen jene Nachfrager in Industrienationen profitieren, welche das Getreide als Treibstoff oder Futtermittel nutzen. Zweitens sinkt mit dem Getreidepreis auch das Einkommen der (oftmals ebenfalls armen) Bauern in Entwicklungsländern. Dies könnte deren ausreichende Ernährung der eigenen Familie gefährden. Drittens ist auch nicht zu erwarten, dass das gesamte Angebot an Getreide aufrechterhalten bleibt, wenn der Preis fällt. Mittel- und langfristig wäre mit einem geringeren Angebot zu rechnen.

Mag das Wegwerfverbot für Supermärkte dem unguten Gefühl angesichts großer Abfallberge von Lebensmitteln gerecht werden - es scheint riskant, das komplexe Hungerproblem damit lösen zu wollen. Nun muss es allerdings nicht beim schlechten Gewissen angesichts des Wegwerfens von Lebensmitteln bleiben. Entscheidend für die Verbesserung der Versorgung bedürftiger Menschen ist nicht der Verzicht wohlhabender Bürger auf Auswahl und Wegwerfen von Lebensmitteln, sondern dass diese etwas abgeben, um den Armen helfen. Der Verzicht muss tatsächlich zugunsten derjenigen erfolgen, denen wir helfen wollen. Bei einer Geldspende könnte dies deutlich sicherer und eindeutiger gewährleistet sein. Worauf wir mit unserer Spende verzichten, wird den Empfängern egal sein - sofern sie mit ihrem nun erhöhten Einkommen verstärkt oder erstmals den Lebensmittelmarkt nutzen können.