Forum Fusioniert die Banken

Martin Hellmich ist seit September 2012 Professor an der Frankfurt School of Finance. Zuvor war der promovierte Mathematiker bei verschiedenen Banken tätig.

(Foto: privat)

Financial-Risk-Management-Professor Martin Hellmich erklärt, dass Regulierung nicht genügt, um Europas Finanzmärkte sicherer und effektiver zu machen.

Von Martin Hellmich

Die europäischen Finanzmärkte haben eine siebenjährige Phase der Einführung neuer regulatorischer Rahmenbedingungen hinter sich. Diese ist zwar bei Weitem nicht abgeschlossen, dennoch drängen sich folgende Fragen auf: Erstens: Haben die neuen Regularien zu einem sicheren Finanzsystem geführt? Zweitens: Hat das Finanzsystem nun eine effiziente Struktur zur Erbringung aller relevanten Finanzdienstleistungen für die Realwirtschaft, in notwendigem Umfang und mit akzeptablem Preis?

Zunächst zum Stand der Regulierung: Obwohl Basel III erst in der Umsetzungsphase ist, stehen weitere Reformpakete für das Kredit- und Handelsgeschäft von Banken an. Mit den Richtlinien MIFID II (Markets in Financial Instruments Directive) und EMIR (European Market Infrastructure Relation) werden die Finanz- und speziell die Derivate-Märkte einer neuen Regulierung unterworfen. Mit der AIMFD (Alternative Investment Fund Manager Directive) beziehungsweise Solvency II geschieht dies auch für Hedgefonds und geschlossene Fonds sowie Versicherungen. Gleichzeitig wurde mit der Erweiterung der Kompetenzen der Europäischen Zentralbank eine einheitliche Bankenaufsicht geschaffen, künftig ergänzt durch einen gemeinsamen Abwicklungsmechanismus für marode Banken. Letzterer wird flankiert werden durch Neuregelungen der Verlustbeteiligungen für Gläubiger von Banken.

Wie sieht es unter diesen Rahmenbedingungen mit der Stabilität der europäischen Bankenlandschaft aus? Für Deutschland und auch Europa gilt, dass zahlreiche Bankinstitute existieren, die kein hinreichendes Geschäftsmodell haben. Neben Overbanking und Nullzinsumfeld machen die durch Digitalisierung bedingten Änderungen von Informationsflüssen und Distributionskanälen große Teile des klassischen Bankgeschäftes überflüssig. Banken ohne tragfähiges Geschäftsmodell können jedoch nicht ausreichend Gewinne zum Aufbau von Risikopuffern nutzen und sind der Versuchung ausgesetzt, sich in risikoreichen Geschäften außerhalb ihrer Kernkompetenz zu engagieren. Die Risikoentflechtung zwischen Banken und Staaten ist nur partiell gelungen, weil Banken für die Staatsfinanzierung noch immer eine tragende Rolle spielen. Systemische Risiken infolge von Ansteckungsgefahren beziehungsweise der Tatsache, dass unterschiedliche Finanzinstitute sehr ähnlichen Risiken ausgesetzt sind, haben für Banken und Staaten immer noch das größte Drohpotenzial. Im Hinblick auf die erste der beiden Fragen gilt also, dass noch kein zufriedenstellender Status erreicht ist.

Schafft Institute, die mit den Konkurrenten aus China und den USA auf Augenhöhe sind

Die zweite Frage nach der effizienten Struktur lässt sich mit einem klaren Nein beantworten, insbesondere aus gesamteuropäischer Sicht. In ihrem Grünbuch zur Schaffung einer Kapitalmarktunion stellt die EU-Kommission klar, dass die Unternehmensfinanzierung in Europa immer noch viel zu stark von den Banken und zu wenig von den Kapitalmärkten abhängt, was unter anderem dazu führt, dass sich Krisen des Bankensektors ungefiltert auf die Refinanzierung der Realwirtschaft auswirken. Deshalb wäre eine Diversifizierung der Refinanzierungsquellen europäischer Unternehmen wünschenswert. Treten nämlich Banken vornehmlich als End-Investoren in Kreditrisiken auf, führt dies zu großen und gehebelten Bankbilanzen und einer großen Konzentration von Risiken im Bankensektor. Die Lösung des Problems stellt das gegenteilige Szenario dar: Weniger Banken mit geringeren Bilanzsummen, dafür aber Diversifikation der Risiken auf viele Investoren mithilfe der Kapitalmärkte. Die Situation im Jahr 2009 hat die Problematik aufgezeigt, als zahlreiche große europäische Unternehmen aufgrund der damaligen Schwäche der Banken Unternehmensanleihen emittiert haben, um traditionelle Bankkredite zu ersetzen. Anleihen sind am Kapitalmarkt handelbare Instrumente mit einer breiten Investorenbasis. Ihre Nutzung stellt die Unternehmensfinanzierung somit auf widerstandsfähigere Schultern und kompensierte die Schwäche der Banken. Dies half allerdings nur großen Unternehmen mit direktem Zugang zum Kapitalmarkt.

Gleichzeitig wird in dem Grünbuch der EU-Kommission festgestellt, dass Banken auch in normalen Phasen nicht für alle Unternehmen die richtigen Partner sind. Dies gilt etwa für innovative und wissensbasierte Wachstumsbranchen, da immaterielle Vermögenswerte nicht als Sicherheiten für Banken zur Kreditvergabe verwendet werden können. Andererseits stehen mit Unternehmensanleihen, High Yield Bonds und Verbriefungen von Mittelstandskrediten Kapitalmarktprodukte zur Verfügung, um Unternehmen aller Größenordnungen geeignete Fremdkapitalinstrumente anzubieten und die Risiken dieser Instrumente auf den Schultern vieler Investoren zu verteilen. Mit einem europaweit funktionierenden Markt für Private Equity und Gründungsfinanzierungen (Venture Capital) wird auch die Eigenkapitalbeschaffung für Unternehmen ohne direkten Zugang zu den Märkten erleichtert und innovatives Wachstum gefördert. Dies funktioniert umso besser, je größer und tiefer der Kapitalmarkt ist, weshalb sein Ausbau eine gesamteuropäische Aufgabe ist.

Gleichzeitig suchen institutionelle Investoren wie Versicherungen im Niedrigzinsumfeld nach geeigneten Anlagemöglichkeiten. Traditionell haben Versicherungen Banken refinanziert und diesen damit geholfen, ihre Bilanzen aufzublähen. Wenn Versicherungen das Volumen der gehaltenen Bankanleihen reduzieren und über geeignete Kapitalmarktprodukte direkt in die bisher von Banken gehaltenen Risiken investieren, dann führt dies zur besseren Diversifikation in ihrer Kapitalanlage und zu einer Verringerung der Risikokonzentration im Bankensektor.

Fazit: Durch die Schaffung neuer regulatorischer Rahmenbedingungen allein werden Europas Finanzmärkte nicht sicherer oder effektiver. Dies kann nur eine grundlegende Überarbeitung der Architektur der Finanzmärkte erreichen. Diese sollte mit der überfälligen Konsolidierung des Bankensektors beginnen, um die Anzahl europäischer Banken sowie deren aggregierte Bilanzsumme zu senken. Europaweite Bankzusammenschlüsse sollten Institute schaffen, die mit chinesischen und amerikanischen Konkurrenten auf Augenhöhe sind. In der Vergangenheit hat Bank-Nationalismus in Europa mit Billigung der Aufsichtsbehörden zu einer weiteren Aufblähung der Bankenindustrie geführt und sinnvolle Zusammenschlüsse verhindert.

Schließlich ist es ein wichtiges Signal für Europa, gemeinsam einen Schritt vorwärts in Sachen Integration zu machen und mit einem effektiveren Finanzmarkt für Wohlstand und Prosperität zu sorgen.