Von Björn Finke

Grob verschätzt: Ausgerechnet das besonnene Kieler Institut für Weltwirtschaft revidiert seine Wachstums-Prognose für 2007 massiv.

Das Wachstum der deutschen Wirtschaft wird sich nach Meinung von Experten im nächsten Jahr deutlich weniger abschwächen als noch im Herbst befürchtet - trotz der Mehrwertsteuererhöhung.

Immer mehr Unternehmen freuen sich über volle Auftragsbücher. (© Foto: ddp)

Anzeige

Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel verdoppelte seine Konjunkturprognose für 2007 am Dienstag von 1,0 auf 2,1 Prozent: eine ungewöhnlich starke Korrektur. In ihrem Gemeinschaftsgutachten im Oktober hatten die führenden Forschungsinstitute, zu denen das IfW gehört, eine Steigerung des Bruttoinlandsprodukts um lediglich 1,4 Prozent vorhergesehen.

Für das laufende Jahr gehen die Kieler von 2,6 Prozent Wachstum aus. Die Zahl der Arbeitslosen werde 2007 im Schnitt 4,14Millionen betragen, 360000 weniger als 2006. Der Aufschwung könne über 2007 hinaus andauern, schreiben die Experten.

Positive Daten auch vom ZEW

Auch das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) veröffentlichte erfreuliche Daten. Der ZEW-Indikator verbesserte sich im Dezember um 9,5 Punkte auf minus 19 Punkte und übertraf damit die meisten Prognosen. In den zehn Vormonaten war das Stimmungsbarometer gefallen.

Der Frühindikator ist Ergebnis einer Umfrage, wie Analysten die Konjunktur in den nächsten sechs Monaten einschätzen. Der Mittelwert der Vergangenheit liegt bei 33,7 Punkten, also deutlich über dem Dezemberergebnis. Doch wichtiger als die Höhe des Index ist die Richtung.

Die Wendepunkte wiesen recht verlässlich auf spätere Hoch- und Tiefpunkte der Konjunktur hin, sagte etwa Alexander Koch von der HypoVereinsbank. Deshalb gehe er davon aus, dass sich die Wirtschaft in einem halben Jahr erholt haben werde von der Mehrwertsteuererhöhung.

ZEW-Präsident Wolfgang Franz schätzt, dass der Indikator weiter zulegt: "Die Erwartungen haben wohl die Talsohle durchschritten und befinden sich dank robuster Konjunkturperspektiven im Aufwind", sagte er.

Ifo-Index zeigt ebenfalls nach oben

Der Aufschwung gewinne an Breite und sei eine stabile Grundlage für 2007. Zu der ZEW-Wende passt das Ergebnis einer anderen wichtigen Zeitreihe: Der Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Instituts, eine Firmenumfrage, steigt seit September wieder an und erreichte im November einen Wert, der letztmals beim Boom nach der Wiedervereinigung übertroffen wurde.

Die Kieler IfW-Forscher schreiben in ihrer neuen Prognose, dass sich die Produktion im letzten Quartal 2006 stark ausdehnen werde. Die Verdoppelung ihrer Vorhersage für 2007 begründen die Ökonomen damit, dass sich Frühindikatoren für die Konjunktur - wie eben der ZEW- oder Ifo-Index - viel günstiger entwickelt hätten, als die Forscher im August bei ihrer letzten Prognose geschätzt hatten.

Die Mehrwertsteuererhöhung, kletternde Zinsen und das nachlassende Wachstum der Weltwirtschaft belasteten zwar die Konjunktur. Die Exporte würden langsamer zulegen. Doch die Binnennachfrage - bisher meist Schwachpunkt der Wirtschaft - werde genug steigen, um das auszugleichen. Die Auftragsbücher der Betriebe seien gut gefüllt. Die Ursache stelle vor allem die Nachfrage heimischer Firmen nach Maschinen dar. "Dies deutet darauf hin, dass die Unternehmen mit der Fortsetzung des Aufschwungs rechnen", meinen die Experten.

Mehr Arbeitsplätze

Dass die Zahl der Arbeitsplätze schneller wächst, sei ebenfalls ein erfreuliches Zeichen und Folge der niedrigen Lohnerhöhungen der vergangenen drei Jahre, schreibt das IfW.

Blieben die Gehaltssteigerungen "sehr maßvoll", bestünden über 2007 hinaus gute Chancen auf einen langen Aufschwung und den nachhaltigen Abbau der Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosenquote werde dann von 10,7 auf 9,8 Prozent 2007 und 9,3 Prozent 2008 sinken. Das Bruttoinlandsprodukt werde 2008 um 1,8 Prozent zulegen.

Das Hamburger Wirtschaftsinstitut HWWI kündigte ebenfalls an, seine Wachstumsprognose zu erhöhen. "Das werden alle anderen auch tun", sagte HWWI-Experte Jörg Hinze.

Leser empfehlen 

(SZ vom 13.12.2006)